Traditionsstoff mit Transformationspotential

Das Unternehmen Seegrashandel setzt darauf, dass ein vergessener Dämmstoff – und sein Beitrag zum Klimaschutz – neu entdeckt wird. Dafür wurde es in der Kategorie Zukunft im Wettbewerb „Projekt Nachhaltigkeit" ausgezeichnet.

Frau Streich, Herr Hartje, Anfang November musste Ihre Webseite einen kleinen Ansturm von Besucher*innen verkraften. Was war da los?

Swantje Streich: Eine Folge der ZDF-Serie SOKO Wismar spielte in einer Seegrasmanufaktur. Wir verraten nicht, wer der Täter ist, obwohl wir das sogar vor der Ausstrahlung wussten – wir haben die Produktion nämlich beliefert. Wir freuen uns natürlich über die Neugierde des TV-Publikums. Schließlich arbeiten wir daran, dass der traditionelle Dämmstoff Seegras wieder bekannt wird.

Wie Ihr Firmenname schon sagt: Sie betreiben keine Seegrasmanufaktur, sondern einen Seegrashandel. Wie sind Sie denn auf diese Idee gekommen?

Jörn Hartje: 2004 haben wir das Dach unseres 100 Jahre alten Hauses dämmen wollen und sind dabei auf den traditionellen Dämmstoff Seegras gestoßen. Wir wussten damals sehr wenig darüber und haben uns erst selber schlau machen müssen. Am Ende waren wir begeistert: Seegras hat gute Dämm- und Schallschutzwerte, verrottet nicht, ist schimmel- sowie ungezieferresistent, und es brennt nicht. Wir haben damals die Restbestände eines Seegrasprojekts im Klützer Winkel gekauft, danach ging die Firma Konkurs, und wir haben noch einiges selber gesammelt. Da es sonst keinen Anbieter mehr gab und Bekannte von uns dringend Seegras kaufen wollten, kamen wir auf die Idee, den Seegrashandel zu gründen. Dies geschah 2012, seit 2020 ist es eine GmbH. In den ersten zähen Jahren bestand die Hauptaufgabe darin, Seegras als Dämmstoff bekannt zu machen. Inzwischen haben wir über 350 Baustellen damit beliefert.

Seegras wurde früher sehr viel genutzt…

Hartje: Es hat sich über Jahrhunderte bewährt, nicht nur zum Dämmen, auch zum Polstern. In Deutschland sind noch bis vor gut 60 Jahren Seegrasmatratzen produziert worden, bevor der Natur- durch Kunststoff verdrängt wurde. Allein in Dänemark erreichte die Seegrasproduktion zu ihrem Höhepunkt im Jahr 1913 eine Jahresproduktion von acht Millionen Tonnen – trockenem – Seegras. Das war dreimal so viel wie die gesamte Heuernte desselben Jahres. Aber heute ist es total in Vergessenheit geraten.

Manche denken bei Seegras wahrscheinlich an das Gras, das auf den Dünen wächst…

Hartje: Das ist was ganz anderes. Seegras wächst auf dem Meeresgrund, auf großen Wiesen in Tiefen von bis zu zehn Metern. Im Herbst reißt das Wasser einen Teil der abgestorbenen Blätter ab und treibt sie ans Ufer. Ich kann mich daran erinnern, dass in meiner Jugend die Strände voll damit waren. Heute wird das Seegras oft entfernt und entsorgt, vor allem, weil mit Algen vermischtes Seegras nach einiger Zeit einen starken Geruch verströmt. Nur ein Beispiel: Allein die Gemeinde Scharbeutz beseitigt jedes Jahr 8.000 Tonnen Seegras – um mal deutlich zu machen, von welchen Mengen wir da sprechen.

Wie genau kommen Sie denn an das Seegras heran?

