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Was ist beschlossen worden?

Derzeit lediglich eine Empfehlung, die aber wegweisend sein dürfte. Es geht um die Frage, wie Investoren und Firmen erkennen können, was eine ökologisch nachhaltige Geldanlage ist. Dazu gibt es keine in der EU einheitliche Definition, was zur Gefahr von „Greenwashing“ führt. Das hat die Technical Expert Group on Sustainable Finance, kurz TEG, jetzt geändert. Die EU-Kommission hatte sie, bestehend aus 35 Expertinnen und Experten, im Juli 2018 eingesetzt. Sie hat nun für 67 ökonomische Aktivitäten definiert, wie sie nachhaltig umgesetzt werden können. Und zwar in den Sektoren Landwirtschaft, Forstmanagement, Produktion, Energie, Mobilität, Wasser und Abfälle, Gebäude sowie Informations- und Telekommunikationstechnologie. Blandine Machabert ist Analystin beim internationalen Investorennetzwerk PRI, das an der Definition mitgearbeitet hat. Sie sagt: „Es geht bei der Taxonomie um eine gemeinsame Sprache in der Finanzwelt.“ Also darum, dass künftig klar ist: wovon ist die Rede, wenn jemand behauptet, eine Geldanlage sei nachhaltig.

Was heißt das konkret an einem Beispiel?

Angenommen, ein Investor will möglichst klimaschonende Stahlproduktion finanzieren, nach welchen Kriterien richtet er sich da? Die Antwort findet sich auf Seite 49 des „Taxonomy Technical Report“ der TEG: Da steht, nachhaltige Herstellung von Stahl oder Eisen gehe derzeit auf zwei Arten: Entweder, man orientiert sich in Sachen Treibhausgasemissionen an den jeweils besten Produktionsstätten auf dem Markt. Oder man fokussiert sich auf die ebenfalls als nachhaltig geltende Aufarbeitung von Alteisen. Die Taxonomie gibt dabei konkret an, wie viel Klimagase (CO2 und andere) pro Tonne Stahl maximal emittiert werden dürfen. Die Werte sollen aber künftig überarbeitet werden, und zwar sobald Technologien kommerziell verfügbar sind, die einen echten Durchbruch bei der Emissionsminderung bedeuten. Beispielsweise die direkte Elektrolyse von Roheisen. Oder, indem CO2 bei der Stahlproduktion mittels „Carbon Capture and Storage“ abgeschieden und unterirdisch gespeichert wird. Das PRI nennt als weiteres Beispiel PKW: Autos, die weniger als 50 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen, tragen laut Taxonomie substantiell zum Kampf gegen den Klimawandel bei.

Was ist mit anderen Umweltkriterien außer CO2-Ausstoß und was ist mit Sozialstandards?

Zwei Grundprinzipien bilden das Fundament der Taxonomie. Erstens müssen Investitionen in einem von sechs Bereichen des Umweltschutzes einen Beitrag leisten: Bekämpfung oder Anpassung an den Klimawandel, Schutz von Wasser und Meeren, Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft samt Recycling und Müllvermeidung, Vermeidung von Umweltverschmutzung oder der Schutz von Ökosystemen. Und zweitens dürfen die Investitionen keinem der sechs Umweltzielen zuwiderlaufen. So gab es lange eine Diskussion darüber, ob es nachhaltig sei, Kohlekraftwerke effizienter zu machen oder Atomkraftwerke zu bauen. Beides kann theoretisch den CO2-Ausstoß senken. Die Nutzung von Kohle verstößt aber gegen die Idee einer grundsätzlichen Transformation der Wirtschaft, die Nutzung der Atomkraft im Falle einer Havarie eigentlich allen Zielen. Deshalb gilt nun: Investitionen in Kohle und Atomkraft gelten in der EU als nicht nachhaltig. Bei sozialen Kriterien gibt es noch einen Dissens: Die TEG schlägt hier vor, dass alle Investitionen mindestens die sogenannten ILO-Kernarbeitsnormen einhalten müssen. Das EU-Parlament fordert hier als Mindeststandard die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die als strenger gelten.

