Zirkuläres Wirtschaften, so wichtig wie Klimaschutz

Der European Green Deal sieht vor, den Umbau hin zu zirkulärem Wirtschaften voranzutreiben. Aber noch fehlen in vielen Bereichen konkrete Ziele. Wo die Hindernisse und Chancen sind und was eine neue Bundesregierung tun muss, war Thema auf der RNE-Jahreskonferenz.

Der Erfolg von Klimaschutz ist unmittelbar mit dem Aufbau einer Circular Economy, also einer zirkulären Wirtschaftsweise, verknüpft. Im Forum „Wie zirkuläres Wirtschaften zu einem Hebel für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung werden kann“ auf der Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE) diskutierten Expertinnen und Experten, wie dabei der Durchbruch gelingen kann. Die Grundlagen stellte Gunda Röstel vor, Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden und RNE-Mitglied. Es sind die vier „R“ des zirkulären Wirtschaftens:

  • Reduce, also weniger Materialien und Energie für Produkte einsetzen
  • Reuse, also Produkte mehrfach verwenden
  • Remanufacture, also gebrauchte Teile wiederaufbereiten
  • Recycle, also die Materialien eines Produktes am Ende des Lebenszyklus für neue verwenden

Den Rahmen der derzeitigen Debatte bildet der European Green Deal, der auch einen neuen Aktionsplan zur Kreislaufwirtschaft enthält, dessen Details derzeit verhandelt werden. Die Verbindung beider Themen – Klima und zirkuläres Wirtschaften – ist dabei essentiell. „Klimaschutz ist eng verbunden mit Ressourcenschonung, deshalb muss das auch beides gemeinsam angegangen werden“, sagte Dr. Kora Kristof, Abteilungsleiterin „Nachhaltigkeitsstrategien, Ressourcenschonung und Instrumente“ beim Umweltbundesamt.

Doch noch geht es bei der Kreislaufwirtschaft langsamer voran als beim Klimaschutz: Würde die EU das gleiche Tempo, das sie beim Klimaschutz vorgibt, auf Ressourcen übertragen, müsste sie bis 2050 ungefähr 80 Prozent weniger Rohstoffe verbrauchen, sagte Kristof. Dazu bräuchte es zunächst eine eindeutige Zielsetzung. Außerdem müssten Giftstoffe konsequent aus Materialien verbannt werden. Denn Giftstoffe verhindern derzeit oft, dass Stoffe recycelt werden können.

Das Ziel sei, sagt Kristof, eine ressourcenleichte Welt, in der Sharing-Modelle, etwa bei Autos, sowie langlebige, zeitlose Produkte, die mehrfach genutzt werden können, die Norm sind. Es geht also nicht nur um die Frage der Ressourcennutzung, sondern auch um das Produkt selbst, seine Lebensdauer und die Art der Nutzung.

Welche Barrieren der Zirkularität im Weg stehen

Grundsätzlich fehlen ökonomische Anreize. Warum, so fragt die Bundesjugendsprecherin der Naturschutzjugend, Nora Wacker, gibt es nicht deutlich mehr Kreislaufwirtschaft in Deutschland, in Europa aber auch global? „Eines der größten Hindernisse ist, dass ökonomische Anreize fehlen“, sagt sie. „Es ist immer noch umsonst, die Natur auszubeuten, Eingriffe in die Natur zu üben, natürlichen Ressourcen zu verwenden, obwohl jeder Eingriff in die Natur einen Preis hat. Und das sollte auch monetär sichtbar sein“, so Wacker.

Dann wäre da die Finanzierung. „Das Gute vorab. Beim Thema nachhaltige Transformation gibt es keinen Mangel an finanziellen Mitteln. Das heißt, Kapital ist grundsätzlich verfügbar. Die Frage ist: Welches Finanzierungsinstrument passt?“, sagt Prof. Dr. Alexander Bassen, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg und RNE-Mitglied. Green Bonds, also Kapital aufnehmen für ganz bestimmte grüne Investitionen und Vorhaben, etwa in der Kreislaufwirtschaft, das sei ein wichtiger Baustein, sagt Bassen. Eine weitere Spielart wäre es, günstige Finanzierungen daran zu knüpfen, dass Unternehmen bestimmte Ziele im Sinne der Kreislaufwirtschaft wirklich erreichen. Auch die öffentliche Hand, etwa Pensionsrücklagen von Bund, Ländern und Kommunen, sollten ihre Investitionen konsequent an Nachhaltigkeitszielen ausrichten.

