HLPF 2026: Die doppelte Aufgabe der Weltgemeinschaft

Die Weltgemeinschaft hat noch viel vor sich: Sie muss die Umsetzung der SDGs beschleunigen und zugleich die Zeit nach 2030 vorbereiten. Ratsmitglied Kai Niebert zieht ein Fazit des diesjährigen Forums.

Auf dem Foto sieht man einen großen Raum im UN Gebäude in News York. Im Hintergrund sind auf einer Wand alle Symbolde der SDGs, eingerahmt von zwei großen Monitoren. Es findet gerade eine Versammlung statt, das heißt es sitzen Menschen auf der Bühne und im Publikum.

© RNE

Das diesjährige High-level Political Forum on Sustainable Development (HLPF) der Vereinten Nationen hat ein wichtiges Signal ausgesendet: Die Agenda 2030 bleibt der gemeinsame politische Referenzrahmen für nachhaltige Entwicklung. Doch vier Jahre vor dem Zieljahr reicht es nicht mehr, Fortschritte lediglich zu bekräftigen. Entscheidend ist jetzt, aus politischen Zusagen messbare Umsetzung zu machen.

Das HLPF ist das wichtigste internationale Forum für die globale Überprüfung der Fortschritte bei der SDG-Umsetzung und dient als Plattform für Erfahrungsaustausch und Peer Learning unter den UN-Mitgliedstaaten. In diesem Jahr (7. bis 15. Juli 2026) wurde deutlich: Die Nachhaltigkeitsziele sind weiterhin erreichbar, aber nicht mit dem bisherigen Tempo und nicht mit einem „Weiter so“.

Die inhaltlichen Schwerpunkte lagen auf SDG 6 (Wasser), SDG 7 (Energie), SDG 9 (Industrie und Innovation), SDG 11 (nachhaltige Städte) und SDG 17 (Partnerschaften). Besonders klar wurde, dass Fortschritte dort möglich sind, wo Regierungen integrierte Politikansätze, Investitionen, Innovation und starke Partnerschaften verbinden. Gleichzeitig bremsen Krisen, Finanzierungsengpässe, geopolitische Spannungen und unzureichende Umsetzung die globale SDG-Bilanz.

Betont wurde außerdem die Notwendigkeit, die Umsetzung stärker auf die lokale Ebene zu bringen. Nachhaltige Entwicklung entscheidet sich nicht nur in internationalen Verhandlungen, sondern in Städten und Gemeinden, in Infrastrukturen, Energiesystemen, Unternehmen und im Alltag der Menschen.

Nachhaltige Entwicklung lässt sich nicht sektoral organisieren

Die verabschiedete Ministerialerklärung bekräftigt den politischen Willen, die Umsetzung der Agenda 2030 deutlich zu beschleunigen und Maßnahmen stärker miteinander zu verknüpfen. Genau darin liegt die zentrale Botschaft des diesjährigen Forums: Nachhaltige Entwicklung lässt sich nicht sektoral organisieren. Wasser, Energie, Infrastruktur, Innovation, lebenswerte Städte und internationale Partnerschaften müssen zusammengedacht werden. Das HLPF hat daher das Augenmerk auf transformative, gerechte, innovative und koordinierte Maßnahmen gelegt, wie sich auch aus dem eher sperrigen Titel „Transformative, equitable, innovative and coordinated actions for the 2030 Agenda for Sustainable Development and its Sustainable Development Goals for a sustainable future for all“ ableiten lässt.

Das Forum hat, wie in den vergangenen Jahren, auch zahlreiche konkrete Erfahrungen und Lösungsansätze aus den Ländern sichtbar gemacht. 36 Mitgliedstaaten präsentierten ihre freiwilligen nationalen Fortschrittsberichte, für zwei Staaten war es bereits die fünfte Berichterstattung. Beispiele aus unterschiedlichen Regionen zeigen, dass ambitionierte Fortschritte möglich sind, wenn politische Prioritäten, Investitionen, Innovation und gesellschaftliche Beteiligung zusammenkommen. In den vergangenen zehn Jahren haben 190 Länder und die Europäische Union insgesamt 437 Berichte über die Umsetzung der SDG vorgestellt und diskutiert.

