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"Die Diskussion um eine nachhaltige Entwicklung muss jetzt die soziale Dimension stärken - für die Menschen der nächsten Generationen."

Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rates

28.05.2009

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Nachhaltigkeitsrat fragt: Ist der Kapitalismus noch zu retten?

Klimakrise, Umweltkrise, Ernährungskrise, Wirtschafts- und Finanzkrise – nachhaltige Entwicklung sieht anders aus. Weltweit wachsen die Zweifel am westlichen Wohlstandsmodell, das diese Krisen ermöglicht hat. Ob der Kapitalismus noch zu retten ist, fragten Mitglieder des Nachhaltigkeitsrates Ende April auf einem Symposium im Umweltzentrum Wiesenfelden in Bayern. Die Antwort: vielleicht.

Wenn der Kapitalismus als Wirtschaftsform eine Zukunft haben soll, müssen kapitalistische Volkswirtschaften nach Einschätzung der Ratsmitglieder einen radikalen Kurswechsel vollziehen. In aller Deutlichkeit gezeigt hat das nach Ansicht von Ratsmitglied Hubert Weinzierl zuletzt der Zusammenbruch der Finanzmärkte. „Die Wirtschaftskrise ist eine Nachhaltigkeitskrise“, so Weinzierl in Wiesenfelden. Die Politik habe darauf bislang nur mit alten Denkmustern, einfallslosen Konsum-Konjunkturpaketen und zweifelhaften Maßnahmen wie der Abwrackprämie für Autos reagiert.

Weinzierl, der auch Präsident des Deutschen Naturschutzrings ist, bezeichnete die ökonomischen und ökologischen Krisen als „Ausdruck eines historischen Politikversagens“. Wolle man diese Krisen überwinden, sei nicht mehr quantitatives, sondern mehr qualitatives Wirtschaftswachstum nötig. Das sei aber nicht in Sicht. „Solange Konsum oberste Bürgerpflicht ist, wird sich die Gesellschaft mit nachhaltigen Lebensweisen schwer tun müssen“, so der studierte Forstwissenschaftler.

Ratsmitglied Angelika Zahrnt, die Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz ist, warb für einen Wandel weg von einer Verschwendungsgesellschaft, hin zu einem Wirtschaftssystem, das deutlich produktiver mit seinen Ressourcen umgeht und ökologische Grenzen anerkennt. Auf diesem Weg dürfe man „nicht in Technikgläubigkeit verfallen“, so Zahrnt. Wichtig seien „Selbstbegrenzung“ und ein möglichst geringer Rohstoff- und Energieverbrauch.

Solche Strategien hätten allerdings ihre Grenzen, warnte die promovierte Volkswirtin. In ärmeren Ländern klinge der Ruf nach weniger Konsum „schnell zynisch“. Um so wichtiger sei, dass reiche Länder wie Deutschland auf sich an die Spitze einer nachhaltigen Entwicklung setzten. „Hierzulande wird stattdessen aber mehr über Nachhaltigkeit geredet als gehandelt“, sagte Zahrnt. Die nationale Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung scheitere bisher mit Zielabweichungen bei zwei Dritteln aller Indikatoren.

Das jedoch sei bei einer Weltbevölkerung von bald sieben Milliarden Menschen, die (noch) mehrheitlich westlichen Lebens- und Konsumstilen nacheifern, keine Option. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung will daher die Wertediskussion über alternative Wirtschafts- und Konsummodelle weiter vorantreiben. Zuletzt legte das Beratungsgremium der Bundesregierung im November 2008 mit dem Einkaufsführer „Nachhaltiger Warenkorb aktuell“ einen praxiserprobten Einkaufsführer zum Ausprobieren und Diskutieren neuer Konsummuster vor.

Voraussichtlich im Herbst wird der Nachhaltigkeitsrat außerdem der Bundesregierung Empfehlungen zur Stärkung des nachhaltigen Konsums überreichen. Darin wird es auch um Antworten auf die Frage gehen, wie Wirtschaft, Politik und Gesellschaft eine glaubwürdige Nachhaltigkeitspolitik zur Beseitigung von Armut und Ungerechtigkeit gestalten sollten.

Weiterführende Informationen

Welchen Wohlstand braucht der Mensch? Das gute Leben in Zeiten der Krise. Umweltzentrum Schloss Wiesenfelden bei Straubing, 28. bis 29.04.2009.

Der Nachhaltige Warenkorb aktuell: Ein Einkaufsführer zum Ausprobieren und Diskutieren. November 2008. [PDF, 3,9 MB]

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