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"Um ein neues Geschäftsmodell zu etablieren, das im Einklang mit der Natur arbeitet und wirtschaftliche Nachhaltigkeit letztlich möglich macht, brauchen wir die Unterstützung aller gesellschaftlichen Akteure."

Jochen Zeitz, kooptiertes Mitglied des Rates

31.05.2011

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„Die Leute brauchen Leitbilder, die sie nicht überfordern“ – Interview mit dem Umweltpsychologen Prof. Dr. Andreas Ernst vom Wissenschaftlichen Zentrum für Umweltsystemforschung der Universität Kassel

Die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima hat in Deutschland zu einem Ökostrom-Boom geführt und die Anti-Atomkraft-Bewegung neu belebt. Kann diese Aufbruchstimmung auch der gesamten nachhaltigen Entwicklung zusätzlichen Schwung verleihen? Taugt Nachhaltigkeit überhaupt als Banner einer breiteren sozialen Bewegung? Der Umweltpsychologe Andreas Ernst ist skeptisch. Ernst ist Geschäftführender Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums für Umweltsystemforschung an der Universität Kassel und erforscht unter anderem, warum sich bestimmte Öko-Innovationen durchsetzen und andere nicht. Im Interview ermutigt er die Politik, selbst als Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit zu dienen.

Herr Prof. Dr. Ernst, die für 2012 von den Vereinten Nationen geplante Weltnachhaltigkeitskonferenz in Rio de Janeiro zieht bislang außerhalb von Fachzirkeln kaum Aufmerksamkeit auf sich. Vor dem „Erdgipfel“ von Rio im Jahre 1992 war das anders. Ist die Zivilgesellschaft desillusioniert in Hinblick auf solche Gipfel?

Das ist wohl nicht von der Hand zu weisen. Nach der Weltkonferenz von 1992 haben viele Menschen in Deutschland mit viel Schwung Lokale-Agenda Prozesse initiiert und gesagt: „Global denken, lokal handeln“, das machen wir jetzt. Dieser Schwung ist im Klein-Klein der Lokalpolitik untergegangen. Eine Desillusionierung gibt es. Zurückzuführen ist sie aber auch auf einen generell in der Bevölkerung als unpassend empfundenen Umgang der jeweils zuständigen Politik mit Krisen, sei es Fukushima oder sei es die Wirtschaftskrise. Mit Nachhaltigkeit hat dieser Umgang in keinem Fall etwas zu tun. Das ist bürgerferne Politik. Wer sie betreibt, sollte sich nicht wundern, wenn die Rede von der Nachhaltigkeit in der Bevölkerung keine Resonanz findet.

Hat die Nachhaltigkeit derzeit insgesamt einen schweren Stand? Oder nur die von Regierungen beschworene?

Ich denke, viele Menschen treibt die Ahnung um, dass es gewisse Entwicklungen gibt, die schwer zu korrigieren sein werden: der fossile Energiepfad, das Weltbevölkerungswachstum, die Ressourcenverknappung, das Klimaproblem. Die Politik denkt das soziale, ökologische und ökonomische System aber als verlängerbar. Sie hofft, dass die Wirtschaft innovativ genug sein wird und die Probleme löst. Die Politik fördert jetzt zwar ein bisschen die Elektromobilität, problematisiert aber nicht die Individualmobilität. Die offizielle Lesart der Nachhaltigkeit findet also komplett innerhalb des „Business-as-usual“ statt. Ich glaube, in der Bevölkerung ist klar, dass Politik jetzt ehrlicher sein müsste.

Die Bevölkerung ist weiter?

Ja. Und ich glaube auch, dass die Menschen von der Politik ein bisschen an die Hand genommen werden wollen. Würde klar kommuniziert, dass es wegen der Klima- oder Energiefrage zu Einschnitten kommen kann, und dass wir uns alle auf die Hinterbeine stellen müssen, damit es auch in Zukunft noch nett ist – dann träfe das auf eine überwiegend positive Resonanz. 

Unternehmen die Bürger denn selbst was in Richtung Nachhaltigkeit?

Verhaltensänderungen sind in einem bestehenden System schwierig. Solange unser Gesellschaftssystem so ist, wie es ist, und die Politik die Bürger nicht zu nachhaltigerem Verhalten anleitet, solange werden Entscheidungen, die ein persönliches Opfer erfordern, nicht getroffen. Es macht eben mehr Spaß, im Auto zu fahren als in vollen Bussen oder Bahnen. Solange nicht erklärt wird, warum Mobilität via Bus und Bahn nicht Verzicht, sondern persönliche Zukunftsvorsorge bedeutet, solange wird Verzicht als Verzicht für einen Unbekannten anderen gewertet – und als noch schmerzhafter empfunden.