„Fortschritt ist nicht nur möglich, er findet bereits statt“ – UN-Generalsekretär António Guterres

Absichtserklärungen müssen auch umgesetzt werden

Zugleich reicht die bisherige Umsetzung der SDGs bei weitem nicht aus, um eine hinreichende Zielerreichung zu gewährleisten: Laut aktuellem SDG-Fortschrittsbericht werden nur 36 Prozent der Ziele erreicht oder weisen einen moderaten Fortschritt vor. Bei fast der Hälfte der Ziele (49%) hingegen gibt es nur unzureichende Fortschritte und bei 15 Prozent sind sogar Rückschritte unter das Ausgangsniveau von 2015 zu verzeichnen.

Vier Jahre vor 2030 ist die Botschaft des HLPF daher klar: Statt weiterer Absichtserklärungen brauchen wir mehr Umsetzungskraft. Der politische Wille ist weiter vorhanden, und sollte sich jetzt in Tempo, Investitionen und konkreten Verbesserungen für die Menschen niederschlagen. UN-Generalsekretär António Guterres sagte beim HLPF dazu: „Ich habe trotz allem große Hoffnung. Selbst in dieser Zeit der Spaltung führt der Multilateralismus zu Ergebnissen. […] Wir müssen die Vision der Agenda 2030 am Leben erhalten. Lassen sie uns diese letzten Jahre sinnvoll nutzen.”

„Beyond 2030“ sollte mehr sein als die Nachspielzeit einer internationalen Agenda

Gleichzeitig richtet sich der Blick zunehmend über das Jahr 2030 hinaus auf „Beyond 2030“. Auch wenn der offizielle Verhandlungsprozess für einen Nachfolgemechanismus erst beim nächsten SDG Summit im September 2027 startet, gibt es schon jetzt Überlegungen dazu. Die Diskussionen drehen sich dabei um die Frage, wie ein gemeinsamer Nachhaltigkeitsrahmen der Zukunft ausgestaltet werden kann: Welche Szenarien sind denkbar? Welche Narrative und Ambitionen werden benötigt? Wie kann dieser Prozess unter Beteiligung welcher Akteure aufgesetzt werden?

RNE-Mitglied Kai Niebert betont, „Beyond 2030“ dürfe nicht bedeuten, die Agenda 2030 und ihre SDGs vorzeitig abzuschreiben. Im Gegenteil: Die SDGs müssten weiterhin schnell und wirksam bis 2030 verfolgt werden. Für die Zeit nach 2030 stelle sich die Frage, wie der bisherige Rahmen als Grundlage für eine neue Agenda genutzt werden kann. Dabei sollte nicht einfach die Reform eines Zielsystems diskutiert werden, sondern die Frage, wie wir globale Verflechtungen in einer grundlegend veränderten Welt politisch gestalten. „Die Debatte um „Beyond 2030“ muss mehr als die Nachspielzeit einer internationalen Agenda sein. Es sollte der Beginn eines neuen Verständnisses davon sein, wie wir globale Interdependenz politisch gestalten“, sagt Niebert. „Denn die Welt nach 2030 braucht nicht einfach neue Ziele. Sie braucht eine Ordnung, die aus gemeinsamer Abhängigkeit gemeinsame Handlungsfähigkeit macht.“

Vier Jahre vor 2030 lautet die doppelte Aufgabe daher: die SDGs jetzt mit deutlich mehr Tempo voranbringen – und gleichzeitig die Grundlage für „Beyond 2030“ legen. Beide Aufgaben gehören zusammen, sagt Kai Niebert. „Wer die verbleibenden Jahre der Agenda 2030 ernst nimmt, schafft zugleich die Voraussetzungen für eine glaubwürdige und ambitionierte Nachhaltigkeitsagenda der Zukunft.“