08.02.2010
Car-Sharing: Mobilitätsexperten sehen Nachhaltigkeitschancen für Kommunen
Deutsche Städte und Gemeinden ächzen unter der angespannten Haushaltslage und müssen sparen. Eine Möglichkeit dazu eröffnen sogenannte Car-Sharing-Angebote. Die Stadt schafft Pkw für die eigenen Behörden dann nicht mehr selbst an, sondern greift für einen Teil der benötigten Fahrleistung auf den Fuhrpark privater Dienstleister zurück. Bremen, Karlsruhe und viele weitere Kommunen machen das schon so und haben gute Erfahrungen gesammelt. Andere Städte überlegen gerade den teilweisen Umstieg auf Gemeinschaftsautos. Ein Selbstläufer ist die Alternative zum stadteigenen Fuhrpark aber noch nicht. Mobilitätsexperten meinen, dass dem auch noch mentale Hürden entgegenstehen.
Vom Zugriff auf das örtliche Car-Sharing-Angebot profitiert zum Beispiel die baden-württembergische Großstadt Karlsruhe. „Wir sparen damit 50.000 Euro im Jahr“, sagt Wolfgang Jung, bei der Stadt Karlsruhe verantwortlich für Personal und Organisation. Als Gründe führt er geringere Ausgaben für Neukäufe und die wegfallenden festen Kosten für den Unterhalt der Pkw an. Kaufe die Stadt ein eigenes Auto, müsse sie mit jährlichen Fixkosten zwischen 3.000 und 4.000 Euro rechnen. „Beim Car-Sharing“, sagt Jung, „zahlen wir nur Nutzungszeit und Spritkosten“. Die Wartung bezahlt der Mieter anteilig über die Preise des Car-Sharing zwar auch, aber bis zu einer gewissen Kilometerleistung sei das preiswerter. Karlsruhe hat seinen Fuhrpark daher zum Teil auf Gemeinschaftsautos umgestellt. Die Lösung liegt also in einer genauen Kalkulation des Einzelfalls.
„Ein kompletter Umstieg lohnt sich nicht“, sagt Gerd Lottsiepen vom Verkehrsclub Deutschland (VCD), Berlin. Würde ein städtischer Pkw täglich viele Stunden genutzt, sei dessen Kauf wegen der zeitgebundenen Car-Sharing-Tarife wirtschaftlicher. Nach Angaben des in Hannover ansässigen Bundesverbands Car-Sharing (bcs) liegt diese Schwelle je nach Pkw-Modell bei 5.000 bis 15.000 Kilometer Fahrleistung im Jahr. „Über dieser Schwelle wird der Kauf für Kommunen rentabler“, sagt Geschäftsstellenleiter Dirk Bake. Mit ähnlichen Werten kalkuliert der Stadtstaat Bremen, der vor sieben Jahren als eine der ersten Kommunen in Deutschland Car-Sharing für die Stadtverwaltung eingeführt hat.
Die durchschnittlichen Kosten für die Gemeinschaftsautos liegen in der Hansestadt derzeit bei 39,8 Cent pro Kilometer. „Bei 10.000 Kilometer Fahrleistung im Jahr ist das bei vielen Pkw-Modellen preiswerter als deren Kauf“, bestätigt Michael Glotz-Richter von der Senatsverwaltung für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa. Es sei aber zu kurz gedacht, nur die Betriebskosten zu vergleichen, weil, so Glotz-Richter, bei „Pkw im kommunalen Besitz immer versteckte Kosten anfallen“. Die Stadt müsse Parkplätze vorhalten, Fahrtenbücher müssten geführt werden, Verwaltungskosten fielen an. Beim Car-Sharing tauchten diese Kosten nicht auf. Es seien „reale Preise“, so Glotz-Richter. Auch böten Car-Sharing-Anbieter meist neue Pkw-Modelle, die umwelt- und klimaschonender seien.
Flächendeckend konnte sich Car-Sharing in deutschen Kommunen bislang dennoch nicht durchsetzen. Nachfragen bei Car-Sharing-Anbietern aus dem Bundesgebiet ergeben ein durchmischtes Bild: Die Deutsche Bahn AG, die auch Car-Sharing anbietet, konnte bislang keine Kommune mit fest gebuchtem Kontingent begrüßen. Auch der Berliner Ableger des bundesweit tätigen Anbieters Stadtmobil hat keinen Hauptstadtbezirk unter Vertrag. Stadtmobil in Karlsruhe freut sich dagegen schon über gute Geschäfte mit der Stadt Karlsruhe und Gemeinden im Umland.
bcs-Fachmann Bake beobachtete zuletzt durch die Wirtschafts- und Finanzkrise steigendes Interesse von Kämmerern am Car-Sharing. Auch Michael Glotz-Richter glaubt, dass dessen Bedeutung für Kommunen zunehmen wird. Es sei „die einzige Möglichkeit, die Anzahl von Autos zu reduzieren, ohne die Mobilität einzuschränken“, sagt der Referent für nachhaltige Mobilität. Noch gebe es aber einige Hürden zu nehmen. Auch in Verwaltungen, sagt er, herrsche der Glauben vor, dass „Besitzen besser als Benutzen“ sei. Er halte das für den falschen Ansatz. „Einen Einkaufswagen“, sagt Glotz-Richter, „müssen wir ja auch nicht besitzen“.
Weiterführende Informationen
Aktionsplan „Car-Sharing für Bremen“. Beschlossen in den Fachausschüssen im September 2009. [94 KB]
Senatsverwaltung für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa der Stadt Bremen.
Stadtmobil CarSharing in Karlsruhe. Informationen der Stadt Karlsruhe.
Website des Bundesverbandes Carsharing.
Klimaschutz durch CarSharing: Daten und Fakten zur klimawirksamen CO2-Einsparung durch die integrierte Mobilitätsdienstleistung CarSharing. Broschüre des Bundesverbandes CarSharing (bcs) und des Verein „Mehr Mobilität mit weniger Autos“, April 2008. [PDF, 1,2 KB]
Website des Verkehrsclub Deutschland.
Website des Car-Sharing-Anbieters Stadtmobil.
Website des Car-Sharing-Angebotes der Deutschen Bahn AG.
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