Wie verpflichtend ist die Taxonomie?

Sie ist nicht für alle Marktteilnehmenden verpflichtend. Sie ist auch kein Siegel oder Label für nachhaltige Geldanlagen. Das soll es allerdings auch geben, auch hier hat die TEG einen Vorschlag vorgestellt, für den die Taxonomie die Grundlage bildet. Die Taxonomie ist auch noch nicht endgültig verabschiedet – bis September können Interessierte noch Feedback einreichen. Zudem ist das Mandat der Expertinnen und Experten bis Ende des Jahres verlängert worden. Sie sollen unter anderem Guidelines erarbeiten, wie Investoren die Taxonomie auch praktisch anwenden können. Außerdem muss man wissen, dass die TEG ihre Vorschläge im Auftrag der EU-Kommission erarbeitet hat. Die Taxonomie ist die erste von zehn Maßnahmen eines Plans der EU, mit dessen Hilfe die Finanzmärkte dazu gebracht werden sollen, in die Agenda 2030 und die Pariser Klimaschutzziele zu investieren. Verhandelt werden diese Maßnahmen zwischen Parlament, Rat und Kommission. In Sachen Taxonomie haben bisher Kommission und Parlament ihre Positionen festgelegt. Der Rat, also die EU-Mitgliedsstaaten, sind gerade noch dabei. Erst dann beginnen die eigentlichen Verhandlungen, der sogenannte Trilog. Die Arbeit der TEG-Expertinnen und Experten ist dabei die einzige, die über Grundsatzfragen hinaus auch Details zu nachhaltigen Geldanlagen definiert, wie in den Beispielen oben ausgeführt. Deshalb wird sie Grundlage der späteren Richtlinie sein. Unklar ist dennoch, wie verpflichtend die Taxonomie sein soll. Müssen also alle, die behaupten, eine „nachhaltige“ Geldanlage anzubieten, diese allgemeine EU-Definition zugrunde legen? Hier hat etwa der EU-Ministerrat noch keine Position. Einige Experten glauben, dass sich die Taxonomie als de-facto-Standard auch ohne verpflichtende Anwendung durchsetzen wird. Das heißt, wenn ein Fondsmanager künftig eine Anlage als nachhaltig zu verkaufen versucht, aber gleichzeitig einräumen muss, dass er sich nicht um die EU-Definition für nachhaltige Geldanlagen schert, dann wird er schlicht keine Käufer finden.

Gibt es auch Kritik an der Arbeit der TEG?

