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"Die Messung von Nachhaltigkeit ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor, um das Thema in Unternehmen und auf Kapitalmärkten zu etablieren."

Prof. Dr. Alexander Bassen, Mitglied des Rates

25.07.2011

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„Die deutsche Wirtschaft kann zu den Gewinnern der Energiewende gehören“ – Interview mit dem Geschäftsführer der Klimaschutzinitiative deutscher Unternehmer „2 Grad“, Johannes Merck

Noch bevor der Deutsche Bundestag Ende Juni die Weichen für die Energiewende stellte, übergab die Unternehmerinitiative „2 Grad“ der Bundeskanzlerin ein Forderungspapier: Verbindliche Energieeinspar- und Effizienzziele werden da angemahnt und eine Erhöhung des EU-weiten Treibhausgasreduktionsziels von 20 auf 30 Prozent bis 2020. Damit nimmt die 2007 vom Aufsichtsratsvorsitzenden der Otto Group, Michael Otto, gegründete Allianz eine andere Position ein als etwa der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Wettbewerbsnachteile befürchtet, wenn die EU mit einem hohen Klimaschutzziel vorprescht. Ziel der Initiative „2 Grad“ ist es, die globale Erderwärmung auf zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Neben Otto gehören ihr weitere Unternehmer und Manager an, darunter Verleger Hubert Burda sowie die Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn und der Deutschen Telekom, Rüdiger Grube und René Obermann. Mit Vattenfall und EnBW sind über ihre Vorstandschefs auch zwei Energiekonzerne vertreten. Im Interview erläutert der Geschäftsführer der Initiative „2 Grad“, Johannes Merck die Motive der Mitglieder.
 

Herr Dr. Merck, Ihre Initiative fordert eine Verschärfung der CO2-Einsparziele auf europäischer Ebene. Woher nehmen Sie den Optimismus, dass das möglich ist?

Der Optimismus speist sich aus dem Vertrauen in die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Es liegen heute schon viele Lösungsansätze vor, die in die Umsetzung gehen können. Sicherlich sind wir noch auf der Suche nach weiteren Antworten. Aber wenn klare Vorgaben bestehen und die Wirtschaft entsprechend gefordert ist, wird das die Kreativität sehr stimulieren und damit wird ein solches Ziel machbar.

Gab es innerhalb Ihrer Initiative auch Bedenken, sich mit solch ambitionierten CO2-Zielen öffentlich festzulegen? Etwa von Vattenfall und EnBW: Beide Unternehmen sind vom Atomausstieg betroffen und werden zur Kompensation vermutlich verstärkt auf fossile Energieträger setzen.

Unserer Initiative gehören Unternehmer ganz unterschiedlicher Branchen, und auch aus dem Energiesektor, an. Das ist gut, denn auf diese Weise sind wir breit aufgestellt und können für einen großen Querschnitt der deutschen Wirtschaft sprechen. Die Mitgliedschaft der Vorstandsvorsitzenden von Vattenfall und EnBW ist umso positiver zu bewerten, als beide sich mit uns gemeinsam für ein 30-Prozent-Ziel auf EU-Ebene ausgesprochen haben. Auch die Energiekonzerne brauchen einen klaren Korridor, innerhalb dessen sie ihre Anstrengungen, CO2 zu reduzieren, entwickeln und gestalten können.

Wie ist denn Ihr Verhältnis zum BDI? Dessen Präsident Hans-Peter Keitel hat erst kürzlich anlässlich der vom Bundestag beschlossenen Energiewende gewarnt, dass das Erreichen der Klimaschutzziele jetzt schwieriger und teurer werde.

Wir haben derzeit keinen etablierten Dialog mit dem BDI, was aber sicherlich wünschenswert wäre. Tatsache ist, dass sich in unseren Positionen gewisse Differenzen finden. Die 2-Grad-Initiative sieht in der Energiewende eine echte Chance, wir glauben, dass hiervon Innovationsimpulse ausgehen können, die uns insgesamt voranbringen. Diese Einsicht teilt der BDI nur bedingt. Das halte ich für bedauerlich, weil die deutsche Wirtschaft zu Gewinnern der Energiewende gehören kann.

Sie fürchten nicht um die Versorgungssicherheit durch die Energiewende?

