Klimaziele, Moorschutz und politische Realität: Was die COP30 erreicht hat – und was fehlt

Die Ratsmitglieder Franziska Tannenberger und Mark Lawrence waren als Teil der deutschen Delegation bei der COP30 in Brasilien. Im Interview sprechen sie über die Möglichkeiten, die Klimaziele zu erreichen und warum das Thema Moor dabei eine so große Rolle spielt.

Die Ratsmitglieder Franziska Tannenberger und Mark Lawrence stehen vor dem deutschen Pavillon bei der COP30 in Brasilien. Im Hintergrund sieht man eine Trennwand aus Holz und Pflanzen sowie einen bunten Hintergrund.

Die Ratsmitglieder Franziska Tannenberger und Mark Lawrence waren als Teil der deutschen Delegation bei der COP30 in Brasilien. Foto: RNE

Wie bewerten Sie die COP30?

Dr. Franziska Tanneberger: Sie war ein Erfolg – sicher aber kein so großer, wie wir ihn gewünscht oder gebraucht hätten. Aber in der aktuellen geopolitischen Lage mit einer USA, die nicht mal eine Delegation schickt, und mit Saudi-Arabien, das den Klimaschutz mehr bremst als voranbringt: Da ist es schon ein Erfolg, dass es zu Verhandlungen und die Gemeinschaft der Staaten zu einem Ergebnis gekommen ist.

Prof. Dr. Mark G. Lawrence: Wir haben gezeigt, dass Multilateralität auch in der aktuellen geopolitischen Weltlage noch funktioniert. Auch wenn noch viel zu wünschen bleibt, gibt es auch gute Nachrichten: durch das Format der COPs befindet sich die Welt nun auf einem deutlich weniger gefährlichen Klimapfad als noch vor 10 bis 20 Jahren. Dennoch werden sich die aktuell prognostizierten Folgen des Klimawandels für Milliarden von Menschen schwerwiegend bis katastrophal auswirken. Gerade deshalb dürfen wir von unseren Zielen nicht abrücken, auch wenn andere ihrer klimahistorischen Verantwortung nicht nachkommen. Deutschland hat sich bei den COP30-Verhandlungen immer wieder in einer Führungsrolle gezeigt. Darauf können wir stolz sein – und diesen Prozess können wir vonseiten der Wissenschaft und der Politikberatung weiter unterstützen.

Sie waren beide nicht zum ersten Mal als Teil der deutschen Delegationen bei der Weltklimakonferenz. Wie ordnen Sie die Atmosphäre, die Gemengelage ein?

Lawrence: Anders als bei den letzten drei COPs war der Gastgeber dieses Mal kein autoritäres Regime: Die Zivilgesellschaft, inklusive Aktivist*innen, war deutlich präsenter, auch rund um die Konferenz. Gleichzeitig hatten einige der Teilnehmenden, wie ein Indigener mir schon am ersten Tag sagte, das Gefühl, als Feigenblatt herhalten zu müssen – statt bei den Verhandlungen wirklich gehört zu werden. Trotzdem gab es einen respektvollen Austausch zwischen vielen unterschiedlichen Gruppen, die einander wirklich zuhörten. Das habe ich als Wissenschaftler in zahlreichen Diskussionen mit politischen Entscheidungsträgern, Aktivist*innen, Jugendlichen und Vertretern indigener Völker persönlich erlebt. Als Mitglied des Interfaith Liaison Committee der UNFCCC habe ich bei den COPs auch eine gewisse „Insider”-Perspektive bei solchen Gesprächen. Beispielsweise hat eine der führenden religiösen Klimaschutz-Organisation ihre tiefe Wertschätzung für die Unterstützung Deutschlands für die kolumbianische Initiative zur besseren Integration von Klima, Biodiversität und Land ausgedrückt. Es ist ermutigend zu sehen, dass solche Bemühungen wahrgenommen werden und sich drumherum eine breite, regionenübergreifende Dynamik entwickeln kann.

Tanneberger: Mein Eindruck war, dass die Delegation als „Team Deutschland“ sehr gut zusammengearbeitet hat. Aus Sicht unserer Nachbarländer ist es egal, aus welchem Ressort einzelne Positionen und Aktivitäten kommen – diese Außenperspektive hilft vielleicht auch manchmal, stärker die gemeinsamen Ziele zu vertreten, wie z.B. den Ausstieg aus den fossilen Energien.

COPs sind nicht nur Verhandlungsräume, sondern auch Orte des informellen Austauschs. Welche Rolle haben aus Ihrer Sicht die informellen Gespräche gespielt, die Side-Events und Begegnungen?

Tanneberger: Gerade als RNE-Mitglieder war es für uns wichtig und wirksam, Teil der Delegation zu sein. Das fing mit den morgendlichen Briefings an, in denen man geballt Informationen bekommt, und geht mit dem Austausch weiter. Dafür braucht es die geeigneten Orte – der deutsche Pavillon war so einer: Man konnte Delegierte treffen und quasi nebenbei Erkenntnisse aus der Wissenschaft an andere herantragen – und merken, dass sie auch aufgenommen werden.