Ja, die gibt es. Sie stammt beispielsweise von dem Grünen EU-Abgeordneten und Finanzexperten Sven Giegold und bezieht sich auf den Green Bonds Standard, also dem geplanten Siegel für nachhaltige Geldanlagen. „Der Vorschlag für einen EU-Standard für grüne Anleihen bringt keinen Mehrwert. Die Empfehlungen der Experten sind enttäuschend“, schreibt Giegold. Seine Begründung: Ein Versicherungsmanager, ein Rentenfonds, eine Investmentfirma oder wer auch immer die Taxonomie anwendet, muss nicht offenlegen, in welche konkreten Projekte er Geld steckt. In den Vorschlägen der TEG ist auf Seite 62 ausgeführt, was praktisch passieren könnte, wenn die Taxonomie angewendet wird: Demnach müssten Finanzmarktakteure genau erläutern, wie sich Produkte, die als nachhaltig verkauft werden, zur Taxonomie verhalten. Sie müssten ihre Strategie erläutern, wie sie die ökologische Nachhaltigkeit ihrer Investitionen sicherstellen. Trotzdem wäre es ihnen erlaubt, auch in Firmen oder Projekte zu investieren, die laut der neuen EU-Definition nicht nachhaltig sind. Grüne Finanzprodukte müssten ein Minimum an Investitionen enthalten, die laut Taxonomie nachhaltig sind und aufzeigen, wie hoch deren Prozentsatz ist: Laut EU-Taxonomie 30 Prozent nachhaltig, zum Beispiel. Eine Pflicht, die konkreten Firmen und Projekte offenzulegen, gibt es aber nicht. Die bleiben das Geschäftsgeheimnis der Anbieter grüner Finanzprodukte. Für Giegold ist das ein großes Ärgernis. Er glaubt, nur mit Transparenz könne Europa das Vertrauen umweltbewusster Investoren gewinnen und einen weltweiten Standard setzen." ["post_title"]=> string(70) "Experten legen EU-weite Definition für nachhaltige Finanzprodukte vor" ["post_excerpt"]=> string(346) "Was ist eine nachhaltige Geldanlage? Die Antwort auf diese Frage ist wichtig, um Klimaschutz und Agenda 2030 voranzutreiben. Über ein Jahr arbeiteten Expertinnen und Experten der Technical Expert Group on Sustainable Finance aus Finanzwirtschaft, Wissenschaft und NGOs im Auftrag der EU-Kommission an den Kriterien. Jetzt liegt das Ergebnis vor." ["post_status"]=> string(7) "publish" ["comment_status"]=> string(6) "closed" ["ping_status"]=> string(6) "closed" ["post_password"]=> string(0) "" ["post_name"]=> string(70) "experten-legen-eu-weite-definition-fuer-nachhaltige-finanzprodukte-vor" ["to_ping"]=> string(0) "" ["pinged"]=> string(0) "" ["post_modified"]=> string(19) "2019-07-22 11:36:08" ["post_modified_gmt"]=> string(19) "2019-07-22 09:36:08" ["post_content_filtered"]=> string(0) "" ["post_parent"]=> int(0) ["guid"]=> string(42) "https://www.nachhaltigkeitsrat.de/?p=16993" ["menu_order"]=> int(0) ["post_type"]=> string(4) "post" ["post_mime_type"]=> string(0) "" ["comment_count"]=> string(1) "0" ["filter"]=> string(3) "raw" } [1]=> object(WP_Post)#6933 (24) { ["ID"]=> int(15252) ["post_author"]=> string(1) "8" ["post_date"]=> string(19) "2019-06-07 16:25:33" ["post_date_gmt"]=> string(19) "2019-06-07 14:25:33" ["post_content"]=> string(7447) "

„Auf allen Feldern müssen wir dazu beitragen, eine These zu widerlegen: dass es unseren Wohlstand verschlechtern wird, wenn wir nachhaltig wirtschaften. Das stimmt nicht. Wir werden ihn verbessern.“ So energisch schloss Bundesfinanzminister Olaf Scholz seine mit Spannung erwartete Rede auf der 19. Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE). Wenn ein wirtschaftlich erfolgreiches Hochtechnologieland wie Deutschland es schaffe, mit wenig bis gar keinen Emissionen ein wirtschaftlich erfolgreiches Hochtechnologieland zu bleiben, sei das der beste Beweis für die Möglichkeit eines nachhaltigen Wandels. In Zusammenhang mit den Herausforderungen des Klimawandels und der Energiewende arbeitete Scholz auch die Bedeutung einer nachhaltigen Finanzwirtschaft – oder Sustainable Finance – heraus, eines der Schwerpunktthemen der Konferenz.

Insofern war es nur passend, dass zum ersten Mal bei einer RNE-Jahreskonferenz ein amtierender Bundesfinanzminister sprach. Auch Scholz’ Ankündigung, dass die Bundesregierung nur zwei Tage später, am 6. Juni, einen Beirat für Sustainable Finance einsetzen würde, passte zu diesem Fokus. Bereits seit Jahren treibt der RNE – unter anderem mit dem Hub for Sustainable Finance – das Thema voran. Am 4. Juli lädt der Rat erneut zu einem Roundtable zum Thema „Kompetenzaufbau Sustainable Finance im Banking, Investment- und Versicherungsgeschäft“, eine weitere Veranstaltung am 10. September widmet sich dem Thema Digitalisierung und Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft.

