26.01.2011
„Auch wissenschaftlich begründete Politik muss demokratische Mehrheiten finden“ – Interview mit Prof. Dr. Klaus Töpfer, Gründungsdirektor des Institute for Advanced Sustainability Studies
In der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam hat Anfang des Jahres das „Institute for Advanced Sustainability Studies“ (IASS) seine Arbeit aufgenommen. An dem 2009 gegründeten Spitzenforschungsinstitut für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit sollen international herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Lösungen für globale Herausforderungen wie den Klima- und Ressourcenschutz finden. Die neue Denkfabrik soll auch einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung einer nationalen Forschungsstrategie für Klimaschutz leisten und als Scharnier zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft dienen. Gründungsdirektor des IASS ist der ehemalige Bundesumweltminister und langjährige Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Prof. Dr. Klaus Töpfer. Im Interview erklärt Töpfer, der von April 2001 bis Mai 2010 stellvertretender Vorsitzender des Rates für Nachhaltige Entwicklung war, woran am IASS geforscht wird, was die industrielle Revolution mit Nachhaltigkeit zu tun hat und wie aus wissenschaftlichen Erkenntnissen Politik werden kann.
Herr Prof. Töpfer, welches Anliegen verfolgt das IASS?
Das IASS ist eine Wunschgründung aller deutschen Wissenschaftseinrichtungen, von der Max-Planck-Gesellschaft über die Helmholtz- und Leibniz-Gemeinschaft, die Fraunhofergesellschaft bis hin zur Deutschen Forschungsgemeinschaft und Universitäten. Dieser Wunsch ist nach dem Klimaforschungsgipfel der Bundesregierung 2007 an die Forschungsministerin herangetragen worden. Das Ziel ist, herausragenden Wissenschaftlern die Möglichkeit zu geben, Themen aufzugreifen, zu vertiefen und weiterzuführen, die sie für besonders wichtig für die Bewältigung der Probleme einer nachhaltigen Entwicklung halten.
Das ist das wissenschaftliche Anliegen. Und das gesellschaftliche?
Unser Institut soll den Transferprozess von neuem technischen Wissen in die Zivilgesellschaft und in die Politik verbessern. Wir sehen immer klarer, dass diese Transformation in einer offenen, demokratischen Gesellschaft erhebliche Schwierigkeiten mit sich bringt. Deswegen brauchen wir einen Ort, an dem frühzeitig über die Entwicklungsrichtung der Wissenschaft gesprochen wird. Das IASS wird inter- und transdisziplinär arbeiten.
Was passiert derzeit am IASS?
Gegenwärtig bauen wir vornehmlich zwei von drei geplanten Schwerpunktthemen auf. Das erste ist mit dem Physik-Nobelpreisträger Prof. Carlo Rubbia verbunden, der als wissenschaftlicher Direktor am IASS arbeitet. Er hat sich fünf Aufgaben gestellt, die sich in besonderer Weise mit der Frage beschäftigen, wie CO2 als Ressource genutzt werden kann. Kann man aus CO2 beispielsweise Methanol herstellen? Geht das in relevanten Größenordnungen, zu ökonomischen Preisen? Prof. Rubbia arbeitet daneben zur Superconductivity, einer Technik zur Übermittlung großer Strommengen.
Welches Schwerpunktthema bearbeiten Sie selbst?
Das Projektcluster, das ich vertrete, beschäftigt sich insbesondere mit der Frage, wie wir Nachhaltigkeit durch das Mitnehmen der Bevölkerung zu einem Transformationsprozess machen können. Das ist noch nicht hinreichend in Gang gekommen. Und wir sehen in unseren alltäglichen Bemühungen und in spektakulären Fällen wie dem Hauptbahnhof in Stuttgart, dass dieser Diskurs zwischen Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft besser werden muss. Daran arbeiten wir.
Wir kooperieren dabei eng mit dem Rat für Nachhaltige Entwicklung und werden Anfang Februar in Potsdam einen IASS-Workshop durchführen, der gerade auf Fragen der historischen Rahmenbedingungen von Transformationen eingehen wird – und zwar am Beispiel der industriellen Revolution. Darüber bin ich sehr froh. Gleichzeitig werden wir uns mit der kulturellen Dimension des Begriffs der nachhaltigen Entwicklung beschäftigen. Das dritte Projektcluster, das noch nicht mit einem wissenschaftlichen Direktor besetzt ist, wird sich unter Leitung von Prof. Lal von der Ohio State University vorrangig mit Böden beschäftigen. Wir werden außerdem zum sogenannten Geoengineering forschen.