Lawrence: Als Teil der deutschen Delegation eröffnen sich uns wertvolle Möglichkeiten, und wir tragen dabei auch ein großes Maß an Verantwortung. Wo immer wir auch waren – sei es im Plenarsaal, bei strategischen Diskussionen mit Politiker*innen, bei Side Events oder bei Gremiensitzungen – haben wir Wert daraufgelegt, ein gutes Bild der deutschen Delegation zu vermitteln und auf das hinzuweisen, was Deutschland zu bieten hat: die Stärke der Wissenschaft, auch in Form sogenannter co-kreativer Einsätze zusammen mit Aktivist*innen, indigenen und religiösen Gruppen.

Der Veranstaltungsort Belém liegt mitten in einer wichtigsten natürlichen Kohlenstoffsenken der Welt. Hatten Sie Eindruck, dass die geografische Nähe zum Amazonas die politischen Prioritäten oder das Problembewusstsein der Verhandler verändert hat?

Tanneberger: Sicherlich hatte das eine gewisse Wirkung. Das Ziel, einen Fahrplan gegen Entwaldung zu beschließen, wurde aber verfehlt. Als Wissenschaftlerin, die zu Mooren forscht, merke ich auch, dass die allermeisten Menschen bei Kohlenstoffsenken an Wälder denken. Weltweit ist aber deutlich mehr Kohlenstoff in Mooren gebunden als in Wäldern – auch wenn Wälder das Zehnfache an Fläche bedecken. Dazu kommt: Die durch den Menschen entwässerten Moore machen aktuell vier Prozent der globalen Emissionen aus. Auf der COP30 waren aber gerade mal ein Dutzend Experten da zum Thema Moore. Da stimmt das Verhältnis nicht. Vielleicht liegt das an der Unsichtbarkeit der Böden. Bei Emissionen aus den Mooren sieht man keinen Rauch aus Schornsteinen steigen, sie sind für uns quasi unsichtbar.

Als Expertin vor allem für naturbasierte Lösungen und Moorschutz: Mit welchen zentralen Anliegen sind Sie angereist?

Tanneberger: Mein Hauptziel ist, mehr Bewusstsein und konkretes Handeln zu den Mooren zu schaffen. Auch wenn sie meist nicht direkt genannt sind – in den NDCs, also Nationally Determined Contributions, mit denen sich jedes Land zu Emissionsreduktionen verpflichtet, können sie eine wichtige Rolle spielen. Der Stopp der Entwässerung von Mooren führt zu einem umgehenden Stopp der Freisetzung von CO2. Dazu ist es wichtig, ins Gespräch zu kommen, und zu sehen, welches Wissen wo verfügbar ist. Uganda zum Beispiel ist ein Vorreiter und bezieht Moore schon bei den NDCs mit ein, ebenso wie die Mongolei. Das ist nicht selbstverständlich. Und es geht auch um die Berichterstattung der Emissionen. In der EU werden pro Jahr etwa 60-100 Megatonnen CO2-Äquivalente Treibhausgasemissionen nicht berichtet, weil Karten oder Daten veraltet sind. Das konnten wir gerade in einer Studie zeigen. Tauchen die Emissionen da nicht auf, gibt es auch kein adäquates politisches Handeln.

Brasilien besitzt riesige Kohlenstoffspeicher (Amazonien, große Feuchtgebiete). Inwiefern spiegeln die Verhandlungsergebnisse die Bedeutung solcher naturbasierten Lösungen wider?

Tanneberger: Ein Beispiel: Brasilien ist das tropische Land mit der größten Moorfläche weltweit. Ich hatte die Möglichkeit, mit Forschern aus Brasilien über natürlichen Klimaschutz zu sprechen – der führt ein Nischendasein, obwohl er so viele Co-Benefits mit sich bringt. Wir haben eine Biodiversitätskrise, wir haben eine zunehmende Knappheit von Wasser, wir brauchen nachhaltige Wirtschaftsformen für unsere Böden. Das kann man in den Mooren sehr gut zusammenbringen, zum Beispiel durch Produktion von Baumaterialien aus Moorpflanzen, die im nassen, klimafreundlichen Moor wachsen. Insofern habe ich gemerkt, dass das Thema Interesse weckt, und dass wir aus Deutschland viel weitergeben können.

Für das Thema war es jedenfalls eine sehr lohnende Woche: Wir haben den globalen Moorschutz in die Action Agenda eingebracht, also an der Stelle, an der es um die Umsetzung der Klimaziele geht. Es gibt mit dem Peatland Breakthrough nun das erste Mal globale Moorschutzziele.

Das 1.5°C-Ziel ist realistisch nicht mehr zu halten. Was könnte mit den auf der COP30 beschlossenen Maßnahmen noch erreicht werden? Welche Lücken sehen Sie aus Sicht der Klimaforschung besonders kritisch? 