Ein Problem sei allerdings: „Wie messe ich das eigentlich? Wenn ich in ein Unternehmen investieren möchte, wie weiß ich, wie weit es in der Entwicklung und der Umsetzung der Circular Economy tatsächlich ist?“, fragt Bassen. Es gebe klassische Größen wie Abfallmengen oder Recyclingquoten. „Aber wir wollen ja das Gesamtbild einer Kreislaufwirtschaft abbilden“, sagt er. Die EU-Kommission hat gerade im Rahmen der sogenannten EU-Taxonomie einen Prozess gestartet, bei dem bis Ende des Jahres entsprechende Größen entwickelt werden sollen. Die Kernfrage: „Wie investiere ich denn in Produkte und wie gestalte ich sie so, dass sie die Circular Economy abbilden?“, sagt Bassen.

Der dritte Aspekt sind konkrete Ziele. Der Aktionsplan Kreislaufwirtschaft der EU-Kommission sei zwar der „bisher umfassendste Reformansatz der Kommission zu diesem Thema“, sagt Johanna Lehne, Senior Policy Advisor beim Thinktank E3G (Third Generation Environmentalism). Im Gegensatz zum ursprünglichen Kreislaufwirtschaftspaket von 2018 befasse es sich nicht nur mit Abfallbehandlung, sondern auch mit der grundsätzlichen Frage, wie Abfälle vermieden werden können. Es sollen Standards für recycelbare Produkte eingeführt werden. Für verschiedene Stoffströme sollen Strategien folgen, etwa für Textilien oder Elektrogeräte.

„Es fehlen aber nach wie vor klare und messbare Ziele in Bezug auf den Gesamtverbrauch von Ressourcen“, kritisiert Lehne. Grundstoffe wie Zement, Stahl sowie Basischemikalien würden kaum erwähnt, obwohl diese circa 13 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland ausmachten. Hier wäre eigentlich ein „riesiger Hebel“, um die Dekarbonisierung der Industrie zu beschleunigen, sagt Lehne. Erst bis Ende des Jahres sollen die konkreten Gesetzesvorschläge aus dem Aktionsplan vorgelegt werden, einige seien bereits verzögert.

Welche innovativen Ansätze es bereits gibt

Ambitionierte Pläne gibt es beispielsweise bei Batterien. Die EU-Kommission plant, dass ab 2026 90 Prozent des Kobalts, Nickels und Kupfers von Batterien recycelt werden müssen, sowie 35 Prozent des Lithiums, sagt Lehne. Sie kritisiert aber, dass es der Kommission bei dieser Initiative nicht um die Kreislaufwirtschaft oder Klimapolitik gehe. Vielmehr stünden geo-ökonomische Überlegungen im Vordergrund – insbesondere die Frage, wie abhängig die EU vom Import von Batterien und von Rohstoffen für die Batterieherstellung aus Drittstaaten sein soll. Bei anderen wichtigen Vorhaben zögere die EU dagegen, etwa bei der Erweiterung der Ökodesign-Richtlinie.

Diese neue Öko-Design-Richtlinie der EU ist aber grundsätzlich ein Fortschritt. Die bisherige bezog sich nur auf den Energieverbrauch von Geräten, die neue soll nun auch Ressourcenverbrauch mit einbeziehen, sagte Frau Kristof. Aber das brauche eben seine Zeit. Derzeit würden erste Produktgruppen ausgesucht, auf welche die Richtlinie zunächst angewendet werden soll.

Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal, sieht Regionalisierung als wichtigen Motor, um Stoffkreisläufe zu schließen. Zum einen, sagt Schneidewind, weil Kreislaufwirtschaft klassisches Geschäft von Kommunen sei: Sie betreiben die Entsorgungsstrukturen, oft auch die Entsorgungsunternehmen und können deshalb neue Kapazitäten zum Recycling aufbauen und Bürgerinnen und Bürger zu dem Thema sensibilisieren. Die Kommunen könnten aber auch bei der Gestaltung von Innenstädten, Initiativen wie Repaircafés oder Secondhand-Läden helfen, indem sie in zentralen Lagen Räumlichkeiten bekommen.

Zirkuläre Wirtschaft kann aber auch ein wichtiger Motor für einen Wirtschaftsstandort werden, sagt Schneidewind. So baut Wuppertal gerade ein „Circular Valley“ auf, bei dem Unternehmen aus der Region Rhein-Ruhr mit Wissenschaftseinrichtungen und Start-Ups zur Kreislaufwirtschaft zusammengebracht werden.

