31.05.2011
Zukunftsrat Hamburg: Vertrauen in Nachhaltigkeitspolitik nimmt ab
Das Nachhaltigkeitsbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger Hamburgs stagniert, nimmt teils sogar ab. Das geht aus einer neuen Konsumentenbefragung des Zukunftsrats Hamburg hervor. Das lokale Nachhaltigkeitsnetzwerk hat für die Umfrage 600 Hamburgerinnen und Hamburger nach ihren Einstellungen zu nachhaltigem Konsum befragen lassen. Einige Ergebnisse lassen sich mit einer ähnlichen Umfrage des Zukunftsrates zur Jahrtausendwende vergleichen. Die Hamburger kaufen demnach heute zwar öfter Bio-Lebensmittel und „fair“ Gehandeltes. Auch nutzen mehr Ökostrom. Drastisch gesunken ist dagegen ihr Vertrauen in Nachhaltigkeitspolitik. Rückhalt verlor auch ein Grundgedanke im Leitbild der nachhaltigen Entwicklung, die Gerechtigkeit zwischen den Generationen: 36 Prozent der Befragten stimmten der These zu, dass sie nicht darüber nachdenken müssten, was ihr Lebensstil für künftige Generationen bedeute. Im Jahr 2000 äußerten nur 13 Prozent eine solche Einstellung.
Unter den 18- bis 24-Jährigen stimmten der „Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität“ in der aktuellen Befragung sogar 43 Prozent zu. „Ein Rückschritt für die Nachhaltigkeit“ sei dieses Ergebnis, sagt der stellvertretende Sprecher und Mitgründer des Hamburger Zukunftsrates, Jochen Menzel. Während sich vor zehn Jahren mehr Menschen für ihren Lebensstil und dessen Folgen verantwortlich gefühlt hätten, delegierten sie diese Verantwortung heute an Wissenschaft und Technik. Von den aktuell Befragten meinen laut Studie 42 Prozent, der technische Fortschritt werde viele Umweltprobleme lösen, ohne dass dazu Lebensstile geändert werden müssten. Vor zehn Jahren teilten nur 17 Prozent diese Auffassung.
Neben Ansichten und Meinungen zu nachhaltigem Konsum wurde in der Umfrage auch das tatsächliche Konsumverhalten der Hansestädter abgefragt. Ihre Autos lassen sie demnach ungern stehen, umweltschädliche Flugreisen treten sie öfter an als noch vor zehn Jahren. 16 Prozent der örtlichen Haushalte beziehen inzwischen aber Ökostrom (2000: 3 Prozent). Im Bundesdurchschnitt lag der Anteil der Ökostrombezieher laut Bundesnetzagentur Ende 2009 bei 6,1 Prozent. Auch achten 62 Prozent der Hamburger Haushalte nach Selbstauskunft darauf, „möglichst“ regionale oder biologisch hergestellte Produkte zu kaufen (2000: 42 Prozent).
Trotz solcher positiver Trends in einzelnen Konsumbereichen zeichnet die neue Umfrage nach Einschätzung Menzels stärker als die Vorläuferbefragung ein Bild der „Resignation und Ratlosigkeit“. Die Verbraucher trauten dem Begriff Nachhaltigkeit nicht mehr, weil, so Menzel, „viel darüber geredet, politisch aber wenig dafür getan wird.“ 58 Prozent stimmten in der Umfrage der These zu, dass „eine Demokratie mit Grundrechten und Bürgerbeteiligung“ nachhaltige Politik nicht durchsetzen könne. Menzel sagt, der Hamburger Senat sei in der Lage, diese Wahrnehmung zu verändern, dafür müsse er aber klare Nachhaltigkeitsziele verfolgen und endlich die lange versprochene Nachhaltigkeitsstrategie für Hamburg beschließen.
Der Volkswirt Gerhard Scherhorn ist von dem in Hamburg festgestellten nachlassenden Vertrauen in Nachhaltigkeitspolitik nicht überrascht. Scherhorn befasst sich seit über fünfzig Jahren mit Fragen des nachhaltigen Konsums, gilt als Nestor dieser Disziplin in Deutschland und berät unter anderem das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Die Menschen, sagt er, registrierten sehr wohl, dass Nachhaltigkeitspolitik „quälend langsam“ vorangehe und flüchteten sich in Resignation oder Selbsttäuschung. Wolle der Staat ihr Zutrauen zurückgewinnen, müsse er zuallererst die Wirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit verpflichten. Scherhorn bezeichnet es als „grob fahrlässig“, dass Unternehmen ihre Waren weiterhin auf Kosten der Umwelt und damit der Allgemeinheit herstellen dürfen.
Die Ergebnisse der Hamburger Umfrage heben sich ab von positiveren Bildern aus anderen Umfragen. Laut der Ende 2010 vom Umweltbundesamt veröffentliche Studie Umweltbewusstsein in Deutschland 2010, für die rund 2.000 Personen befragt wurden, wünschen sich die Deutschen mehr staatliches Engagement für Nachhaltigkeit und zeigen ein gestiegenes Umweltbewusstsein, etwa beim Konsum. „Umweltfreundliches Verhalten“, heißt es dazu in der Studie, werde „nicht mehr als bloßer Verzicht begriffen, sondern mit einem Zugewinn an Lebensqualität assoziiert“. Eine deutliche Mehrheit von 82 Prozent gab an, umweltfreundliches Verhalten führe auch zu positiven finanziellen und gesundheitlichen Effekten. Nach Einschätzung der Autoren weist dieses Ergebnis auf einen „zumindest latenten Kulturwandel“ zu mehr Nachhaltigkeit hin.
Weiterführende Informationen
In 10 Jahren kaum Fortschritte beim Umweltbewusstsein der Hamburger Verbraucher. Pressemitteilung des Zukunftsrates Hamburg, 23.05.2011.
Wie nachhaltig ist der Konsum in Hamburg? Verbraucherumfragen von 2010 und 2000 im Vergleich. Studie des Zukunftsrates Hamburg, Mai 2011. [PDF, 7,8 MB]
Lebenslauf und Arbeitsschwerpunkte von Prof. Dr. Gerhard Scherhorn. Informationen des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, für das Scherhorn als Senior-Berater tätig ist.
Umweltbewusstsein in Deutschland 2010. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. Im Auftrag des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamtes erstellte Studie, Dezember 2010. [PDF, 3,9 MB]
Trotz Finanzkrise: Menschen in Deutschland fordern mehr Umweltschutz. Pressemitteilung des Umweltbundesamtes, 16.12.2010.
Meldungen zum Thema
Deutsche werfen Berge frischer Lebensmittel in den Müll. News Nachhaltigkeit, 16.05.2011.
Hamburger Wirtschaft legt Eckpunktepapier zu Nachhaltigkeit vor. News Nachhaltigkeit, 23.02.2011.
Bekanntheitsgrad des Leitbildes Nachhaltigkeit hat sich verdreifacht. News Nachhaltigkeit, 22.12.2010.
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