18.01.2010
Chemie-Industrie will weg von Rohstoffquelle Erdöl – Alternative CO2?
Die chemische Industrie in Deutschland will ihre Rohstoffversorgung auf eine breitere Basis stellen und so die Abhängigkeit von ihrer wichtigsten Rohstoffquelle Erdöl mildern. Mittelfristig könne der Kohlenstofflieferant Erdöl durch Erdgas, Kohle oder Biomasse ergänzt und ersetzt werden, heißt es in einem aktuellen Positionspapier der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und drei weiterer Branchenverbände. Als zusätzliche Rohstoffquelle können sie sich auch das Klimagas Kohlendioxid vorstellen. Deutsche Unternehmen des Chemie- und Energiesektors arbeiten bereits an dessen Urbarmachung.
CO2 sei als Rohstoffquelle „nahezu unbegrenzt verfügbar“, sagte Professor Dr. Michael Röper bei der Vorstellung des unter seiner Federführung erarbeiteten Positionspapiers am 11. Januar in Frankfurt am Main. Der Wissenschaftler, der beim Ludwigshafener Chemiemulti BASF für Innovationsmanagement zuständig ist, sieht allerdings noch große Probleme bei der stofflichen Verwertung des Klimagases. Sie sei „sehr energieaufwändig“ und, so Röper, „nur sinnvoll, wenn regenerative oder nukleare Energiequellen eingesetzt werden“. Ansonsten drohe bei der Umwandlung von CO2 eine „negative Kohlendioxidbilanz“.
Weltweit, auch in Deutschland, haben sich Forschungsgruppen in den letzten Jahren daran gemacht, CO2 als Rohstoff nutzbar zu machen und den Energieaufwand zu senken. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert neue Technologien zur chemischen CO2-Verwertung bis 2014 mit insgesamt 100 Millionen Euro. Die Verwertung des Klimagases als Rohstoff sei zwar ein eher „‚unkonventioneller' Ansatz“, so Staatssekretär Frieder Meyer-Krahmer. Das sei aber die Richtung, in die weitergedacht werden müsse. „Vielversprechende Forschungsansätze“ lägen schon vor, schreibt das BMBF. Denkbar seien etwa Dämmstoffe oder Verpackungen auf CO2-Basis.
Die deutsche Industrie hat das Potenzial des Treibhausgases ebenfalls erkannt. BASF etwa nutzt es unter anderem als Rohstoff zur Gewinnung von Bernsteinsäure, die beispielsweise für biologisch abbaubares Polyester benötigt wird. Der größte deutsche Stromproduzent RWE kooperiert seit Anfang Januar mit dem Biotechnologieunternehmen BRAIN AG aus dem hessischen Zwingenberg. Ziel ist, CO2 mit neuartigen Mikroorganismen in Biomasse oder direkt zu Wertstoffen umzuwandeln. Als „Futter“ dienen den Designer-Mikroorganismen die CO2-haltigen Rauchgase aus Braunkohlenkraftwerken.
Dr. Martin Langer, bei dem hessischen Mittelständler zuständig für Unternehmensentwicklung, schwärmt, RWE könne von dem Vorhaben doppelt profitieren. „Einerseits durch sauberere Kraftwerke und damit geringere Kosten im Emissionshandel.“ Mit CO2 gefütterte Mikroorganismen könnten andererseits Biomasse aufbauen, die sich wiederum als Basis für wertvollere Stoffe nutzen und verkaufen ließe. Da stecke viel Potenzial drin, meint Langer.
Verhaltener äußert sich BASF. CO2 sei zwar „einerseits eine preiswerte Kohlenstoffquelle“, so Unternehmenssprecherin Juliana Ernst. Auf den Klimawandel wirkten sich die für die Chemieproduktion denkbaren gebundenen Mengen an CO2 allerdings auch dann kaum aus, wenn die zur Umwandlung benötigte Energie CO2-frei gewonnen würde.
Die vier deutschen Chemieorganisationen – die GDCh, die Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie, die Deutsche Wissenschaftliche Gesellschaft für Erdöl, Erdgas und Kohle und der Verband der Chemischen Industrie – sind sich dessen bewusst, werten die stoffliche Nutzung von CO2 in ihrem Positionspapier aber dennoch als „strategisch wichtiges Konzept“. Langfristig könne sie „zu neuen Technologien zur Rohstoffsicherung führen“, das erfordere aber intensive Forschung.
Der Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Dr. Volker Hauff, hält eine „groß angelegte Forschungsinitiative zur Aufbereitung des CO2 und zu dessen Einsatz als Rohstoff“ für alternativlos. Skeptikern möge diese Vorstellung einer CO2-Kreislaufwirtschaft heute noch utopisch erscheinen, sagte der ehemalige Bundesminister für Forschung und Technologie im vergangenen Sommer. „Doch vor 30 Jahren hielten viele es für ebenso utopisch, Müllberge zu recyceln und verseuchte Flüsse von Schadstoffen zu befreien.“ Dennoch habe man das durch, so Hauff, „beharrliche Innovationspolitik geschafft“.
Weiterführende Informationen
Rohstoffbasis der chemischen Industrie wird in Zukunft breiter. Gemeinsame Pressemitteilung der Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V. (GDCh), Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e. V. (DECHEMA), Deutsche Wissenschaftliche Gesellschaft für Erdöl, Erdgas und Kohle e.V. (DGMK) und Verband der Chemischen Industrie e.V., 11.01.2010.
Rohstoffbasis im Wandel. Positionspapier der GDCh, Dechema, DGMK und des VCI, Januar 2010. [PDF, 528 KB]
Rohstoffbasis im Wandel. Rede von Professor Dr. Michael Röper, BASF SE, bei der Vorstellung des Positionspapiers „Rohstoffbasis im Wandel“, 11.01.2010.
Staatssekretär Meyer-Krahmer: CO2 als wertvollen Rohstoff nutzen. Meldung der Bundesregierung, ohne Datum.
Richtlinien zur Fördermaßnahme „Technologien für Nachhaltigkeit und Klimaschutz – Chemische Prozesse und stoffliche Nutzung von CO2“. Bekanntmachung des BMBF, 18.06.2009.
BASF und CSM beschließen Kooperation zur Entwicklung der Produktion biobasierter Bernsteinsäure. Pressemitteilung BASF, 30.09.2009.
RWE Power und BRAIN kooperieren in der Weißen Biotechnologie: CO2 als Rohstoff für neue Produkte. Gemeinsame Pressemitteilung der RWE Power und der BRAIN AG, 04.01.2010.
Hauff fordert Forschungsinitiative zu Kohlendioxid-Recycling. Pressemitteilung des Rates für Nachhaltige Entwicklung, 16.06.2009.
Meldungen zum Thema
Kohlendioxid soll als Rohstoff genutzt werden, 09.07.2009.
Grundlagenforschung: Wissenschaftler wandeln CO2 in Methanol um, 30.04.2009.
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