Auf der Jahreskonferenz hatte Ratsvorsitzende Marlehn Thieme die Bundesregierung aufgefordert, alles zu tun, um ihre selbst gesteckten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Dies gelte selbstverständlich auch im Bereich Finanzwirtschaft, sagte sie. In seiner Rede betonte Bundesfinanzminister Scholz, dass die Industrie den Strukturwandel schaffen werde, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen würden. Schnelles und konsequentes Handeln sei daher von großer Bedeutung.

Standards und Enddaten festlegen

Scholz betonte allerdings, dass marktwirtschaftliche Instrumente allein nicht ausreichen würden: „Das halte ich für eine Illusion“, sagte der Minister und erhielt dafür Applaus vom Publikum. Man sehe das zum Beispiel an den Mitteln aus dem Klimafonds, die nur in geringem Maße abgerufen würden. Deswegen müsse die Regierung Standards, Zwischenziele und ein Enddatum festlegen, zu dem diese erreicht sein sollten: „Ohne Zielperspektive wird das nichts werden.“ Ähnlich wie die Bundeskanzlerin will der Bundesfinanzminister die EU-Ratspräsidentschaft 2020 dazu nutzen, mit seinen Amtskolleginnen und -kollegen Vorhaben zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele zu besprechen und gemeinsame Maßnahmen zu verabreden.

In der Podiumsdiskussion, die an Scholz’ Rede anschloss, wies Alexander Bassen, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg und Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung, darauf hin, dass Deutschland derzeit noch weit davon entfernt sei, beim Thema Sustainable Finance eine Führungsrolle einzunehmen. „Internationale Diskussionen finden aktuell noch weitgehend ohne deutschen Beitrag statt“, sagte er. Bassen ist auch Teil des neu konstituierten Beirats für Sustainable Finance, der die Bundesregierung bei der Ausarbeitung und Umsetzung ihrer Sustainable-Finance-Strategie beraten, bestehende Expertise bündeln und den Dialog zwischen den relevanten Akteuren fördern soll. Die Entwicklung einer Sustainable-Finance-Strategie für Deutschland geht auf die Initiative des Bundesfinanz- und des Bundesumweltministeriums zurück und soll in enger Abstimmung mit dem Bundeswirtschaftsministerium erfolgen. Karsten Löffler von der Frankfurt School of Finance & Management und Geschäftsführer des Green and Sustainable Finance Clusters Germany wurde bei der ersten Sitzung zum Beiratsvorsitzenden bestimmt. Informationen zu den weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie dem Arbeitsprogramm will die Bundesregierung in Kürze veröffentlichen.

„Die Unternehmen hören uns zu“

Auf dem von Alexander Bassen und RNE-Generalsekretär Günther Bachmann moderierten Podium auf der Jahreskonferenz diskutierten Anja Mikus, Vorsitzende des Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung, und Alexander Schindler, Vorstandsmitglied bei Union Investment, die Chancen nachhaltiger Finanzanlagen. Mikus, die für den ersten Staatsfonds verantwortlich ist, der von Anfang an Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt, wies darauf hin, dass diese die Rendite nicht schmälern, sondern steigern: „Zudem tragen sie dazu bei, Risiken und Schwankungen zu reduzieren.“ Schindler betonte die Verantwortung und die Einflussmöglichkeiten der Finanzwirtschaft: „Wir gehen soweit, dass wir ein Unternehmen wie Daimler dazu bringen, seine ganze Lieferkette auf Nachhaltigkeit zu überprüfen“, sagte er. „Die Unternehmen hören uns zu.“

Video- und Audiomitschnitte der 19. RNE-Jahreskonferenz inklusive der Rede von Bundesfinanzminister Olaf Scholz und dem Panel zu Sustainable Finance finden Sie hier.

