„Der Baubranche wird so langsam klar, welch großen Einfluss sie auf den Klimawandel hat“

Das Startup Concular hat sich vorgenommen, Materialkreisläufe im Baubereich zu etablieren. Dafür wird es nun vom Projekt Nachhaltigkeit ausgezeichnet.

Die Baubranche ist der größte Umweltverschmutzer der Welt, verantwortlich für 40 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes und für 60 Prozent des globalen Mülls. Gleichzeitig wird nur ein Prozent der verbauten Materialien wiederverwendet. Ihr Start-up Concular will dazu beitragen, das zu ändern. Was wollen Sie erreichen?

Dominik Campanella: Concular will erreichen, dass die Baubranche umdenkt, weg von der Energieeffizienz zur Ressourceneffizienz. Dazu muss man wissen: 50 Prozent der CO2-Emissionen entstehen im Bau, nicht im Betrieb. Viel zu lange haben wir uns auf den Betrieb und das Thema Energieeffizienz konzentriert. Wir sind aber davon überzeugt, dass im Bereich Abriss und Entsorgung noch brauchbarer Materialien ein riesiges Potential liegt.

Ihr erstes unternehmerisches Projekt im Jahr 2012 war Restado, ein virtueller Marktplatz für Baumaterialien, der sich in erster Linie an private Verbraucher richtete. Wie kamen Sie auf die Idee?

Unser Mitgründer bei Restado, Marc Haines, ist seit 35 Jahren Architekt. Der hatte immer wieder beobachten müssen, wie viel Material im Rückbau auf Baustellen weggeschmissen wird, obwohl es eigentlich noch sehr gut ist. Damals kamen wir dann zu dritt, zusammen mit Julius Schäufele, auf die Idee, einen Online-Marktplatz zu bauen, auf dem man diese Materialien weiterverkaufen kann. Den haben wir zu Europas größten Markt für wiederverwertbare Baustoffe ausgebaut.

Warum reicht das nicht? Warum haben Sie dann 2020 noch das Startup Concular gegründet?

2019 hatten wir uns mal angeschaut, wer alles bei Restado kauft und verkauft. Deutlich wurde: Das sind vor allen private Abnehmer*innen. Das ist gut. Aber wenn wir überlegen, wie wir einen großen Impact schaffen könnten, dann reicht das nicht. Wo können wir richtig CO2 sparen? Ganz klar, bei den großen Bauprojekten und den Akteuren dahinter. Und die – das wurde uns klar – nutzen Restado nicht. Also haben wir über 100 von ihnen interviewt und sie gefragt, was sie daran hindert.

Und?

Für große Bauprojekte braucht man Materialien in bestimmten, planbaren Mengen, sie müssen zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Qualität verfügbar sein und so weiter. Da bedient man sich eben ungern bei einem Verwandten von Ebay-Kleinanzeigen. Deswegen wollten wir mit Concular eine Lösung für große Bauprojekte bauen, das die komplette Wertschöpfungskette abbildet. Zusätzlich zu einer Software, die Angebot und Nachfrage zusammenbringt und Materialpässe erstellt, unterstützen wir unsere Kunden außerdem bei Bestandsaufnahmen, Rezertifizierung, Wiederaufbereitung und dem Wiedereinbau von Materialien.

Wie nehmen die großen Anbieter dieses Angebot an?

Die Baubranche ist die konservativste Branche, die man sich vorstellen kann. Hier werden Riesenprojekte im Wert von Millionen Euro gestemmt. Viele setzen ausschließlich Materialien ein, die hochwertig und neu sind, und trauen sich nicht, andere Wege zu gehen. Für uns ist es daher wichtig, die Botschaft rüberzubringen: Unsere Materialien sind genauso hochwertig. Das ist aber im Mindset von professionellen Bauherren noch nicht angekommen. Hier bestehen viele Ängste, was Haftung und Gewährleistung betrifft.

