11.11.2009
Sozialunternehmer Hiß: „Nachhaltigkeit heißt einfach Handeln“
Können Aktiengesellschaften Rücksicht auf kommende Generationen nehmen und dennoch heute Gewinn einfahren? Sie können, wie ein Blick auf das badische Agrar-Netzwerk Regionalwert AG zeigt. Den Gründer der AG, den Landwirt Christian Hiß, würdigte der Rat für Nachhaltige Entwicklung jetzt mit dem erstmals verliehenen Preis „Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit“. Hiß kauft mit der Regionalwert AG mit von Bürgern und Investoren bereitgestelltem Kapital landwirtschaftliche und landwirtschaftsnahe Betriebe in der Region Freiburg und verpachtet sie an qualifizierte Unternehmer, die sich zu einer nachhaltigen Bewirtschaftung verpflichten. „Nachhaltigkeit“, sagt der Sozialunternehmer, heiße erst, neue Geschäftsmodelle entwickeln – „dann aber vor allem Handeln“. Hiß will so in den nächsten Jahren ehrgeizige Ziele erreichen.
„Wir wollen unter anderem zehn landwirtschaftliche Betriebe in unser Netzwerk einbinden und zwanzig stille Beteiligungen an regionalen Bio-Unternehmen abschließen“, sagt der Öko-Landwirt. Derzeit verpachtet die nicht börsennotierte Aktiengesellschaft zwei Betriebe. Außerdem hält sie stille Beteiligungen an zwei Biohändlern. Von seinem Geschäftsmodell konnte der Vorreiter mittlerweile rund 350 Aktionäre überzeugen. „In fünf Jahren wollen wir mindestens 1.500 Aktionäre haben“, sagt Hiß. „Außerdem streben wir eine Erhöhung der Kapitaleinlagen von heute 1,4 Millionen Euro auf fünf Millionen Euro an“. 2009 könnte die AG laut Hiß ein positives Ergebnis einfahren, trotz des „aufwendigen und kostspieligen Unternehmensaufbaus“. Hiß‘ Aktionäre erfahren in der Jahresbilanz nicht nur, wie viel Geld erwirtschaftet wurde. Auch der soziale und ökologische Mehrwert, den die AG erzielt hat, wird ausgewiesen. „Wir geben Auskunft über Transportwege, Düngemitteleinsatz und die Entwicklung der Kulturlandschaft“, sagt der Unternehmer.
Als er vor sechs Jahren angefangen habe, sich Gedanken über eine nachhaltigere Landwirtschaft zu machen, da, so Hiß, „war mir noch nicht klar, welches Konzept dabei herauskommt“. Am Anfang habe die Diagnose gestanden, dass ein „Weiter so“ nicht zukunftsverträglich sei. Er habe sich dann gefragt, wie man sich als Unternehmer in der Landwirtschaft „gleichzeitig wirtschaftlich und ökologisch, aber auch fair gegenüber der Gesellschaft und den Mitarbeitern verhalten“ könne. Die Grundidee sei gewesen, „die sozial-ökologische Leistung der Landwirtschaft in der Region zu erfassen und zu bewerten“ und „zusätzlich weitere Menschen für die Entwicklung regionaler Wirtschaftsprozesse zu gewinnen“. So entstand die Idee der Herausgabe von Bürgeraktien und damit der Zeitpunkt zum Handeln. Hiß selbst schritt mutig voran: „Als Erstes habe ich der Regionalwert AG meinen Hof als Grundkapital übertragen“. Erste Investoren folgten. Inzwischen, sagt der Social Entrepreneur, sei mit dem Netzwerk „ein Modell entstanden, das in und um Freiburg ernst genommen wird“.
Bundesweite Aufmerksamkeit erfuhr der Sozialunternehmer nun dank der Auszeichnung des Rates für Nachhaltige Entwicklung, der Hiß im Rahmen der Verleihung der Deutschen Nachhaltigkeitspreise 2009 am 06. November in Düsseldorf als ersten deutschen Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit würdigte. „Christian Hiß“, heißt es in der Preisbegründung des Nachhaltigkeitsrates, „liefert ein Gegenmodell zur wachsenden Entfremdung der Nahrungsmittelproduktion von ihren Käufern und zum fortschreitenden Konzentrationsprozess in der globalen Lebensmittelindustrie“. Er leiste Vorbildliches für die Bindung von Kapital in der Region und eröffne so eine bundesweite Perspektive für die Entwicklung des ländlichen Raumes.
Die offizielle Laudatio für Hiß übernahm die Umweltministerin des Landes Baden-Württemberg, Tanja Gönner. Sie lobte sein Projekt als „wegweisend für mehr Nachhaltigkeit in ganz Deutschland“. Hiß‘ Verdienst bestehe nicht nur in der „Einhaltung von ökologischen Aspekten“ in der Landwirtschaft. Mit der Regionalwert AG leiste er darüber hinaus einen Beitrag zur Integration sozial schwächerer Menschen. Gönner wünschte sich „zahlreiche Nachahmer“, die die nachhaltige Entwicklung mit persönlichem Engagement und Geschäftssinn vorantreiben. Hiß selbst erhofft sich von der Würdigung „zusätzlichen Schwung für eine nachhaltige Entwicklung des ländlichen Raumes“.
Weiterführende Informationen
Christian Hiß wird erster „Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit“. Pressemitteilung des Rates für Nachhaltige Entwicklung, 29.10.2009.
Website der Regionalwert AG.
Website des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2009.
meldungen zum Thema
Vorreiter-Unternehmen mit Deutschem Nachhaltigkeitspreis 2009 gewürdigt, 11.11.2009.
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