Lawrence: Aus physikalischer Sicht wäre es mit hoher Wahrscheinlichkeit noch möglich, das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Allerdings wäre es unglaublich schwierig, das wirklich umzusetzen. Bereits 2013 hat der IPCC gezeigt, dass die globale mittlere Temperatur etwa konstant bleibt, wenn die globalen CO2-Emissionen plötzlich oder innerhalb weniger Jahre gestoppt werden. Da die Erwärmung in den letzten paar Jahren bereits bei etwa 1,5 °C lag, müssten die globalen CO2-Emissionen fast von heute auf morgen vollständig eingestellt werden, um dieses Ziel einzuhalten. Gesellschaftlich ist dies natürlich – leider – ziemlich unrealistisch.

Wir müssen daher erst einmal anerkennen: Jede zusätzliche Erwärmung bringt die Gesellschaft in eine weitere Gefahrenzone. Es geht nicht darum, das Klima vor den Menschen zu schützen, sondern die Menschen vor den Auswirkungen des Klimawandels. Um dies zu erreichen, müssen wir die Treibhausgasemissionen, insbesondere von CO2 und Methan, so schnell wie möglich reduzieren.

Und was ist mit Carbon Dioxide Removal (CDR)? Rettet das uns nicht? Es spielt bereits eine zunehmende Rolle bei Klimaverhandlungen. Welche Leitplanken sind aus wissenschaftlicher Sicht wichtig, um CDR verantwortungsvoll und im Einklang mit klaren Reduktionpfaden voranzubringen? 

Lawrence: Es gibt zahlreiche, teilweise sehr fantasievolle Ideen, wie CDR uns bei der Erreichung unserer Klimaziele unterstützen könnte. Bei den eigentlichen Verhandlungen spielt CDR jedoch noch keine große Rolle. Das ist auch gut so, denn kurzfristig dürfen wir uns bei der Verfolgung der Klimaziele des Pariser Abkommens nicht auf CDR verlassen.

Ebenso wenig dürfen wir unrealistische Pläne dafür in die Erreichung von Netto-Null einbeziehen, weder explizit noch implizit. Oft wird die Hoffnung oder gar die Annahme gemacht, dass technologische Entwicklungen es ermöglichen werden, im Rahmen der Pläne für Klimaneutralität schon bis 2040 oder 2045 signifikante Mengen CO2 der Atmosphäre zu entziehen. Dabei wird meistens außer Acht gelassen, welch riesiger, zusätzlicher Bedarf an Energie, Ressourcen und neuen Infrastrukturen für CDR in klimarelevantem Umfang notwendig wären, Ressourcen, die sinnvollerweise in den Ausbau der erneuerbaren Energien und weiterer Reduktionsmaßnahmen konzentriert werden sollten.

Die notwendigen Technologien und zusätzlichen Kapazitäten für die Entnahme klimarelevanter Mengen an CO2 durch CDR werden laut unseren Studien erst in der 2. Hälfte des Jahrhunderts zur Verfügung stehen. Es ist aber trotzdem sehr wichtig, Forschung und Entwicklung im Bereich CDR jetzt voranzutreiben, damit eine mittelfristige Umsetzung von CDR möglich wird.

Dabei darf diese Unterstützung nicht als Hinweis missverstanden werden, dass die Technologien und Infrastrukturen bereits innerhalb des nächsten Jahrzehnts „vor der Tür stehen”. Wir brauchen realistische Zeitpläne für die Zukunft: Erst um die Jahrhundertmitte werden wir wohl eine klimarelevante Menge CDR von etwa einer Gigatonne pro Jahr erreichen können.

Was wären drei prioritäre Maßnahmen für die nächsten fünf Jahre, die aus wissenschaftlicher Sicht den größten Unterschied machen würden? 

Lawrence: Erstens: Weltweit sind die Stärkung der Diplomatie und die Eindämmung von Konflikten von großer Bedeutung. Denn neben den schrecklichen Auswirkungen für die Menschen vor Ort wirken sie auch gegen den Fortschritt beim Klimaschutz.

Zweitens: Gleichzeitig müssen wir erneuerbare Energien vorantreiben und den Ausstieg aus fossilen Energien beschleunigen. Derzeit werden erneuerbare Energien häufig nur als Ergänzung zu fossilen Energien betrachtet.

Und drittens: Entscheidend ist auch, dass wir positive Narrative zum Thema Klimaschutz entwickeln. Wenn die Öffentlichkeit Klimaschutz als Chance wahrnimmt, haben wir einen großen Schritt nach vorne gemacht. Im Kern geht es darum, miteinander und nicht gegeneinander für das gemeinsame Ziel, in diesem Fall die Begrenzung der Klimawandel und den Schutz der Menschen gegen seine Auswirkungen, zu arbeiten. Nur wenn wir unsere Kräfte bündeln und an einem Strang ziehen, werden wir entscheidende Fortschritte im Klimaschutz erzielen und damit ein Gegengewicht zu rein profitorientierten, populistischen und nationalistischen Interessen schaffen. Klar ist aber auch: Wir haben noch viel vor uns.