15.06.2011
AUS DEM RAT FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG
„Denkanstöße geben – das ist unser Anspruch“ – Interview mit Felix Römer, Künstler, Theaterschaffender, Dichter und Organisator des weltweit ersten „Dead or alive Poetry Slam zur Nachhaltigkeit“
Zum Ausklang seiner Jahreskonferenz am 20. Juni im Berliner Tempodrom präsentiert der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) den weltweit ersten „dead or alive Poetry Slam zur Nachhaltigkeit“. In diesem Dichterwettkampf werfen lebende Literaten ihre selbst verfassten Texte gegen jene von Geistesgrößen wie Thomas Bernhard oder Kurt Schwitters in den Ring. Schauspieler hauchen den Verstorbenen neues Leben ein, sprechen deren Schriften. Dem poetischen Schlagabtausch der Generationen stellen sich unter anderem der dreifache deutschsprachige Poetry Slam Meister Volker Strübing, der aktuelle Prix Pantheon-Preisträger Sebastian 23 und der beste Bühnenpoet der Schweiz, Gabriel Vetter. Veranstaltet wird der Dichterwettkampf von Berliner Slammer Felix Römer. Römer, der als Künstler, Moderator, Theaterschaffender, Literat und Pädagoge wirkt, erklärt im Interview, wie ein Poetry Slam neue Sichtweisen auf die Nachhaltigkeit eröffnen kann.
Herr Römer, was erwartet Besucherinnen und Besucher des „dead or alive Poetry Slam zur Nachhaltigkeit“?
Ein Autorenwettstreit zwischen lebenden und toten Poeten. Anders als bei gängigen Poetry Slams werden die Vortragenden mit ihren Texten nicht gegeneinander antreten, sondern gegen Konkurrenz aus dem Jenseits. Eine Reihe hervorragender Schauspieler wird verstorbene Dichter wie Kurt Schwitters, Thomas Bernhard und andere verkörpern. Sie werden solche Texte der Verstorbenen vortragen, die einen Nachhaltigkeitsbezug haben. Ich glaube, dass das sehr interessant wird: Zu vergleichen, was Dichter aus vergangen Zeiten und die Lebenden über den Erhalt und den Schutz unserer Ressourcen zu sagen haben. Die Slam-Sieger kürt das Publikum. Wir werden zehn Juroren bestimmen, die jeden Auftritt bewerten.
Haben Sie mal eine Kostprobe?
„Leg dein Ohr an den Busen von Mutter Natur, statt nur dran zu saugen. Was du hörst, ist röcheln.“ Gauner, einer der Lebenden, sagt das in seinem Text „Vom Fischer und seiner Frau“.
Wer wird noch auf der Bühne stehen?
Zum einem die besten, höchstdekorierten lebenden Slam-Poeten aus Deutschland und der Schweiz. Mein Namensvetter Felix Römer von der Berliner Schaubühne. Matthias Winter vom Landestheater Oberpfalz, der Kurt Schwitters geben wird, und viele mehr. Von den Toten auferstehen wird auch Sophie Scholl. Scholl war zwar keine Dichterin, aber sehr poetisch. Und sie hat eine Menge zur politischen Nachhaltigkeit zu sagen. Außerdem haben wir ein paar Überraschungen.
Einen Poetry Slam zur Nachhaltigkeit gab es noch nie, sagen Sie. Wie kann so ein Slam zu nachhaltiger Entwicklung beitragen?