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Immer noch gehen jede Woche Schülerinnen und Schüler weltweit für Klimaschutz auf die Straße – geht es nach Valdis Dombrovskis, dem Vizepräsidenten der Europäischen Kommission zuständig für Finanzdienstleistungen, hat die Politik längst eine Antwort auf die Forderungen der jungen Generation: „Meine Antwort an junge Menschen und Bürger auf der ganzen Welt ist klar: Die Europäische Union steht zu ihren Verpflichtungen, die wir mit dem Abkommen von Paris eingegangen sind“, sagte er zum Auftakt des zweiten Gipfels für eine Nachhaltige Finanzwirtschaft der EU im März in Brüssel.

Auf diesem Gipfel ging es um ein zentrales Vorhaben der EU, um die Klimaziele einzuhalten: den Aufbau eines nachhaltigen Finanzsystems. Den Rahmen dazu hat die Kommission bereits im Mai 2018 gesetzt, als sie ein ganzes Bündel an Reformen angestoßen hat. Einer der zentralen Pfeiler geht jetzt in die finale Runde: Die Definition von EU-weit einheitlichen Regeln dafür, was im Sinne der Umwelt eine nachhaltige Geldanlage ist. Soziale Aspekte der Nachhaltigkeit spielen bisher eine untergeordnete Rolle. Zu dieser sogenannten Taxonomie hat nach der EU-Kommission nun auch das EU-Parlament seine Position verabschiedet. In den nächsten Wochen soll der Ministerrat der EU-Finanzminister folgen, dann startet der entscheidende Trilog zwischen Rat, Kommission und Parlament. Eine Einigung wird es vor den EU-Parlamentswahlen Ende Mai noch nicht geben.

Doch bereits jetzt zeichnet sich eine Vorentscheidung in wichtigen Fragen ab: Einer der beiden Berichterstatter, Bas Eickhout von den niederländischen Grünen, konnte sich mit seinem Vorschlag nicht durchsetzen, nach dem künftig alle Finanzprodukte in der EU unter die Taxonomie fallen sollen. Das hätte bedeutet, dass vom Aktienfonds über Unternehmensanleihen bis zur Rentenversicherung transparent gewesen wäre, wie klimaschädlich oder klimafreundlich sie sind. Nun will neben der Kommission auch das Parlament, dass die Taxonomie von Finanzmarktakteuren nur freiwillig angewendet wird. Finanzprodukte können somit auch als „nachhaltig“ bezeichnet werden, wenn sie nicht der Taxonomie entsprechen. Kommission und Parlament setzen aber darauf, dass aus den freiwilligen EU-Regeln ein Standard erwächst, hinter den kein Anbieter mehr zurückfällt. Finanzprodukte ohne Hinweis auf mögliche umweltschädliche Aktivitäten dürfen jedoch weiterhin verkauft werden.

Es fehlen 180 Milliarden Euro im Jahr

Die Regeln entsprechen damit der Grundidee der Kommission. Nach deren Berechnungen fehlen jährlich 180 Milliarden Euro an Investitionen, um die EU-Klimaziele bis 2030 einzuhalten, also Minus 40 Prozent CO2-Ausstoß im Vergleich zu 1990 zu erreichen. Besonders die Taxonomie sei darauf ausgelegt, diese Lücke zu schließen, schreibt Nina Lazic von der Brüsseler NGO Finance Watch. Es geht also nicht darum, klimaschädliche Finanzströme als solche kenntlich zu machen, sondern grüne Geldanlagen zu stärken. Sie sitzt mit 35 weiteren Expertinnen und Experten in einer Arbeitsgruppe, die im Auftrag der Kommission die technischen Details für die Taxonomie und drei weitere Reformen erarbeitet. „Es gibt Druck aus dem privaten Sektor, die Höhe von Investitionen oder das Ausmaß von Geschäftsaktivitäten, die dem Klimaschutz zuwiderlaufen, nicht angeben zu müssen“, sagt Lazic.

