20.11.2009
„Saubere“ Kohle: Nachhaltigkeitsexperten drängen auf deutsche Vorreiterrolle
Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung, hat die Bundesregierung aufgefordert, der „sauberen“ Kohle zum Durchbruch zu verhelfen. Die Förderung der CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) könne „qualifizierte Arbeitsplätze und Exportchancen schaffen“, so Vassiliadis am 10. November auf dem deutschen Steinkohlentag in Essen. Die Regierungsparteien sollten daher ein Gesetz verabschieden, „das CCS fördert, nicht verhindert“. Um diese Zukunftstechnologie voran zu bringen, bedürfe es aber noch mehr, so der IG BCE-Chef.
Die „Akzeptanz für diese Zukunftstechnologie“ in der Bevölkerung müsse steigen, erklärte Vassiliadis. Dafür brauche es „verstärkte gemeinsame Anstrengungen“. Die CO2-Abscheidung und -Speicherung ist in Deutschland heftig umstritten. Einige Umweltschutzgruppen wie Greenpeace oder der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) lehnen sie ab. Der BUND bezeichnete sie erst Ende Oktober als „Feigenblatt für Klimakiller“. Neue Kohlekraftwerke seien nicht mit dem Klimaschutz vereinbar, so der Umweltverband. Vassiliadis betonte in Essen dagegen die Chancen der Technik, die eine „Stromerzeugung fast ohne CO2-Emissionen“ ermögliche und „entscheidend“ zur Bewältigung des Klimawandels beitragen könne.
Ein erster Anlauf für ein deutsches CCS-Gesetz war im Sommer gescheitert. Auf einen zweiten, „zeitnahen“ Anlauf haben sich CDU/CSU und FDP im Koalitionsvertrag verständigt. Außerdem wollen sie die Akzeptanz der Technik und die Forschung daran stärken. Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstrich das am 10. November in ihrer Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag. Merkel stellte ein „Gesamtkonzept für eine schlüssige Energiepolitik“ in Aussicht und warb für die „saubere“ Kohle. Deutschland, so die Regierungschefin, könne „nicht sofort“ auf diesen Energieträger verzichten. „Das wäre unsinnig.“ Mit Blick auf den hohen Kohleanteil an der globalen Energieversorgung fragte sie: „Was soll denn in China gebaut werden?“ Nach am selben Tag von der in Paris ansässigen Internationalen Energie Agentur veröffentlichten Berechnungen könnte die weltweite Kohlenachfrage in den kommenden zwanzig Jahren um 53 Prozent steigen.
Volker Hauff, Vorsitzender des Rates für Nachhaltige Entwicklung, hat sich mehrmals mit Nachdruck für eine stimmige deutsche CCS-Strategie und die Erprobung der Technologie ausgesprochen. „Mittelfristig kann Deutschland vielleicht ohne Kohle auskommen“, so der ehemalige Bundesforschungsminister. Die Welt könne es aber auf keinen Fall. „Unsere globale Verantwortung zwingt uns dazu, Wege in eine CO2-ärmere Zukunft durch neue Technologien zu weisen.“ Der Nachhaltigkeitsrat hat die Bundesregierung mit einem im Herbst 2008 vorgelegten Positionspapier aufgefordert, nach dem Jahr 2015 kein Kohlekraftwerk mehr ohne Abscheidetechnik zu genehmigen.
Ratsmitglied Vassiliadis erklärte auf dem deutschen Steinkohlentag, dass Deutschland gute Chancen habe, sich der CSS-Entwicklung „an die Spitze des Fortschritts zu stellen“. CCS sei ebenso wie die Solarenergie eine Zukunftstechnologie. Solarstrom jedoch gelte in der Öffentlichkeit als „sexy“. CCS könne das nur unter „einigen Fachleuten“ für sich beanspruchen. Das Ratsmitglied erkennt darin einen Widerspruch. CCS, so Vassiliadis, könne wegen des hohen Anteils von Stein- und Braunkohle an der deutschen Stromerzeugung „wesentlich mehr für den Klimaschutz“ leisten als viele erneuerbare Energieträger. Nach Berechnungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen trugen Stein- und Braunkohle in den ersten zwei Quartalen 2009 mit 22,7 Prozent zum deutschen Primärenergieverbrauch bei. Wind-, Wasser- und Sonnenkraft kamen auf einen Anteil von 6,6 Prozent.
Weiterführende Informationen
Rede von Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE beim Steinkohlentag in Essen, 10.11.2009. [PDF, 53 KB]
Deutschland kann mehr. BUND-Bewertung des Koalitionsvertrags von CDU/CSU und FDP, 27.10.2009. [PDF, 78 KB]
Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel vor dem Deutschen Bundestag, 10.11.2009. [PDF, 113 KB]
Why is our current energy pathway unsustainable. Datenblatt der Internationalen Energie Agentur zu, World Energy Outlook 2009, November 2009. [PDF, 374 KB]
Hauff kritisiert Umweltgutachter: Provinzielles Denken beim Klimaschutz. Pressemitteilung des Rates für Nachhaltige Entwicklung, 08.05.2009.
Position des Nachhaltigkeitsrates zu aktuellen Fragen der Klima- und Energiepolitik, 27.10.2008. [PDF, 68 KB]
Kräftiger Einbruch beim Energieverbrauch im ersten Halbjahr. Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, 04.08.2009. [PDF, 76 KB]
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