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"Die Städte werden in Zukunft noch stärker Zentren technologischer und gesellschaftlicher Innovationen sein. Umso wichtiger sind die Bemühungen um eine nachhaltige Entwicklung unserer Städte."

Prof. Dr. Wolfgang Schuster, Mitglied des Rates

05.11.2010

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Umweltschützer: Nachhaltigkeitsstandards bei Biosprit E10 zu schwach

Ab Januar 2011 können Autofahrer an deutschen Tankstellen die Spritsorte E10 zapfen. E10 besteht zu zehn Prozent aus Ethanol, das aus Pflanzen wie Zuckerrohr oder Mais hergestellt wird. Die Bundesregierung erhofft sich von der neuen Kraftstoffsorte eine geringere Abhängigkeit von Erdölimporten und sinkende CO2-Emissionen. Mit der Erhöhung des Ethanol-Anteils von bisher fünf auf zehn Prozent folgt sie einer Richtlinie der Europäischen Union. Ihre Umsetzung hat das Bundeskabinett Ende Oktober beschlossen. Während die deutsche Biokraftstoffindustrie den Beschluss als klima- und verbraucherfreundlich begrüßt und neue Marktchancen wittert, warnen Umweltverbände vor schlimmen Folgen für Klima und Artenvielfalt. Fragwürdig finden sie nicht nur den Klimanutzen des Sprits, sondern auch die Verordnung, die seine Nachhaltigkeit gewährleisten soll.

Die „Verordnung über Anforderungen an eine nachhaltige Herstellung von Biokraftstoffen“ (Biokraft-NachV) tritt am 01. Januar 2011 in Kraft und soll sicherstellen, dass Biokraftstoffe mindestens 35 Prozent weniger Treibhausgase freisetzen als fossile Energieträger. Außerdem müssen die Biokraftstoffproduzenten nachweisen, dass die verarbeitete Biomasse nicht von Flächen mit hohem Naturschutzwert stammt, aus Urwäldern oder Torfmooren zum Beispiel. Bioethanol aus heimischer Produktion genügt diesen Anforderungen nach Angaben des Bundesverbands der deutschen Bioethanolwirtschaft: Mit heimischem Bioethanol, das in Deutschland vorwiegend aus Weizen, Roggen und Zuckerrüben gewonnen wird, seien gegenüber Benzin heute 50 Prozent CO2-Einsparungen möglich, mittelfristig 70 Prozent, so die Interessenvertretung der deutschen Ethanolerzeuger und -verarbeiter. Dem Verband zufolge fallen der Bioethanolproduktion in Deutschland weder Wälder noch Moore zum Opfer.

Schätzungsweise ein Drittel des deutschen Bioethanolbedarfs muss heute importiert werden. Umweltschutzverbände wie Greenpeace oder der Naturschutzbund Deutschland (NABU) kritisieren, dass dadurch in Exportländern wie Brasilien oder Argentinien riesige Wald- oder Weideflächen in Anbauflächen für Energiepflanzen umgewandelt werden. Durch die Umwandlung, so ihre Kritik, entweiche in den Böden gespeichertes CO2 in die Atmosphäre, mitunter mehr, als später durch Biokraftstoffe eingespart werden könne. Hinzu komme, dass die durch Energiepflanzen verdrängte Nahrungsmittelproduktion an anderer Stelle ersetzt werden müsse – was zur erneuten Umwandlung von Natur- in Ackerflächen führe. Je nach verdrängter Landnutzungsform, heißt es in einer Anfang November vom Umweltbundesamt vorgelegten Langfriststrategie für den nachhaltigen Einsatz von Biomasse, sei die Höhe der möglichen CO2-Emissionen „erheblich“. Dies aber, so die Umweltverbände, spiele bei der Ökobilanzierung von Ethanol und Biodiesel gemäß Biokraft-NachV keine Rolle. Ohne Nachbesserung der Nachhaltigkeitskriterien, meint Greenpeace-Expertin Corinna Hölzl, sei die Verordnung nur „ein grünes Feigenblatt für Unternehmer und Politiker“.