Sie erwähnten einen Workshop im Februar, der sich mit großen Transformationen unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten und mit der Industriellen Revolution befasst. In einem weiteren Workshop wird es um den demografischen Wandel gehen. Was gab den Ausschlag für diese Themen?
Es war eine sehr gute Idee des Rates für Nachhaltige Entwicklung, sich mit der Historie von Transformationsprozessen auseinanderzusetzen und dies gemeinsam mit herausragenden Wissenschaftlern wie dem Historiker Jürgen Osterhammel von der Universität Konstanz und anderen zu tun. Ich bin sehr dankbar für diese Gelegenheit, weil auch wir Fragen kultureller Differenzierung und Überschneidung aufgreifen. Beim Bevölkerungsrückgang etwa können wir sehen, dass es in Deutschland und vielen anderen hoch entwickelten Ländern erhebliche Rückfragen zur Gestaltung dieses Wandels gibt. Welche Konsequenzen hat er für die Nachhaltigkeit? Wie kann man Menschen in positiver Weise mitnehmen auf diesem Weg?
Volker Hauff, Vorsitzender des Nachhaltigkeitsrates von 2001 bis Mai 2010, hat der Wissenschaft attestiert, ihre einstige Vorreiterrolle auf dem Weg zur nachhaltigen Entwicklung eingebüßt zu haben. Er sagte auch, das „Erkennen von Konsequenzen“ sei eine wesentliche Funktion der Wissenschaft und werde angesichts nicht-nachhaltiger Entwicklungen zur „Kategorie von Verantwortung“. Wie beurteilen Sie die aktuellen Leistungen der Wissenschaft in Sachen Nachhaltigkeit?
Man muss das, was Volker Hauff – mit dem ich den Rat für Nachhaltige Entwicklung ja lange geleitet habe – gesagt hat, wie immer, sehr ernst nehmen. Wissenschaft hört nicht da auf, wo technische Lösungen nachgewiesen werden können. Wir müssen die Einbindung der Gesellschaft berücksichtigen. Auch, weil wissenschaftlicher Fortschritt immer komplexer wird, er immer weiter reichende Folgen hat – und weil die Menschen negative Folgen technischen Fortschritts schnell erkennen. Wir sollten den kategorischen Imperativ für das technische Zeitalter, den der Philosoph Hans Jonas in Fortführung des bekannten Kantschen Imperativs angeführt hat, ernst nehmen. Nach Jonas haben wir so zu handeln, dass die Konsequenzen unseres Handelns in Einklang stehen mit der Permanenz menschlichen Lebens auf Erden. Daher müssen wir uns, wie es Jonas formuliert hat, auch sehr intensiv mit der Heuristik der Furcht auseinandersetzen. Darum geht es an diesem Institut. Um wichtige Fragen technischen Fortschritts, etwa die Nutzung von CO2. Aber wenn nicht mitgedacht wird, welche Demokratiefähigkeit oder -unfähigkeit damit verbunden ist, begibt man sich in den Elfenbeinturm. Und das hilft dieser Gesellschaft nicht, auf den Weg der Nachhaltigkeit zu kommen.
Wie kann aus wissenschaftlichen Erkenntnissen wirksame Politik werden?
Politik ist nie nur so etwas wie eine Implementierung von Wissenschaft. Wir müssen klar sehen, dass Politik demokratische Mehrheiten finden muss, auch für von der Wissenschaft als notwendig nachgewiesene Entscheidungen. Der eine oder andere mag davon träumen, dass weniger demokratische Teilhabe die Durchsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse einfacher machen würde. Aber nach meiner Überzeugung ist das der absolut falsche Weg. Politik hat ihre eigene zentrale Aufgabe: den sozialen Frieden zu erhalten. Sie muss gleichzeitig ökologische Belastungen vermeiden und darf nicht Wirtschaftswachstum auf Kosten von Natur und Schöpfung subventionieren.
Weiterführende Informationen
Website des Institute for Advanced Sustainability Studies e.V. (IASS).
Meldungen zum Thema
Hauff: Wissenschaft muss Vorreiterin der Nachhaltigkeit werden. News Nachhaltigkeit 27.04.2010.
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