Steffen Hörter leitet global den Bereich „ESG“ bei Allianz Global Investors und sitzt in der gleichen EU-Expertengruppe wie Lazic. Er verweist darauf, dass die Taxonomie im Kontext des gesamten Pakets für Nachhaltige Finanzwirtschaft gesehen werden müsse. Dazu zählen beispielsweise sogenannte Offenlegungsanforderungen. Wer künftig ein Finanzprodukt kauft, muss demnach von den Anbietern informiert werden, inwieweit sie Aspekte der Ökologie, des Sozialen und der Governance, kurz ESG-Kriterien, berücksichtigen. Diese Reformen könnten eine Art „Klimastresstest“ auch bei herkömmlichen Kapitalanlagen ermöglichen. Damit könnte jeder Anlegerin und jedem Anleger transparent werden, ob eine Investition mit dem Zwei-Grad-Ziel von Paris vereinbar ist.

Finanzierungen in einzelne Projekte wie Kraftwerke oder Infrastruktur werde man anhand der Taxonomie relativ einfach auf ihre Klimafreundlichkeit bewerten können, glaubt Hörter. „Aber wir investieren über Aktien und Bonds in ganze Unternehmen mit komplexen Geschäftsaktivitäten. Mithilfe der Taxonomie muss am Ende klar sein, wieviel Prozent der Geschäftstätigkeiten eines Unternehmens grün sind“, sagt er. Er fordert deshalb, dass auch nach Verabschiedung der Taxonomie eine Gruppe aus Experten das EU-Rahmenwerk für grüne Finanzprodukte weiterentwickelt und daran arbeitet, die Kriterien in konkrete Daten zu übersetzen, mit denen Investoren arbeiten können. „Das alles muss erst noch entwickelt werden“, sagt Hörter.

Kohle und Atomkraft gelten als nicht nachhaltig

Was das angeht, ist auch der Entwurf des Parlaments lediglich eine Richtschnur – für die es aber auch Lob von denjenigen gibt, die gerne härtere Regeln gehabt hätten. So schreibt etwa der Grüne EU-Abgeordnete Sven Giegold, dass die Regeln des Parlaments Greenwashing erschweren würden. Denn das EU-Parlament fordert, Investitionen in Kohle, Atomkraft und andere CO2-intensive Anlagen definitiv nicht als ‚nachhaltig‘ deklarierbar zu machen. Sonst könnte eine Investition, mit der ein Kohlekraftwerk effizienter wird, mithilfe nachhaltiger Geldanlagen finanziert werden.

Ebenfalls positiv bewertet etwa Finance Watch, dass das Parlament die sozialen Mindeststandards nachhaltiger Geldanalgen stärken will – nach dem Vorschlag der Kommission hätten Investoren lediglich die ILO-Kernarbeitsnormen einhalten müssen. Das Parlament fordert, dass die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte eingehalten werden müssen, die als strenger gelten. Generell müssen nachhaltige Geldanlagen mindestens einem von sechs EU-Umweltzielen (beispielsweise Klimaschutz, Biodiversität oder Schutz der Meere) nützlich sein und dürfen keinem davon widersprechen.

Insgesamt dauert der Zeitplan der Kommission zur Reform der Finanzmärkte bis 2022 – und wird das nächste Parlament und die nächste Kommission nach der Wahl weiter beschäftigen. „Ich bin davon überzeugt, das Thema Sustainable Finance wird weiterhin oben auf der Agenda stehen“, sagt Karsten Löffler, der ebenfalls zu den von der EU berufenen Experten zählt und Co-Head der Frankfurt School – UNEP Collaborating Centre for Climate & Sustainable Energy Finance ist. „Das Thema Klimaschutz und Finanzmärkte ist schon so weit fortgeschritten, das wird nicht einfach wieder weggehen“, glaubt er.

