19.11.2009
Flächendiät mit mäßigem Erfolg
Laut Statistischem Bundesamt hat sich die Neuinanspruchnahme von Flächen für Gebäude und Straßen in den Jahren 2005 bis 2008 auf 104 Hektar pro Tag verlangsamt, das entspricht ungefähr der Fläche von 149 Fußballfeldern. Zwischen 2001 und 2004 wurden noch 115 Hektar täglich zubetoniert. Das ursprüngliche Ziel der letzten Bundesregierung, den Flächenverbrauch auf 30 Hektar am Tag zu begrenzen, würde bei gleichbleibendem Tempo dennoch nicht, wie vorgegeben, im Jahr 2020 erreicht, sondern frühestens 2036. Verfechter eines Erhalts natürlicher Fläche haben es in Deutschland schwer.
„Es ist in Deutschland bis heute noch nicht gelungen, die Flächendiät mit positiven Gefühlen zu verbinden“, sagt Stephanie Bock vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), Berlin. Wenn Wissenschaft oder Politik weniger Flächenverbrauch forderten, übersetze die Öffentlichkeit das mit „Ich darf mein Haus nicht mehr bauen“. Zudem, so die Planungswissenschaftlerin, sei der Bezug zur heimischen Landschaft in Deutschland „nicht sonderlich ausgeprägt“. Anders sei das beispielsweise in der Schweiz. Dort hat ein parteienübergreifendes Bündnis die Volksinitiative Raum für Mensch und Natur eingeleitet. Ziel ist, die Gesamtfläche der Bauzonen in den kommenden zwanzig Jahren nicht zu vergrößern. Bis spätestens 2012 muss die Schweizer Regierung darauf mit Gesetzesänderungen reagieren. In Deutschland, meint Bock, sei das „undenkbar“.
„Mehr Einwohner gelten hierzulande immer noch als kommunalpolitischer Erfolg“, sagt sie, da die Städte dann höhere Steuereinnahmen und mehr Mittel aus dem kommunalen Finanzausgleich erhielten. Folglich würden viele Baugebiete auf der „grünen Wiese“ ausgewiesen. Verlierer seien die Stadt- oder Dorfkerne mit älterer Bausubstanz, die verödeten. Dass diese Vernachlässigung der Innenstadtentwicklung Kommunen auch teuer kommt, belegen etliche Studien. Grund sind die hohen Erschließungskosten. Das Freiburger Öko-Institut hat die aus dem Infrastrukturaufbau folgenden Kosten vergangenes Jahr für Kommunen in der Region Freiburg durchgerechnet. Demnach liegen die Erschließungskosten auf der „grünen Wiese“ bei bis zu 47.000 Euro je Wohneinheit. Bei der Innenentwicklung betragen sie lediglich 1.000 Euro.
Viele Bürgermeister und Stadtkämmerer, sagt Difu-Expertin Bock, hingen trotzdem noch dem „Glauben an, Neuerschließungen spülten Geld in die Gemeindekasse“. Einige Kommunen hätten den Trugschluss aber erkannt und böten Beratungen für Neubürger an, um sie von den Vorteilen der Innenstadt zu überzeugen. Die Verbandsgemeinde Wallmerod in Rheinland-Pfalz hat sogar eine Kommunale Eigenheimzulage aufgelegt, um die Entvölkerung des Ortskerns aufzuhalten. „Familien, die leer stehende Häuser im Dorfkern erwerben und anschließend umbauen oder sanieren, fördern wir mit bis zu 8.000 Euro“, sagt Mario Steudter, Leiter der Bauabteilung der 21 Dörfer umfassenden Verbandsgemeinde. Die Erfahrungen der Gemeinde seien „nur positiv“, vergangene Woche habe man den 70. Antrag seit November 2004 genehmigt.
Stephanie Bock hält das für einen guten Weg, um den Flächenfraß zu entschleunigen. Sinnvoll könnte auch die Einführung handelbarer Flächenzertifikate sein, sagt sie. Jede Kommune bekäme damit proportional zu ihrer Größe oder Einwohnerzahl ein kostenloses Kontingent an Flächengutscheinen zugeteilt. Gemeinden, die mehr Flächen betonieren, als ihnen zugeteilt wurden, müssten anderen Gemeinden Zertifikate abkaufen. Fläche würde so ein knappes Gut. CDU/CSU und FDP haben im Koalitionsvertrag festgeschrieben, einen Modellversuch zu starten. Das ursprünglich vom Rat für Nachhaltige Entwicklung in seiner Flächenempfehlung vorgeschlagene Ziel, den Flächenfraß bis 2020 auf 30 Hektar am Tag zu begrenzen, findet sich in dem Vertrag nicht mehr. Die Parteien wollen das Ziel „im Sinne größtmöglicher ökologischer Wirksamkeit neu definieren“. Ob das 30-Hektar-Ziel aufgegeben wurde, ist unklar. Bock: „Im Moment weiß niemand, was dahinter steckt.“
Weiterführende Informationen
Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsfläche: 104 Hektar pro Tag. Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes, 11.11.2009.
Tue Gutes und rede darüber: Nachhaltiges Flächenmanagement kommunizieren. Pressemitteilung des Difu, 29.10.2009.
Nachhaltiges Flächenmanagement - in der Praxis erfolgreich kommunizieren. Ansätze und Beispiele aus dem Förderschwerpunkt REFINA. Difu-Publikation, Oktober 2009. [PDF, 5,1 MB]
Website der Schweizer Landschaftsinitiative „Raum für Mensch und Natur“.
Landschaft bewahren – Flächen sparen! Abschluss des Forschungsprojektes „Kommunales Flächenmanagement in der Region (komreg)“. Pressemitteilung Öko-Institut, 18.06.2008.
Leben im Dorf – Leben mittendrin. Förderrichtlinien der Verbandsgemeinde Wallmerod.
Hintergrundinformationen zum Förderprogramm der Verbandsgemeinde Wallmerod „Für mehr Leben im Dorf – mehr Leben mittendrin!“
Mehr Wert für die Fläche: Das „Ziel-30-ha“ für die Nachhaltigkeit in Stadt und Land. Empfehlungen des Rates für Nachhaltige Entwicklung an die Bundesregierung, texte Nr. 11, Juli 2004. [PDF, 1 MB]
Evaluation der Ratsempfehlungen „Mehr Wert für die Fläche: Das Ziel 30ha". Studie im Auftrag des Rates für Nachhaltige Entwicklung, texte Nr. 19, Januar 2007 [PDF, 929 KB]
Wachstum. Bildung. Zusammenhalt. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP, 26.10.2009. [PDF, 643 KB]
Meldungen zum Thema
Nachhaltigkeitsbeirat Baden-Württemberg will Flächenfraß bremsen, 23.07.2009.
Zusammenarbeit zwischen Bund und Kommunen im Kampf gegen Flächenfraß vereinbart, 19.02.2009.
Flächenfraß vermeiden, Landschaft bewahren, Geld sparen, 03.07.2008.
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