Wichtig seien aber auch soziale Aspekte. „Ich glaube, es ist wichtig, Menschen zu Mittätern zu machen“, sagt Schneidewind mit Hinblick auf die Kreislaufwirtschaft. Es gehe beispielsweise um geteilte Mobilität oder geteilte Werkzeuge, um konkrete Initiativen in Stadtquartieren, von denen es einige Beispiele gebe. Die Stadt Zürich will etwa durch einen neuen Verfassungsartikel der Kreislaufwirtschaft Schwung verleihen. „Kreislaufwirtschaft ist eben nicht nur ein technischer und irgendwie mit Verzicht verbundener Vorgang, sondern einer, der auch Gemeinschaften stark macht“, sagte Schneidewind. Kreislaufwirtschaft gehöre zu einer modernen, urbanen Kultur.

Was die neue Bundesregierung tun muss

Schneidewind sieht den Aktionsplan der EU als guten Rahmen, an dem sich die nächste Bundesregierung orientieren kann. Die müsse daraus sehr schnell nationales Handeln ableiten. Es müsse Antworten in Sachen Kreislaufwirtschaft für alle Bereiche mit dem größten Ressourcenaufkommen geben. „Wir müssen sicherstellen, dass wir nach der Bundestagswahl nicht Nachhaltigkeit mit einer reinen Klimafokussierung angehen, sondern die Ressourcenfragen unmittelbar mitdenken“, sagt er.

Wacker fordert, eine Primärrohstoffsteuer einzuführen. Sie würde nicht anfallen, wenn Unternehmen recycelte Stoffe verwenden, was deren Einsatz deutlich attraktiver machen könnte. Nicht recycelte Abfälle zu entsorgen, sollte zudem deutlich teurer werden. Wichtig sei auch, Nachhaltigkeit und Bildung für nachhaltige Entwicklung in alle Bildungsbereiche zu integrieren.

Kristof bringt zunächst eine Primärbaustoffsteuer ins Gespräch, das wäre ein Einstieg in die Besteuerung von Ressourcen und ließe sich gut umsetzen, sagt sie: Primärbaustoffe seien sehr regional und ließen sich so gut auf nationaler Ebene besteuern. „Damit könnte die Bundesrepublik Deutschland vorangehen“, sagt Kristof. Bei der grundlegenden Änderung von Produktionssystemen durch die Kreislaufwirtschaft müsse man, wie beim Klimaschutz, auch die ökologische und die soziale Komponente von Beginn an mitdenken.

Bassen mahnte an, die anstehenden Gesetzgebungen auf europäischer Ebene frühzeitig zu begleiten. „Nicht nur vom Gesetzgeber hier in Deutschland, sondern auch von den beteiligten Stakeholdern“, sagt er. Das seien Unternehmensvertreter, aber auch NGOs. „Das ist aber kein Appell für nationales Denken. Ganz im Gegenteil. Die Idee von Europa ist ja, die verschiedenen Interessen dort auch einzubringen“, ergänzt er.

Bassen betonte zudem, wie wichtig es sei, nicht nur über zusätzliche Kosten wie Steuern zu sprechen, sondern auch über Anreize. Kreislaufwirtschaft bedeute auch den Aufbau neuer Industrien und Märkte mit Wachstumspotential. „Bei begrenzten Ressourcen werden die Preise steigen, das tun sie tatsächlich schon“, sagte er. Ressourcen effizienter zu nutzen sei deshalb eine ökonomische Chance.

Wacker fordert zudem von der neuen Bundesregierung, für mehr Transparenz zu sorgen. Es müsse ersichtlich werden, wie dienlich Produkte für die Kreislaufwirtschaft sind. Frankreich etwa hat einen Index eingeführt, der anzeigt, wie reparaturfähig Geräte sind, damit Konsumentinnen und Konsumenten solche Aspekte bei ihren Kaufentscheidungen berücksichtigen können. Wacker fordert außerdem eine deutsche Kreislaufwirtschaftsstrategie, in der verbindliche Abfallvermeidungsziele festgehalten werden.

Lehne betont Deutschlands internationalen Einfluss. „Deutschlands Position zur Kreislaufwirtschaft hat einen großen Einfluss auf das generelle Ambitionsniveau der EU“, sagt sie. Es gehe darum, auf nationaler Ebene einen ambitionierten Maßnahmenkatalog einzuführen und diesen dann auf europäischer Ebene durchzusetzen. Deutschland habe auch eine internationale Präsenz durch Handelskammern im Ausland sowie bei den G20. Dort müsse das Thema Kreislaufwirtschaft in der internationalen politischen Debatte verankert werden, forderte Lehne. Auch die EU strebt eine globale Allianz für Kreislaufwirtschaft an. Schließlich ist Ressourcenverschwendung, genauso wie die Klimakrise, ein globales Problem.

Weitere Berichte zu unserer 20. Jahreskonferenz und einzelnen Themenforen finden Sie hier, die ausführliche Dokumentation der Veranstaltung inkl. Videomitschnitten hier.