Er öffnet neue Blickwinkel. Slam-Poeten sind ein Stück weit auch Kabarettisten. Sie beherrschen es hervorragend, Dinge in neuem Licht erscheinen zu lassen, ihren Zuschauern die Augen zu öffnen, ihren Blick in andere Richtungen zu lenken. Es geht nicht um das Vortragen von Fachbeiträgen zur Nachhaltigkeit. Slammer sind Schreibende, die sich immer mit aktuellen Themen auseinandersetzen müssen. Sie kennen alle das Thema und die Probleme, die aus mangelnder Nachhaltigkeit entspringen. Daran werden ihre Beiträge anknüpfen.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel beim Thema Konsum. Volker Strübing, der dreifache deutschsprachige Poetry Slam Meister, eine wirkliche Größe dieser Disziplin, wird in einem sehr ironischen Text begründen, warum er nur Fleisch aus Massentierhaltung isst – nämlich weil er keine glücklichen Tiere töten will. Slammer fragen sich immer: Was passiert in der Welt, wie kann ich das aufgreifen, und wie kann ich das so verpacken, überspitzen, dass die Leute mir zuhören? Darum geht es: Die Gunst der Zuschauer und der Jury zu gewinnen. Ihre Aufmerksamkeit zu erreichen und im besten Fall Änderungen anzustoßen, im Denken und Tun.
Ein Slam kann Verhalten ändern?
Ein Slammer trägt seinen Text vor, und die Leute gehen erleuchtet nach Hause – das funktioniert nicht. Aber: Ein guter Text – und die Vortragenden haben an ihren Texten teilweise Monate gefeilt – ist einer von vielen Wegen, Denkanstöße zu geben. Das ist unser Anspruch. Und den kann ein Poetry Slam erfüllen. Slams sind sehr direkte Konfrontationen mit manchmal schweren, komplexen Themen, die für die Zuhörer leichter zugänglich gemacht werden. Manchmal ändern die Texte tatsächlich das Leben von Menschen. Das weiß ich aus Zuschriften und direkten Kontakten mit Zuhörern.
Woher stammt das Format „Poetry Slam“? Hatten Slams immer schon Bezüge zur Politik?
Der erste Poetry Slam ging schon 1986 in Chicago über die Bühne. Die Idee war, Dichterlesungen aufzupeppen. Gedichten im Vortrag das zurückzugeben, was den Dichter beim Aufschreiben bewegt hat. Das ist immer Interpretationssache. Aber die Texte, egal wie alt, gewinnen dadurch in der Regel, werden lebendiger vorgetragen. Mitte der 1990-er Jahre schwappten die Slams nach Deutschland. Mittlerweile finden sie eigentlich regelmäßig in jeder Großstadt statt. Aktuelle Bezüge zur Politik gibt es meistens. Ein Anspruch vieler Slammer ist ja, am Puls der Zeit zu sein. Und die Slammer wollen mit ihren Vorträgen gefallen. Polit-Themen sind da ein sicheres Pferd.
Können Politiker etwas von Slammern lernen?
Beide, Politiker und Slammer, stellen sich der Öffentlichkeit, wollen gefallen und andere Menschen mit ihren Themen erreichen, überzeugen. Das sind Gemeinsamkeiten. Wenn ein Slammer seine Sache gut macht, dann brennt er dafür, und das sieht das Publikum, genauso, wie es merkt, wenn ihm was vorgegaukelt wird. Authentizität, Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit – ich glaube, das können viele Politiker noch von den Slammern lernen.
Weiterführende Informationen
11. Jahreskonferenz des Nachhaltigkeitsrates
20. Juni 2011
Tempodrom Berlin
Möckernstraße 10, 10963 Berlin
8.30 Uhr bis ca. 18.30 Uhr
ab 19.30 Uhr „dead vs. alive – Poetry Slam zur Nachhaltigkeit“
Meldungen zum Thema
Dichterwettkampf und Ideenfeuerwerk auf der RNE-Jahreskonferenz. News Nachhaltigkeit, 05.05.2011.
Jahreskonferenz des Nachhaltigkeitsrates am 20.6.2011 in Berlin. Der Meinungsplatz. News Nachhaltigkeit, 29.04.2011.
Newsletter-Abo
Interesse an unserem Newsletter? Abonnieren Sie hier die ‚News Nachhaltigkeit‘.