Die Reaktorkatastrophe in Fukushima hat in Deutschland für eine starke Mobilisierung für erneuerbare Energien gesorgt. Kann daraus eine breitere Bewegung werden?

Fukushima hat einen Resonanzboden in Deutschland getroffen. Dieser Resonanzboden ist aber sehr spezifisch und eng mit der deutschen Anti-Atomkraft-Geschichte verbunden. Zudem ist Kernkraft mit Angst besetzt. Für solche spezifischen Sorgen gibt es ein enormes Mobilisierungspotenzial. Das kann in Deutschland auch noch stärker werden.

Taugt dieses Potenzial für eine Mobilisierung unter dem Banner Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit halte ich für ein weniger taugliches Banner. Der Begriff und seine Stoßrichtung sind zwar klasse. Mobilisierung braucht aber direkte Betroffenheit und eine zugespitzte Botschaft. Wenn eine soziale Bewegung zu breit wird, wenn sie ihre Botschaften für den Einzelnen nicht mehr klar fassen kann, dann fragt der sich schnell, warum mache ich da eigentlich mit? Um Menschen für Nachhaltigkeit zu gewinnen, ist ein Übersetzungsprozess nötig: Die Leute brauchen Leitbilder, die sie nicht überfordern, ihnen aber konkrete Verbesserungen des täglichen Lebens ermöglichen. Bei den erneuerbaren Energien hat das ja gut funktioniert, dank politischer Unterstützung. 

Was empfehlen Sie der Politik?

Politik muss nicht-nachhaltige Entwicklungen offenlegen und dem Bürger handhabbare Alternativen für einen nachhaltigeren Alltag bieten. Ein gutes Beispiel dafür ist der Einkaufsführer Nachhaltiger Warenkorb des Nachhaltigkeitsrates. Ein Schlechtes das Geschacher um die Auszeichnung der Nährwertangaben von Lebensmitteln mit roten, grünen und gelben Ampelfarben. Statt mit der Ampelkennzeichnung nachhaltigen Konsum zu befördern, ist die Politik vor den Lobbyinteressen der Lebensmittelindustrie eingeknickt. Wer Nachhaltigkeit will, muss den Bürgern genau solche Anknüpfungspunkte für ein nachhaltigeres Leben geben und sie auf dem Weg dahin unterstützen. Außerdem braucht Wandel positive Vorbilder. Wo sind die Politiker, die ihre Dienstwege überwiegend mit dem Rad erledigen? Darum geht es: Klar zu machen, was Nachhaltigkeit im Alltag heißt. Nicht in den Schriftstücken, sondern beim eigenen Verhalten. Wer Wasser predigt, aber Wein trinkt, verliert Authentizität und wird niemanden hinter sich versammeln.

Dass Menschen für Wandel zu kämpfen bereit sind, zeigen die Revolutionen in Nordafrika. Ist ein hoher Leidensdruck Voraussetzung für Wandel?

Der Leidensdruck in Nordafrika war sehr hoch. Deutschland ist dagegen eine Insel der Glückseligen. Wir leiden nicht persönlich an zu wenig Nachhaltigkeit. Noch nicht zumindest. Unsere Verantwortung wäre, Nachhaltigkeit voranzutreiben, Druck aus der Entwicklung zu nehmen, die Zeit zu nutzen, technologisch, inhaltlich und persönlich. Passiert das nicht, wird der Leidensdruck aufgrund der ökologischen Grenze unseres Planeten auch bei uns steigen. Deswegen muss Politik jetzt die richtigen Weichen stellen und Vorbild sein für eine Gesellschaftsform der Zukunft – eine Gesellschaftsform, die solidarisch ist, wirtschaftlich nicht überzogen und ökologisch nachhaltig. Nur: Diese Vorbildfunktion vermisse ich in der deutschen Politik derzeit leider.

Weiterführende Informationen

Lebenslauf und Arbeitsschwerpunkte von Prof. Dr. Andreas Ernst. Informationen auf der Website der Universität Kassel.

Der Nachhaltige Warenkorb. Einfach besser einkaufen. Broschüre des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Aktualisierung März 2011. [PDF, 3,9 MB

Online-Version des Nachhaltigen Warenkorbs.

Projektseiten „Nachhaltiger Warenkorb“ auf der Website des Rates.

Meldungen zum Thema

„Ohne Bürgerengagement wird die Transformation nicht gelingen“ – Interview mit Prof. Dr. Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik und stellvertretender Vorsitzender des WBGU. News Nachhaltigkeit, 20.04.2011.

Die Politik muss sich viel mehr um Jugendliche bemühen“ – Interview mit dem Soziologen und Zukunftsforscher Edgar Göll vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, IZT, Berlin. News Nachhaltigkeit, 24.03.2011.

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