Auch der Agrarökonom Michael Brüntrup vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik, einem Think-Tank, sieht in der Ökobilanzierung indirekter Landnutzungsänderungen ein großes Problem, hat jedoch Zweifel, ob es sich überhaupt zufriedenstellend lösen lässt. Es sei schwierig, so Brüntrup, weltweit tausende Biomasse-Produzenten zu überwachen und die andernorts ausgelösten Landnutzungsänderungen zu messen. Im Gegensatz zu Umweltschützern sieht er durchaus einen Nachhaltigkeitsnutzen von Biokraftstoffen aus im Ausland angebauter Biomasse. Zu Ethanol verarbeitetes Zuckerrohr aus Brasilien etwa, das dort vorwiegend auf einstigen Savannen angebaut wird, schaffe Arbeitsplätze und könne gegenüber Benzin eine bis zu 90 Prozent bessere CO2-Bilanz vorweisen. Weniger klimafreundlich ist nach seiner Einschätzung Bioethanol aus deutschem Mais. Für den Maisanbau würden in Deutschland viele Grünflächen umgebrochen, wodurch das darin gespeicherte CO2 entweiche. „Die durch den Umbruch freigesetzten Klimagase“, sagt Brüntrup, „kann Ethanol aus Mais eventuell in Jahrzehnten nicht wettmachen“.

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hat sich frühzeitig für eine konsequente Ausrichtung der Biospritproduktion an Nachhaltigkeitskriterien ausgesprochen und in einer der Bundesregierung im Frühjahr 2008 vorgelegten Empfehlung auf „gravierende Mängel“ bei der Überwachung und Zertifizierung der Nachhaltigkeit von Biomasse hingewiesen. Um die klima-, energie- und industriepolitischen Chancen von Biomasse-Energie nachhaltig zu nutzen, müssten auch die indirekten Effekte einer Landnutzungsänderung beachtet werden.  Bleibe das aus, warnte der Nachhaltigkeitsrat, drohten die „Gefährdung der Kohlenstoffbindung in Böden und die Vertreibung lokaler Bevölkerungsgruppen zugunsten der Gewinnung von Agrokraftstoffen“.

Weiterführende Informationen

Röttgen und Meyer: Mehr Bio im Benzin. Pressemitteilung des Bundesumweltministeriums, 24.10.2010.

Verordnung über Anforderungen an eine nachhaltige Herstellung von Biokraftstoffen (Biokraft-NachV.)

Biokraftstoffindustrie begrüßt Einführung von neuer Benzinsorte E10. Pressemitteilung des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie e.V., 27.10.2010.

E10-Einführung: Deutsche Bioethanolwirtschaft erwartet deutlichen Impuls für den Markt. Pressemitteilung des Bundesverbands der deutschen Bioethanolwirtschaft, 27.10.2010.

Bioethanolwirtschaft begrüßt EU-Beschluss zu Biokraftstoff-Zertifizierung: Heimisches Bioethanol erfüllt alle Nachhaltigkeitskriterien. Pressemitteilung des Bundesverbands der deutschen Bioethanolwirtschaft, 10.06.2010.

Der falsche Kraftstoff zum falschen Zeitpunkt. Pressemitteilung des Naturschutzbunds Deutschland, 27.10.2010.

Deutsche Autofahrer haben Urwald im Dieseltank. Pressemitteilung Greenpeace Deutschland, 01.11.2010.

Ja zur Biomasse, aber nicht auf Kosten von Biodiversität und Klimaschutz. Pressemitteilung des Umweltbundesamtes, 04.11.2009.

Entwicklung von Strategien und Nachhaltigkeitsstandards zur Zertifizierung von Biomasse für den internationalen Handel. Langfristige Biomasse-Strategie des Umweltbundesamtes, November 2010. [PDF, 1,3 MB]

Werdegang und Arbeitsschwerpunkte des Agrarökonoms Michael Brüntrup. Informationen auf der Website des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik.

Schutz der Biodiversität heißt aktuell: Biomasse-Produktion nachhaltig machen. Empfehlungen des Rates für Nachhaltige Entwicklung, texte Nr. 21, 09.05.2008. [PDF, 373 KB]

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