Direkt zum Inhalt springen

"Veränderungsprozesse wie der demografische Wandel, die globale Erwärmung, Armut oder auch die Stabilität der Kapitalmärkte müssen nachhaltig adressiert werden."

Dr. Joachim Faber, Mitglied des Rates

17.02.2010

Mehr News zum Thema : Europa | Wirtschaft | Strategie | Forschung | Konsum 

Neuer Wachstumsbegriff: Lob und Kritik für Merkels Vorstoß

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrem Video-Podcast vom 06. Februar für einen neuen Wachstumsbegriff geworben. Die europäischen Länder, sagte die deutsche Regierungschefin, müssten „über neue Formen des Wohlstands reden“. Ein Wachstumsbegriff für das 21. Jahrhundert dürfe sich nicht allein auf „klassische, ökonomische Wachstumsgrößen“ berufen, sondern müsse, so Merkel, „nachhaltigen Wohlstand“ sichern. Entscheidende Rollen spielten dabei „die Sicherheit, die Lebensqualität, die Gesundheit und der nachhaltige Umgang mit Rohstoffen“. Kritische  deutsche Wirtschaftswissenschaftler loben die Bundeskanzlerin für diesen Vorstoß, halten ihre Überlegungen aber für noch nicht ausreichend.

Prof. Dr. Holger Rogall von der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht nennt es „sehr begrüßenswert“, das die Kanzlerin sich zu einem neuen Wachstumsbegriff äußert. Es sei seit Jahrzehnten klar, so der Inhaber des Lehrstuhls für Nachhaltige Ökonomie, dass die Steigerung des Wirtschaftswachstums und des Bruttoinlandsprodukts (BIP) soziale und ökologische Miseren verursache. Merkel gehe mit ihrer Kritik noch nicht weit genug, meint Rogall. „Die Bundeskanzlerin hat sich lediglich für eine Erweiterung des klassischen Wachstumsbegriffs ausgesprochen“, kritisiert er. „Wir brauchen aber ein völlig neues Wachstumsverständnis“. In dessen Zentrum müsse die steigende Effizienz bei der Nutzung natürlicher Ressourcen stehen. Sie müsse stärker zulegen als das BIP. 

Der in Heidelberg lehrende Volkswirt Prof. Dr. Hans Diefenbacher beanstandet den Ausgangspunkt von Merkels Überlegungen. Die Kanzlerin machte ihre Kritik am Wachstumsbegriff auch an der Lissabon-Strategie der EU fest, mit der Europa zum wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt werden soll. Um dieses Ziel noch zu erreichen, sollen die europäischen Länder, so Merkel, stärker kooperieren. Diefenbacher kreidet an, gerade die Lissabon-Strategie befinde sich im Widerspruch zu globalen Nachhaltigkeitszielen, denn  sie stelle einen Kontinent in wirtschaftliche Konkurrenz zu anderen. Notwendig sei vielmehr ein balanciertes Wachstum:  „Wachstum muss künftig vor allem in den armen Ländern stattfinden“, sagt der Ökonom. Reiche Regionen müssten sich moderatere Wachstumsziele verordnen und die ökologischen Grenzen in den Mittelpunkt des Wirtschaftens stellen. Auch Rogall glaubt, dass das hinter der Lissabon-Strategie stehende „alte Wachstumsziel nicht zu einer nachhaltigen Wirtschaft führen“ wird.

Positiv bewertet Diefenbacher, dass die Kanzlerin in ihrem Video-Podcast auf die Arbeiten des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz hinweist. Eine hochkarätige Expertenkommission unter seiner Leitung hatte vergangenes Jahr im Auftrag der französischen Regierung eine alternative Messgröße zum BIP entwickelt, die ihrer Ansicht nach Wohlstand schärfer abbildet als das wachstumsfixierte BIP. Ihr Alternativindikator berücksichtigt bei der Berechnung des Wohlstands nicht nur durch Waren oder Dienstleistungen geschaffenen Werte, sondern auch andere wohlstandsfördernde Größen wie den Wert der Hausarbeit. Wohlstandsverluste wie etwa Umweltschäden fließen ebenfalls  in den Indikator ein. Diefenbacher hat gemeinsam mit dem Umweltwissenschaftler Roland Zieschank von der Freien Universität Berlin einen ähnlichen alternativen Wohlstandsindikator für Deutschland entwickelt. Auftraggeber des Forschungsprojektes war das Umweltbundesamt.

Aufgabe der Politik ist nach Diefenabachers Auffassung jetzt, alternative Messgrößen zur Berechnung des Wohlstands auch durchzusetzen. Dabei kann er sich durchaus ein Nebeneinander von BIP und einem zweiten Indikator vorstellen. Wichtig sei, dass beide sich „auf Augenhöhe begegnen“. Rogall spricht sich darüber hinaus für einen grundsätzlichen Schwenk der Wirtschaftspolitik hin zu einem „selektiven Wachstum“ aus. „Die Politik muss nachhaltige Industrien stärker fördern und die Unterstützung von nicht zukunftsfähigen Branchen allmählich zurückfahren“, sagt er. Die Wachstum begrenzenden Faktoren seien die ökologischen Kapazitäten der Erde und der Klimawandel. Beides verlange bis zur Jahrhundertmitte eine CO2-freie Wirtschaft. „Wir müssen deswegen alles neu erfinden“, sagt Rogall. Darin lägen „riesige Chancen für einen nachhaltigen Wohlstand“.

Newsletter-Abo

Interesse an unserem Newsletter? Abonnieren Sie hier die ‚News Nachhaltigkeit‘.