Diese Leute – sie machen das einfach

Influencer*innen, Podcaster*innen, Verkehrsaktivist*innen, Bäckereien – noch nie haben so viele Menschen bei den Deutschen Aktionstagen Nachhaltigkeit mitgemacht wie in diesem Jahr. Sie zeigen alle – auf ihre Art –, wie sich der Konsum, die Mobilität, das Leben zukunftsgerecht gestalten lassen.

Die öffentliche Debatte hat sich gedreht. Spätestens seit den Klimastreiks sind die Zeiten vorbei, in denen es hieß, die junge Generation interessiere sich nicht, sei politikverdrossen. Bei den Deutschen Aktionstagen Nachhaltigkeit (DAN) des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE) hat sich darüber hinaus gezeigt, wie sie Ideen für die Zukunft konkret leben und zum Beispiel anders konsumieren. Bis zum 26. September, mancherorts auch noch bis zum 8. Oktober, machten dann bundesweit Menschen vor, dass Nachhaltigkeit eine Sache aller Generationen ist. Und aller Formen des Mitmachens.

Es war ein Rekord. Noch nie haben bei den Aktionstagen so viele Menschen mitgemacht: 3.418 Aktionen folgten dem Motto „Zeig uns, wie Du die Welt bewegst“. Der Auftakt fand am 20.September mitten in Berlin statt, im Fröbel-Kindergarten Schatzinsel. Dort wurden – in Kooperation mit der Initiative „Tausende Gärten – Tausende Arten“ – 500 Wildblumen gepflanzt und gesät, so dass sich Bienen und andere Insekten heimischer fühlen können. Wer zufällig vorbeikam, bekam Blumen für seinen eigenen Balkon oder Garten geschenkt. „Die Auftakt-Aktion sollte Impulse für Nachahmerinnen und Nachahmer setzen, weil sich die DAN immer auch als Inspirationsquelle für mehr Nachhaltigkeit im Alltag verstehen. Auch dieses Mal wurde wieder deutlich, dass dieses Engagement kinderleicht sein kann und Spaß machen sollte“, so Sabrina Ronco Alarcón, DAN-Koordinatorin in der RNE-Geschäftsstelle.

Besser als „Junkflencerin“

Tanith Schmelzeisen folgen zum Beispiel auf Instagram 50.000 Menschen. Die junge Yogalehrerin ist eine Social-Media-Persönlichkeit. Viele andere bewerben hemmungslos ungesunde Produkte die Verbraucherorganisation Foodwatch spricht darum auch von „Junkflencern“. Schmelzeisen nicht. Sie ernährt sich schon lange vegan, kauft nur pflanzliche Lebensmittel, doch die hätten oft lange und damit energiefressende Transportwege hinter sich. Das erklärt sie in einem Video während der Aktionstage, weil sie sich eine Aufgabe gesetzt hat und andere animiert, dies auch zu machen.

Ihre Challenge lautet: regional, saisonal und vegan einkaufen. Sie checkt, zu welcher Jahreszeit, welches Obst und Gemüse hierzulande wächst. Das ist alles im Video erklärt. Im Supermarkt, so ist dann zu sehen, packt sie am Ende zum Beispiel Rote Beete, Kartoffeln, Rote Linsen und Kürbis in den Einkaufswagen, nicht die Gurke, die aus Spanien kommt. Das Rezept für die Linsen-Kartoffel-Kürbis-Puffer mit Salat, die sie später kocht, stellt sie ins Internet. Schmelzeisen meint, solche Challenges motivierten, sie sorgten für das „richtige Bewusstsein“ und „mehr Aufmerksamkeit für die Nachhaltigkeit.“

CO2-Challenge in der Nachbarschaft

Das sieht Wissenschaftlerin Daniela Jacob ähnlich. Die Professorin ist Meteorologin und Direktorin des Climate Service Center Germany, einer wissenschaftlichen Organisation des Helmholtz-Zentrums Geesthacht. Sie ruft dazu auf, Challenges mit Freundinnen und Freunden, Nachbarinnen und Nachbarn oder anderen zu machen. Ihr Vorschlag: Am Anfang des Jahres treffen sich alle, setzen sich ein Ziel, die eigene CO2-Bilanz für den Klimaschutz in den nächsten 12 Monaten zu senken, beispielsweise um zehn Prozent. Am Ende des Jahres wird dann geguckt, wer gewonnen hat. „Denken Sie sich einen schönen Preis aus“, sagt Jacob. Die Idee: Jede und jeder kann selbst überlegen, was sich tun lässt. Wer gerne Fleisch isst, fährt vielleicht öfter mit dem Rad statt dem Auto. Du-darfst-dies-und-das-nicht-Sätze fallen nicht. Jacob spricht darüber mit Marisa Becker im Nachhaltigkeits-Podcast „Fairquatscht“. Zu den Deutschen Aktionstagen hat Becker, eine junge Journalistin, eine Extrafolge mit Jacob gemacht, Titel: „Eure Fragen an eine Klimawissenschaftlerin!“ Es sei zu schaffen, die Erderwärmung zu stoppen und sie auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, sagt die Forscherin in dem Gespräch, „aber wir müssen sofort anfangen“.

Viele haben das bereits. Und es werden immer mehr, seit der Rat für Nachhaltige Entwicklung die Deutschen Aktionstage Nachhaltigkeit ins Leben gerufen hat. Das war 2012, als in Rio de Janeiro die Weltkonferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung, kurz Rio plus 20, stattfand. Wie sieht beispielsweise ein Parkplatz aus, wenn die etwa zwölf Quadratmeter große Fläche nicht für ein Auto reserviert ist. Wird er eine Konzertbühne, ein urbaner Garten? Der Verkehrsclub Deutschland bat bei den diesjährigen Aktionstagen darüber zum Gespräch im Freien. Andere luden zum Brezelessen ein, genauer: zu einer Pendlerbrezel: Wer in Baden-Württemberg bis 10.00 Uhr morgens bei einer der 500 mitmachenden Bäckereien auf dem Weg zur Arbeit vorbei radelte und dort seinen Helm vorzeigte, bekam eine Brezel gratis. Andere organisierten Kleidertausch-, Verschenk-, Handysammelaktionen, nahmen sich den Konsumwahn vor und die Verschwendung von Ressourcen.

So gab es in Deutschland insgesamt 3.418 Aktionen. Sie sind immer auch Teil der Europäischen Nachhaltigkeitswochen, ESDW, an denen sich 5.415 Initiativen aus 28 Ländern beteiligten. Dazu kommen in Deutschland noch Kampagnen, die andere Organisationen in demselben Zeitraum gemacht haben – die Kooperation nennt sich #gemeinsamfuermorgen und kam auf insgesamt beeindruckende 15.618 Aktionen.

Die nächsten Aktionstage wird es wieder vom 20.-26. September 2022 geben. Wer sich inspirieren lassen will, kann unter www.tatenfuermorgen.de nach Projekten stöbern, auch Kontakt zu anderen Engagierten aufnehmen.