Nein, das tun wir nicht. Aber wir sind nicht naiv, wir wissen, dass gewaltige Aufgaben zu lösen sind – nicht nur im Bereich der Energieerzeugung, sondern auch beim Netzausbau und der Energiespeicherung. Diese Probleme müssen sukzessive gelöst werden, wenn es nicht tatsächlich zu ernsten Energieengpässen kommen soll. Aber das können wir gestalten. Unsere Volkswirtschaft ist stark, wir haben Kapitel, wir haben Know-how, wir können deswegen den Umbau meistern und in der Zukunft davon profitieren, wenn wir dieses Modell exportfähig machen.

In Deutschland ist der Atomausstieg beschlossen, in der europäischen Klimaschutzstrategie kann die Kernkraft aber weiter eine Rolle spielen. Das Unternehmen Vattenfall, das auch in Schweden sieben Atomkraftwerke betreibt, geht ebenfalls davon aus, dass die Kernenergie im Energiemix notwendig ist, um die in Kyoto vereinbarten Klimaschutzziele einhalten zu können. Sieht das auch Ihre Initiative so?

Die Initiative „2 Grad“ hat sich nicht pointiert gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie ausgesprochen und wir fordern von unseren gemeinsam verfassten Positionspapieren her auch nicht den Atomausstieg. Unser Ziel ist die Energiewende hin zu einer CO2-armen und damit dem 2-Grad-Ziel zuträglichen Wirtschaftsweise. Dazu kann auch die Kernenergie beitragen.

Große Hoffnungen setzen die Energieunternehmen auf die CCS-Technologie, also die Abtrennung und unterirdische Verpressung von Kohlendioxid, die erst jüngst von der Bundesregierung zur Erprobung freigegeben wurde. Damit lässt sich die CO2-Bilanz verbessern, ohne dass der Ausstoß an CO2-Emissionen tatsächlich sinken muss – ist das nicht eine Mogelpackung auf dem Weg zu nachhaltigem Klimaschutz?

Wenn es gelingt, das Kohlendioxid dauerhaft zu speichern, nein. Die CCS-Technologie könnte so einen wichtigen Beitrag leisten, das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Ich glaube, auch bei dieser Technologie gilt es, zunächst die technische Machbarkeit zu erproben. Es ist schade, dass sich schon vor dieser Überprüfung kritische Stimmen erheben, die das grundsätzlich ablehnen. Das ist ein Handicap im gesamten Innovationsvorhaben der Energiewende, das etwa auch den Netzausbau behindern kann.

Welche Erwartungen hat die Initiative „2 Grad“ an die Politik?

Wir erwarten, dass sie Rahmenbedingungen setzt, die die Innovationskraft in der Wirtschaft stimulieren. Deswegen brauchen wir eine gewisse Verbindlichkeit. Wir können uns zum Beispiel gut vorstellen, dass man konkretere Zwischenziele für die CO2-Minderung auf dem Weg bis 2050 steckt. Dadurch lässt sich ein solcher Prozess auch besser steuern. Wir erwarten, dass die Politik für das 30-Prozent-Ziel auf EU-Ebene weiter eintritt und dass sie dafür kämpft. Es macht für uns keinen Sinn, ein 40-Prozent-Minderungsziel innerhalb Deutschlands vorzugeben, wenn keine Preisimpulse aus dem Markt kommen, weil die CO2-Zertifikate nicht werthaltig werden. Das aber wird der Fall sein, wenn wir auf EU-Ebene bei 20 Prozent bleiben. Damit wird es auch keinen kommerziell erfolgreichen Klimaschutz geben können, wie wir ihn derzeit brauchen.

Wie sieht es aus mit der Mitgliederwerbung Ihrer Initiative: Rennen Sie offene Türen ein oder überwiegt die Zurückhaltung?

Die 2-Grad-Initiative versteht sich als eine avantgardistische Initiative. Was wir inhaltlich fordern, unterscheidet sich von dem, was von anderen Unternehmensverbänden erwartet wird. Insofern haben wir eine gewisse Alleinstellung. Das führt dazu, dass wir für manche Unternehmer sehr  attraktiv sind. Wir haben auch die Absicht den Kreis der Mitglieder in den nächsten Monaten zu erweitern. Aber es gibt natürlich auch genügend Unternehmer und Unternehmen, die sich lieber abgrenzen.

Welche Unternehmen sind es denn, die auf Sie zu kommen?

Natürlich insbesondere diejenigen, die Problemlöser sind, also Technologiekonzerne, etwa aus dem Maschinenbau, der Elektroindustrie oder der Wertstoffindustrie. Aber auch aus dem Finanzsektor kommen Interesssenten. Es gibt eine ganze Reihe von Unternehmern, mit denen wir in vielversprechenden Gesprächen sind.

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