Das hört sich jetzt recht pessimistisch an…

… einfach ist das nicht. Aber wir sehen derzeit, wie sich diese Haltung auch bei den großen Akteuren verändert, auch dank der sich wandelnden Regularien. Der Baubranche wird so langsam klar, welch großen Einfluss sie auf den Klimawandel hat. Ein anderer, genauso wichtiger Aspekt, den wir kommunizieren: Mit Kreisläufen lässt sich Geld sparen und Geld verdienen. Wenn ich ein Gebäude rückbaue – also abreiße –, muss ich ja Geld dafür bezahlen, dass hochwertige Materialien auf der Mülldeponie landen. Wenn ich diese Materialien aber nicht mehr als Abfall betrachte, sondern als Werte, dann kann ich dafür im Gegenteil Geld verlangen. Das ermöglicht Concular. Wir können das ganz detailliert mit unserer Software berechnen.

Sie sagten gerade, dass sich die Rahmenbedingungen langsam ändern. Was passiert bereits, und was müsste noch passieren?

Auch wenn weiterhin allgemeingültig Standards für zirkuläres Bauen fehlen: Da tut sich gerade viel. Anfang September haben wir von Concular gemeinsam mit 30 Akteuren der Baubranche den ersten Standard für zirkuläres Bauen vorgestellt, die neue DIN SPEC 91484 – ein ganz konkretes Verfahren. Ziel ist es nun, das in die Landesbauordnungen einzubringen. Wir warten also nicht auf die Politiker*innen, bis die Standards setzen, wir schlagen selbst Lösungen vor. Auch wird gerade die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie auf den Weg gebracht; an diesem Prozess sind wir auch beteiligt. Verglichen mit Frankreich und den Niederlanden ist Deutschland aber noch nicht so weit, wie das Land sein könnte.

Ein Teil Ihrer Tätigkeit ist also Lobbyarbeit für die Kreislaufwirtschaft?

Es ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit, mit vielen Politiker*innen zu reden, zu Besuch in Ministerien zu sein, an Arbeitsgruppen teilzunehmen. Wir arbeiten nicht nur an unserem Produkt, sondern auch an den Rahmenbedingungen. Es ist typisch für Impact-Startups, dass man noch weitere Ziele hat als den eigenen ökonomischen Erfolg. Klar, wir wollen ein Startup bauen, das sich tragen kann, ökonomisch sinnvoll und für Investoren spannend ist. Genauso wichtig ist es, dass wir als Gesellschaft CO2 einsparen – und darauf sind wir längst nicht ausgerichtet. Also müssen wir uns quasi selbst unser eigenes Level-Playing-Field bauen. Das ist eine riesige Herausforderung.

Wie kommt man auf die Idee, sich der zu stellen?

Gute Frage. Ich habe gar keinen Hintergrund im Bauwesen: Ich habe Informatik in Mannheim und BWL in Paris studiert und dann ein paar Jahre bei Google gearbeitet. Dann habe ich gemerkt: Ich habe das Privileg einer sehr guten, internationalen Ausbildung genossen und dann bei einem sehr guten Arbeitgeber gearbeitet. Ich habe ein Privileg, das andere nicht haben. Da stellt sich die Frage: Soll ich dieses Privileg nutzen, um andere Unternehmen reicher zu machen oder um etwas Gutes zu bewegen? Genau da bot sich die Chance, zusammen mit meinen Mitgründern zirkuläres Bauen als neuen Baustandard zu etablieren.

Concular ist eine Plattform für zirkuläres Bauen, die zum Ziel hat, kostenneutral Materialkreisläufe zu schließen sowie CO2-Emissionen und Abfall zu reduzieren. Die Software erleichtert die Erstellung von Materialpässen für Gebäude, fördert die Wiederverwendung von Materialien und macht die ökologischen und wirtschaftlichen Vorteile des ressourcenschonenden Bauens sichtbar. Dominik Campanella ist Mitgründer und Geschäftsführer des Unternehmens.

 

Der Wettbewerb Projekt Nachhaltigkeit

Seit fünf Jahren zeichnet Projekt Nachhaltigkeit herausragende Initiativen und Projekte des Wandels in Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Kommunen aus, die sich für eine nachhaltige Entwicklung einsetzen. Vergeben wird der Nachhaltigkeitspreis von den vier RENN (Regionale Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien) in Kooperation mit Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) unter dem Dach des Gemeinschaftswerk Nachhaltigkeit.