Energiesystem modernisieren, Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit stärken

Die Energiewende ist mehr als Klimapolitik: Sie ist auch ein Modernisierungs- und Sicherheitsprojekt für Deutschland. In seiner Stellungnahme empfiehlt der RNE einen entschlossenen Umbau des Energiesystems. Vier Ratsmitglieder erläutern, was aus ihrer Sicht dabei besonders wichtig ist.

Windräder und Strommasten auf einer Freifläche in der Abenddämmerung

© Holger Schué/Pixabay

Gräfin Bettina Bernadotte af Wisborg

Präsidentin der Lindauer Nobelpreisträgertagungen; Vorsitzende der Mentor Stiftung Deutschland

© Insel Mainau/Boris Breuer

„Zeit von Veränderung ist immer eine Zeit von Chancen. Der Umbau unseres Energiesystems ist eine solche Veränderung, die wir als Gesellschaft gestalten können und in der viele Chancen liegen. Auf dem Weg zu einer klimaschonenden und bezahlbaren Energieversorgung müssen alle zusammenwirken: Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Für eine hohe Motivation aller Beteiligten und Betroffenen halten wir es für essenziell, die Chancen des Wandels deutlich sichtbar zu machen, sie zu nutzen und seine Kosten fair zu verteilen. So werden beispielsweise der rasche Ausbau der erneuerbaren Energien und eine Reform der Netzentgeltstruktur dabei helfen, möglichst rasch Energiekosten zu senken und Chancen in Wachstumsmärkten zu nutzen.”

Carolin Boßmeyer

Leiterin Verbindungsbüro Berlin; Heidelberg Materials AG

„Trotz aller Herausforderungen steht Deutschland immer noch auf dem Treppchen: als nach wie vor drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Was für eine privilegierte Ausgangslage, die Zukunft beim Schopf zu packen! Wo wir in dieser Zukunft stehen werden, wird zu einem guten Teil davon abhängen, ob es gelingt, als Industrienation unsere Verwundbarkeit in der Energieversorgung zu überwinden – und dies erfolgreich mit Cleantech zu verbinden.

Als Mitarbeiterin in einem energie- und CO2-intensiven Sektor weiß ich, wie wichtig verlässlich verfügbare und bezahlbare erneuerbare Energien auch für die Dekarbonisierung der Industrie sind. Denn Klimaschutztechnologien sind stromintensiv oder benötigen große Mengen grüner Moleküle. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung bezieht klar Position: Wir ermutigen dazu, den Weg entschieden zu gehen, die Energiewende als strategisches Modernisierungs- und Sicherheitsprojekt zu begreifen und die erforderlichen Infrastrukturen zu bauen. Je fairer die Kosten des Wandels verteilt werden, desto größer wird der Rückhalt in der Gesellschaft sein. Ich begrüße es, dass auch das Thema CO2-Infrastruktur in der Ratsposition berücksichtigt wurde.”

© Privat

Mark Lawrence

Wissenschaftlicher Direktor am Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit am GFZ (RIFS)

© Andreas Weiss, RNE

„Für Entscheidungsprozesse ist es zunehmend wichtig, die beteiligten Akteure – darunter Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik – anzuhören und auch zu verstehen, um gemeinsam Lösungen zu finden. Besonders für die Energiewende ist das von großer Bedeutung. In unserer Stellungnahme zur Modernisierung des Energiesystems haben wir uns bemüht, diese Stimmen in eine Reihe von Empfehlungen einfließen zu lassen, die der Regierung wertvolle Impulse liefern sollen.

Ein wichtiger Punkt ist beispielsweise, Akzeptanz und Beteiligung zu stärken, damit die Energiewende gelingen kann, gesellschaftlich getragen und nicht als ungerecht empfunden wird. Nur so kann sie als zentrale Voraussetzung für zukünftigen Wohlstand, Souveränität und Stabilität wahrgenommen werden.

Im Zusammenhang mit der Energiewende ist auch der Aufbau einer CO₂-Infrastruktur für nachweislich unvermeidbare industrielle Emissionen wichtig. Zu diesem Thema gibt es in der Gesellschaft unterschiedliche Perspektiven und offene Fragen. Deshalb sind die öffentliche Auseinandersetzung und die Forschung als Grundlage für faktenbasierte politische Entscheidungen so wichtig. Ziel ist also nicht zwingend ein Konsens. Wesentlich ist vielmehr die Suche nach Kompromissen und Synergien, um voranzukommen und einen Raum für Pluralität in unserer Demokratie zu schaffen.”

Kai Niebert

Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR)

„Mit der Energiewende und insbesondere dem EEG hat Deutschland entscheidend dazu beigetragen, erneuerbare Energien vom Nischenprodukt zur weltweit wettbewerbsfähigen Technologie zu machen. Deutschland hat früh Märkte geschaffen und damit Lernkurven und industrielle Skalierung angestoßen. Heute kostet Solarstrom weltweit nur noch einen Bruchteil dessen, was er vor fünfzehn Jahren kostete. Darauf können wir stolz sein. Aber wir dürfen uns darauf nicht ausruhen.

Die nächste Phase der Energiewende ist anspruchsvoller: Jetzt geht es nicht mehr vor allem darum, Technologien in den Markt zu bringen. Jetzt müssen wir daraus ein leistungsfähiges Energiesystem bauen. Strom aus Wind und Sonne muss dort ankommen, wo Industrie, Verkehr und Gebäude ihn brauchen. Dafür brauchen wir Netze, Speicher und Flexibilität – und vor allem Rahmenbedingungen, die private Investitionen mobilisieren.

Wenn die erste Energiewende dazu beigetragen hat, erneuerbare Energien weltweit bezahlbar zu machen, muss die zweite zeigen, dass daraus auch ein resilientes und wettbewerbsfähiges Energiesystem für ein Industrieland entstehen kann. Genau darin liegt jetzt Deutschlands nächste Modernisierungsaufgabe.”

© Andreas Weiss, RNE

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