19.01.2012
„Die Krisenjahre haben die Wohlfahrt in Deutschland nicht geschmälert“ – Interview mit dem Volkswirt Hans Diefenbacher
Der Wohlstand in Deutschland ist durch die Finanz- und Wirtschaftskrise weniger stark in Mitleidenschaft gezogen worden als das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dies vermuten lässt. Das sagt der Volkswirt Hans Diefenbacher von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg. Er beruft sich auf die Entwicklung des sogenannten Nationalen Wohlstandsindex (NWI), den er 2009 gemeinsam mit dem Umweltwissenschaftler Roland Zieschank von der Freien Universität Berlin im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt konzipiert hat. Die Forscher haben den NWI jetzt erstmals aktualisiert, auf Grundlagen von Daten für die Krisenjahre 2008 und 2009. In diesem Zeitraum, sagt Diefenbacher, sei die Wohlfahrt in Deutschland gar nicht gesunken. Im Gegenteil. Wie er zu diesem Schluss kommt, erklärt er im Interview.
Herr Prof. Diefenbacher, Sie sagen, die Wohlfahrtsentwicklung in Deutschland sei von der Wirtschaftskrise nicht betroffen gewesen. Eine steile These.
Das ist sie nur, wenn Sie auf das BIP sehen, das die über den Markt vermittelte Wertschöpfung misst. Das BIP war von seinen Erfindern auch nie als Wohlfahrtsmaß gedacht gewesen, wurde aber immer mehr auch in dieser Funktion verwendet; das ist nicht mehr zeitgemäß. Roland Zieschank und ich haben deswegen versucht, die Wohlfahrtsberechnung mit dem NWI auf eine breitere Basis zu stellen. Und die offenbart für 2008 und 2009 eben erhebliche Unterschiede zwischen der Wohlfahrtsentwicklung einerseits und der rein ökonomischen Entwicklung andererseits. Mit anderen Worten: Das BIP nahm deutlich ab, der NWI stieg dagegen sogar leicht.
Das müssen Sie erklären.
Das BIP stellt zur Berechnung der Wirtschaftskraft einzig auf die durch Waren oder Dienstleistungen geschaffenen Werte ab. Der NWI setzt beim privaten Verbrauch an, und gewichtet diese mit Einkommensverteilung. Dieser Konsum stiftet unseres Erachtens nach einen positiven Nutzen und trägt damit zur Wohlfahrt der Menschen bei. Zu dieser Größe addieren wir Wohlstandsförderndes wie den Wert der Hausarbeit und ehrenamtlicher Arbeit. Wohlstandsverluste wie Umweltschäden ziehen wir ab. Da die deutsche Wirtschaft infolge der Krise weniger produziert hat, sanken zum Beispiel der Ressourcenverbrauch oder die CO2-Emissionen – und die damit verbundenen Kosten. Das trug unterm Strich zu einer Erhöhung der Wohlfahrt bei.
Das klingt sehr akademisch. Hat der NWI auch praktische Relevanz?
Wenn man ihn anwendet, ja. In Schleswig-Holstein haben wir eine Studie im Auftrag der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen durchgeführt und auf Grundlage des NWI einen Bericht für dieses Bundesland erstellt. Der Regionale Wohlfahrtsindex kam zu interessanten Ergebnissen: Es zeigte sich, dass sich die Wohlfahrt in Schleswig-Holstein besser entwickelt hat als bundesweit, obwohl das Land beim BIP dem Bundesdurchschnitt hinterher hinkt. Das hat zwei Gründe: Erstens ist die Verteilung der Einkommen in Schleswig-Holstein offensichtlich ausgeglichener als im Bund. Zweitens hat das Land massiv den Ausbau erneuerbarer Energien befördert. Beides erhöht den NWI.
Was heißt das für die Politik?
Eine Politik, die sich am NWI orientieren würde und ihn steigern wollte, müsste an anderen Stellschrauben drehen als heute. Sie müsste sich zum Beispiel stärker einer ausgeglichenen Einkommensverteilung widmen und den sozialen und ökologischen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit vorantreiben. Das würde den Wohlstand befördern.
Im Deutschen Bundestag arbeitet seit Anfang 2011 eine Enquête-Kommission an neuen Modellen zur Wohlstandsmessung. Spielt der NWI dort eine Rolle?
