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"Nachhaltigkeit verpflichtet zu Vernunft und Verantwortung unseres Handelns im sozialen, ökologischen und ökonomischen Bereich."

Michael Vassiliadis, Mitglied des Rates

19.08.2009

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Schwindendes Öl: Braucht Deutschland eine Strategie für den Tag X?

Dass die Erdölreserven der Erde endlich sind, ist unter Experten unumstritten. Unterschiedlich dagegen beantworten Wissenschaftler die Frage, ob die globale Erdölförderung ihren Höhepunkt bereits erreicht hat. Als ausgemacht gilt zumindest, dass diese von Fachleuten als Peak Oil bezeichnete Schwelle spätestens in einem Vierteljahrhundert überschritten wird. In Deutschland wird über den richtigen Umgang mit der künftigen Knappheit noch gestritten. In den USA dagegen haben einige Städte – wie jüngst erst San Francisco – eigene Peak Oil-Strategien entwickelt. 

Braucht auch die Bundesrepublik eine Strategie, um für einen Rückgang der Liefermengen gerüstet zu sein? „Nein“, sagt Stephan Kohler. Der Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (dena) rechnet zwar „um die Jahre 2010 bis 2015“ mit einem Rückgang der Fördermengen. Eine eigene Anpassungsstrategie hält der Energieexperte hierzulande aber für unnötig. „Eine erfolgreiche Klimaschutzpolitik macht das überflüssig“, meint Kohler. Wolle man fit für die Zeit nach dem Peak werden, müsse man auf Energieeffizienz, Energiesparen und erneuerbare Energien setzen. Dazu gebe es schon aus Gründen des Klimaschutzes keine Alternative. „Nicht das Öl“, sagt Kohler, „das Klima ist der begrenzende Faktor“.

Mehr Energieeffizienz und mehr erneuerbare Energien will auch Thomas Seltmann. Der Projektmanager des unabhängigen Expertennetzwerks Energy Watch Group aus Berlin hält aber anders als dena-Chef Kohler nicht das Klima für den begrenzenden Faktor, sondern das noch verfügbare Öl. „Klimaschutz ist wichtig“, sagt der Fachmann, „wir dürfen uns aber nicht nur darauf konzentrieren“. Stattdessen müsse die Diskussion um das schwindende Öl stärker unter dem Gesichtspunkt Versorgungssicherheit geführt werden. „Der Handlungsdruck wird aus dieser Warte deutlicher“, argumentiert Seltmann, „da die Öl-Verknappung schon heute Realität ist.“ Der Klimawandel sei zwar auch real, seine gravierendsten Folgen würden aber erst für Mitte des Jahrhunderts erwartet.

Konzentriere man sich auf diese eher langfristige Bedrohung, „nimmt das den Druck zum unmittelbaren Handeln“, sagt der Netzwerker. Sobald die Wirtschaft eine Flaute erlebe, schöben Politik und Unternehmen den Schutz der Atmosphäre auf, denn dafür seien ja noch 40 Jahre Zeit. In Sachen Öl-Knappheit und Versorgungssicherheit gebe es solche Spielräume nicht. „Die Versorgungssicherheit ist das akutere Problem“, sagt Seltmann. Es lasse sich jedoch mit denselben Mitteln lösen wie das Klimaproblem – nämlich durch mehr Effizienz und vor allem durch einen deutlich schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energie.

Mit einer beschleunigten Energiewende, glaubt Seltmann, bekäme man „Klimaschutz als Gratisbeigabe zur sichereren Energieversorgung“. Das verändere dann auch die Diskussion um Klimaschutzkosten. Dass die Diskussion um Peak Oil und dessen Folgen nur in Fachkreisen und dort vor allem unter Klimaaspekten geführt wird, hält er für einen Fehler. „Wenn wir die Debatte auch öffentlich unter dem Aspekt Versorgungssicherheit führen, wird die Politik die Energiewende schneller umsetzen.“ Der Druck der Öffentlichkeit steige dann, damit stellten sich auch schnellere Erfolge im Klimaschutz ein.

Bislang sei ein öffentliches Interesse am Thema Peak Oil kaum wahrnehmbar, sagt der Geologe Hilmar Rempel, der sich seit zwei Jahrzehnten bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe mit Öl und Gas beschäftigt. Die Ursache des mangelnden Interesses liegt seiner Ansicht nach in der „reibungslosen Energieversorgung“ in Deutschland. Um die auch in Zukunft aufrechtzuerhalten, sei neben Effizienz und einem breiten Energiemix eine aktive Rohstoffdiplomatie der Bundesregierung sinnvoll, um neue Fördermöglichkeiten in rohstoffreichen Ländern zu sichern.

Seltmann hält solche Überlegungen für „gefährlich“. Hinter ihnen verberge sich keine energiepolitische Strategie, sondern militärisches Denken, wie es in Überlegungen der NATO zur Energiesicherheit bereits zum Ausdruck käme.

Einig sind sich die Öl-Experten darüber, dass es künftig immer teurer werden wird, Erdöl zu fördern, weil der Abbau der verbliebenen Reserven immer schwieriger werde. Nach Statistiken der Internationalen Energieagentur IEA mussten die Erdölförderer ihre Investitionen zwischen den Jahren 2000 und 2008 fast vervierfachen. „An der stagnierenden Fördermenge hat das nichts geändert“, sagt Energiefachmann Seltmann und mahnt die deutsche Energiepolitik zu einer Strategie, die Klimaschutz und Versorgungssicherheit zusammenführt. 

Weiterführende Informationen

San Francisco Peak Oil Preparedness Task Force Report. Peak Oil-Anpassungsstrategie der amerikanischen Stadt San Francisco, März 2009. [PDF, 3,4 MB]

Website der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena).

Zukunft der weltweiten Erdölversorgung. Studie der Energy Watch Group, Mai 2008. [PDF, 610 KB]

Energierohstoffe. Informationen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.

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