19.10.2011
Europäische Kommission will öko-korrekte Preise – Zweifel an Umsetzbarkeit
Preise sollen bald die ökologische Wahrheit sprechen. Das will die Europäische Kommission. „Spätestens 2020“ sollen „angemessene Preissignale“ ihre Bürgerinnen und Bürger zum Kauf weniger umweltschädlicher Waren und Dienstleistungen locken. Vorgeschlagen hat die Kommission das in ihrem im September veröffentlichten Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa. In dem Papier gibt sie Empfehlungen für ein „grünes“ Wirtschaftswachstum. Unser Wirtschaftssystem, heißt es darin, fördere immer noch die Verschwendung von Ressourcen, „indem bei einigen von ihnen die Preise nicht ihre wahren Kosten widerspiegeln“. Das müsse sich ändern. Die Brüsseler Behörde hofft, dass öko-korrekte Preise die Nachfrage nach ressourcenschonenden Produkten anheizen und die Wirtschaft darauf mit nachhaltigeren Angeboten reagiert. Wissenschaftler und Handelsexperten finden die Idee richtig. An ihre Umsetzung glauben sie nicht.
Preise, die die Umweltschäden des Konsums und der Produktion abbilden, seien „immer sinnvoll“, sagt Susanne Dröge von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Dröge leitet dort die Forschungsgruppe „Globale Fragen“. Öko-korrekte Preise können ihrer Einschätzung nach dazu beitragen, dass effizienter und mit weniger Abfall gewirtschaftet wird. Das meint auch Karen Pittel, Abteilungsleiterin „Energie, Umwelt, erschöpfbare Ressourcen“ beim Münchener ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Aus ökonomischer Sicht seien Preise, die ökologische Kosten widerspiegeln, „genau das richtige Mittel für effizienteres Wirtschaften“. Sie könnten offenlegen, welche gesamtgesellschaftlichen Kosten ein Produkt nach sich zieht.
Für einzelne Produkte hält die Volkswirtin ein „zweites Preisschild“ zwar noch für machbar, selbst wenn es nur eine Annäherung an öko-korrekte Preise darstellen könne. Für alle Produkte und Dienstleistungen seien sie dagegen kaum umsetzbar. Pittel sagt, es sei schon äußerst schwierig und umstritten, die durch den CO2-Ausstoß verursachten Klimakosten zu kalkulieren, die in der Europäischen Union zumindest teilweise über den Emissionshandel mit einem Preis versehen werden. Um alle Umweltkosten eines Produktes zu berechnen, wäre der Aufwand ungleich höher: „Bei Waren, die weltweit aus Halb- und Fertigprodukten hergestellt werden und unzählige unterschiedliche Rohstoffe enthalten, wird das unmöglich.“ Ähnlich äußert sich auch Susanne Dröge (SWP). Ihrer Ansicht nach kann man sich öko-korrekten Preisen höchstens annähern. Alle Umweltschäden offenzulegen und die Kosten für das „Aufräumen“ oder Verhindern derselben festzusetzen, sei „sehr schwer“.
Das vermutet auch Alexander Sick vom Handelsverband Deutschland (HDE). Er findet die Idee der Kommission „interessant“. Der Referent für Umweltpolitik zweifelt jedoch an ihrer Umsetzbarkeit und dem Willen der Verbraucher, öko-korrekte Preise beim Einkauf tatsächlich zu berücksichtigen. Richtig sei, dass viele Konsumenten mehr Transparenz und Aufklärung über den öko-sozialen Hintergrund ihrer Einkäufe wünschten. Dieser Wunsch gehe aber nur bei einem Bruchteil mit einer höheren Zahlungsbereitschaft einher. Sick verweist auf Bio-Produkte. Bei ihnen sei der ökologische Mehraufwand ihrer Herstellung eingepreist. Doch nur eine „sehr begrenzte Käufergruppe“ sei bereit, diesen zu zahlen. Nach Ansicht des Juristen müssen Umweltkosten zudem mindestens europa-, besser weltweit in die Preise einfließen. Nationale Alleingänge verzerrten den Wettbewerb.
Sick erachtet es als sinnvoller, Verbraucher und Produzenten weiter über die Öko-Folgen ihres Handelns aufzuklären, um den Ressourcenverbrauch langfristig zu senken. Darin sieht auch Susanne Dröge einen Weg. Der sei allerdings „weit mühsamer“. Er setze voraus, dass Verbraucher sich informieren, Sanktionen akzeptieren und dass Regeln durchgesetzt werden. Für effektiver hält sie gesetzliche Vorgaben. Einige europäische Länder preisen Öko-Schäden über Steuern, den Emissionshandel oder Gebühren und Abgaben ein. „Diese müssen auf Wirkung, Höhe, Konsistenz geprüft werden“, so Dröge – was allerdings politisch heikel sei. Karen Pittel vom ifo-Institut kann sich noch eine andere Lösung vorstellen: eine Ressourcenampel auf Produkten, analog zu der lange diskutierten Nährwertampel auf Lebensmitteln. Verbraucher, meint sie, könnten so auf einen Blick erkennen, ob ein von ihnen ins Auge gefasstes Produkt aus besonders knappen Rohstoffen hergestellt wurde – und sich gegebenenfalls nach nachhaltigeren Alternativen umschauen.
Ressourcenverbrauch in der Europäischen Union und weltweit
Nach Angaben der Europäischen Kommission verbrauchen Bürgerinnen und Bürger der EU jedes Jahr durchschnittlich 16 Tonnen natürliche Ressourcen. Davon landen sechs Tonnen im Abfall. Der Bedarf an natürlichen Ressourcen hat sich insbesondere im 20. Jahrhundert verschärft. Weltweit hat sich in dessen Verlauf allein der Verbrauch von fossilen Brennstoffen verzwölffacht. Der Abbau von Bodenschätzen ist um den Faktor 34 gestiegen, schreibt die EU-Kommission. Eine Trendwende ist nicht in Sicht: Die Europäische Umweltagentur verzeichnete in den Jahren 2000 und 2005 in der EU-12 einen Anstieg des Ressourcenverbrauchs um 25 Prozent. Nach ihren Berechnungen verbraucht ein Europäer heute durchschnittlich viermal so viele Ressourcen wie ein Afrikaner und dreimal so viele wie ein Asiate, doch nur halb so viele wie ein US-Amerikaner, Kanadier oder Australier.
Weiterführende Informationen
Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa. Mitteilung der Europäischen Kommission, 20.09.2011. [PDF, 366 KB]
Kommission zeigt Weg zu ressourcenschonendem Wachstum auf. Pressemitteilung der Europäischen Kommission, 20.09.2011.
Lebenslauf und Arbeitsschwerpunkte von Dr. Susanne Dröge. Informationen der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin.
Lebenslauf und Arbeitsschwerpunkte von Prof.'in Dr. Karen Pittel. Informationen des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, München.
Website des Handelsverband Deutschland (HDE).
Meldungen zum Thema
Studien: Niedrige Ökosteuern bremsen nachhaltigen Ressourceneinsatz. News Nachhaltigkeit, 06.09.2011.
Röttgen: Umweltverbrauch gehört in Unternehmensbilanzen. News Nachhaltigkeit, 27.06.2011.
Rohstoffeffizienz: Politik und Unternehmen verschenken Milliarden. News Nachhaltigkeit, 23.11.2010.
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