Roland Zieschank und ich konnten der Kommission den NWI vorstellen. Ich denke, der wurde interessiert zur Kenntnis genommen. Mein Eindruck ist, dass sich die Enquête-Kommission noch nicht einig ist, welchen Weg sie zur Erfüllung ihres Auftrags gehen soll. Sie kann einen Gesamtindex analog zum NWI entwickeln. Sie kann sich auch für ein Indikatorensystem entscheiden. Beides hat Vor- und Nachteile. Wichtig ist, dass die Kommission am Ende auch einen Indikator vorlegt, der dem BIP auf Augenhöhe begegnen kann.
Deutschland würde dann automatisch nachhaltiger?
Nicht automatisch. Aber es gäbe eine neue Basis für Nachhaltigkeitspolitik. Quantitatives Wirtschaftswachstum, wie es das BIP propagiert, ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Das ist meiner Beobachtung nach auch weitgehend Konsens in der Enquête-Kommission. Das, und dass die Diskussion über Alternativen zur Wohlfahrtsmessung nicht mehr nur in Fachkreisen stattfindet, sind Fortschritte in Sachen Nachhaltigkeit.
Ist dieser Blick auf die Wohlfahrtsentwicklung denn so wichtig für eine Politik der Nachhaltigkeit?
Er ist wichtig für ein höheres Nachhaltigkeitsbewusstsein in Politik und Öffentlichkeit. Aber ein nachhaltigeres Bewusstsein allein macht noch kein nachhaltigeres Land. Dafür brauchen wir auch ein nachhaltigeres Management von Ressourcen, müssen wir mehr Menschen Teilhabe durch Bildung eröffnen und die Weltfinanzmärkte regulieren. In der FEST haben wir Ende 2011 in einer Studie neun solcher Bedingungen für die sozial-ökologische Transformation in Richtung Nachhaltigkeit formuliert. Wichtig ist unserer Meinung nach zum Beispiel eine ökologische und soziale Reform des Steuersystems. Wir müssen zum Beispiel umweltschädliche Subventionen abbauen, die Mehrwertsteuer für umweltschonende Produkte senken und die für umweltschädliche Waren erhöhen.
In der genannten Studie plädieren Sie auch für den Aufbau tragfähiger regionaler und lokaler Strukturen. Warum brauchen wir die?
Weil die Krisen der globalen Ökonomie zum Teil mit hoher Geschwindigkeit in andere Regionen durchschlagen. Durch die globale Finanzkrise sind auch deutsche Unternehmen gefährdet, wurden viele Arbeitsplätze bedroht. Lokale Wirtschaftskreisläufe könnten diese Risiken mildern. Häuser können Sie heute heizen, indem Sie Öl kaufen. Das Geld fließt dann ins Ausland. Sie können auch mit erneuerbaren Energien aus heimischer Produktion heizen. Das dafür gezahlte Geld bleibt in der Region – und fördert den Wohlstand in Deutschland.
Weiterführende Informationen
Werdegang und Arbeitsschwerpunkte von Prof. Dr. Hans Diefenbacher. Informationen auf der Website der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidelberg (FEST).
Zur Aktualisierung des Nationalen Wohlfahrtsindex – 2008/2009. Informationen zur NWI-Aktualisierung von Hans Diefenbacher, Roland Zieschank u.a., Oktober 2011. [PDF, 498 KB]
Wohlfahrtsmessung in Deutschland. Ein Vorschlag für einen neuen Wohlfahrtsindex. UBA-Forschungsprojekt, Februar 2010. [PDF, 2,7 MB]
Grüne Wirtschaftspolitik und regionaler Wohlfahrtsindex für Schleswig-Holstein. Thesen und Empfehlungen. Endbericht von Hans Diefenbacher, Roland Zieschank u.a., Juni 2011. [PDF, 3,3 MB]
Richtung Nachhaltigkeit – Indikatoren, Ziele und Empfehlungen für Deutschland. Dezember 2011. Inhaltsverzeichnis der Studie. [PDF, 544 KB]
Enquête-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“. Informationen des Deutschen Bundestags.
Meldungen zum Thema
„Wir brauchen einen Indikator für gesellschaftlichen Fortschritt“ – Interview mit der SPD-Bundestagsabgeordneten Daniela Kolbe, designierte Vorsitzende der Enquetekommission „Wohlstand, Wachstum, Lebensqualität“. News Nachhaltigkeit, 20.12.2010.
Wohlstandsmessung: RNE-Experten schlagen Reform vor. News Nachhaltigkeit, 08.07.2010.
WWF: Neue Wohlstandsdefinition überfällig. News Nachhaltigkeit, 20.10.2010.
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