Streich: Derzeit kaufen wir es bei dänischen Bauern ein. Deren Grundstücke grenzen an die Ostsee. Dort wird regelmäßig über 90 Prozent reines, grünes Seegras angeschwemmt. Die Landwirte fahren mit ihren Traktoren an den Ufersaum und nehmen mit einem Greifer das nasse Seegras auf. Dann lassen sie aus den Haufen erst mal das meiste Meerwasser heraussickern. Später verteilen sie es auf den Wiesen und wenden es in der Folgezeit immer wieder, denn es dauert je nach Jahreszeit wenige Tage bis etliche Wochen, bis es getrocknet ist. Außerdem wird es in dieser Zeit vom Regen gewaschen, der spült Meersalz und Plankton ab. So zieht der Dämmstoff später keine Feuchtigkeit aus der Luft und stinkt nicht. Schlussendlich wird das Seegras zu Ballen gepresst.

Sie arbeiten bisher nur mit dänischen Partnern zusammen – woran liegt das?

Hartje: Leider konnten wir in Deutschland bisher weder Kommunen noch Landwirt*innen überzeugen, in die Seegrasnutzung einzusteigen. Daher wollen wir jetzt selber ein Modellprojekt zu Seegrasaufbereitung aufbauen, bei der das Seegras gewaschen und in einer Solar-Trockenhalle getrocknet werden soll.

Was sind Ihre besten Argumente, um Zweifler*innen zu überzeugen?

Streich: Der Beitrag, den der Einsatz von Seegras für den Umwelt- und Klimaschutz leisten kann: Um konventionelle Dämmstoffe herzustellen, braucht es viel Energie. Werden sie dann irgendwann entsorgt, dann oft als Sondermüll. Seegras hingegen hat eine sehr gute Ökobilanz: Es wird an die Ufer gespült, braucht nicht extra angebaut zu werden, es wird von Regenwasser gewaschen und von Sonnenenergie getrocknet. Es speichert CO2 in der Dämmschicht. Wenn eines Tages Umbau- oder Abrissmaßnahmen anstehen, kann es nochmal verwendet oder im Garten verstreut werden. Seegras braucht für die Schimmel- und Feuerresistenz keinen Zusatz von Borsalz wie viele andere (Natur-)Dämmstoffe. Bedenken Sie: Mittlerweile stecken bei Neubauten zwei Drittel der aufgewendeten Energie in den Baustoffen und nur noch ein Drittel in der Heizenergie während der Nutzungsphase. Da kaum noch stärker gedämmt werden kann, gilt es jetzt, bei der Herstellung der Materialien Energie einzusparen. So wird aus einem vermeintlichen Umweltproblem ein wertvoller Rohstoff!

Projekt Nachhaltigkeit zeichnet die Seegrashandel GmbH aus

Swantje Streich und Jörn Hartje, Foto: Seegrashandel GmbH

Der Wettbewerb „Projekt Nachhaltigkeit“ zeichnet jedes Jahr Initiativen und Projekte aus, die sich für eine nachhaltige Entwicklung im Sinne der Agenda 2030 und der globalen Nachhaltigkeitsziele einsetzen. Der seit fünf Jahren etablierte Nachhaltigkeitspreis wird

von den vier Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien (RENN) in Kooperation mit dem Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) unter dem Dach des Gemeinschaftswerk Nachhaltigkeit verliehen. Die Preisträger*innen der beiden Kategorien „N – Jetzt und vor Ort“ und „Foto – Zukunft im Bild“ wurden bereits im September verkündet.

Die Seegrashandel GmbH aus Westerau in Schleswig-Holstein, geführt vom Ehepaar Jörn Hartje und Swantje Streich, wurde nun von RENN.nord mit einem von vier Preisen in der Kategorie Zukunft – Transformation ausgezeichnet. Mit diesem 10.000 Euro dotierten Preis in der Kategorie Zukunft werden Initiativen und Ideen ausgezeichnet, denen die Jury ein ganz besonders großes Transformationspotential zutraut.

Alle Gewinner*innen finden sich hier. Informationen zum Wettbewerb und den Bewerbungsmodalitäten im kommenden Jahr gibt es ab Anfang 2023 unter www.wettbewerb-projektn.de.