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Was ist beschlossen worden?

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Was heißt das konkret an einem Beispiel?

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Was ist mit anderen Umweltkriterien außer CO2-Ausstoß und was ist mit Sozialstandards?

Zwei Grundprinzipien bilden das Fundament der Taxonomie. Erstens müssen Investitionen in einem von sechs Bereichen des Umweltschutzes einen Beitrag leisten: Bekämpfung oder Anpassung an den Klimawandel, Schutz von Wasser und Meeren, Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft samt Recycling und Müllvermeidung, Vermeidung von Umweltverschmutzung oder der Schutz von Ökosystemen. Und zweitens dürfen die Investitionen keinem der sechs Umweltzielen zuwiderlaufen. So gab es lange eine Diskussion darüber, ob es nachhaltig sei, Kohlekraftwerke effizienter zu machen oder Atomkraftwerke zu bauen. Beides kann theoretisch den CO2-Ausstoß senken. Die Nutzung von Kohle verstößt aber gegen die Idee einer grundsätzlichen Transformation der Wirtschaft, die Nutzung der Atomkraft im Falle einer Havarie eigentlich allen Zielen. Deshalb gilt nun: Investitionen in Kohle und Atomkraft gelten in der EU als nicht nachhaltig. Bei sozialen Kriterien gibt es noch einen Dissens: Die TEG schlägt hier vor, dass alle Investitionen mindestens die sogenannten ILO-Kernarbeitsnormen einhalten müssen. Das EU-Parlament fordert hier als Mindeststandard die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die als strenger gelten.

Wie verpflichtend ist die Taxonomie?

Sie ist nicht für alle Marktteilnehmenden verpflichtend. Sie ist auch kein Siegel oder Label für nachhaltige Geldanlagen. Das soll es allerdings auch geben, auch hier hat die TEG einen Vorschlag vorgestellt, für den die Taxonomie die Grundlage bildet. Die Taxonomie ist auch noch nicht endgültig verabschiedet – bis September können Interessierte noch Feedback einreichen. Zudem ist das Mandat der Expertinnen und Experten bis Ende des Jahres verlängert worden. Sie sollen unter anderem Guidelines erarbeiten, wie Investoren die Taxonomie auch praktisch anwenden können. Außerdem muss man wissen, dass die TEG ihre Vorschläge im Auftrag der EU-Kommission erarbeitet hat. Die Taxonomie ist die erste von zehn Maßnahmen eines Plans der EU, mit dessen Hilfe die Finanzmärkte dazu gebracht werden sollen, in die Agenda 2030 und die Pariser Klimaschutzziele zu investieren. Verhandelt werden diese Maßnahmen zwischen Parlament, Rat und Kommission. In Sachen Taxonomie haben bisher Kommission und Parlament ihre Positionen festgelegt. Der Rat, also die EU-Mitgliedsstaaten, sind gerade noch dabei. Erst dann beginnen die eigentlichen Verhandlungen, der sogenannte Trilog. Die Arbeit der TEG-Expertinnen und Experten ist dabei die einzige, die über Grundsatzfragen hinaus auch Details zu nachhaltigen Geldanlagen definiert, wie in den Beispielen oben ausgeführt. Deshalb wird sie Grundlage der späteren Richtlinie sein. Unklar ist dennoch, wie verpflichtend die Taxonomie sein soll. Müssen also alle, die behaupten, eine „nachhaltige“ Geldanlage anzubieten, diese allgemeine EU-Definition zugrunde legen? Hier hat etwa der EU-Ministerrat noch keine Position. Einige Experten glauben, dass sich die Taxonomie als de-facto-Standard auch ohne verpflichtende Anwendung durchsetzen wird. Das heißt, wenn ein Fondsmanager künftig eine Anlage als nachhaltig zu verkaufen versucht, aber gleichzeitig einräumen muss, dass er sich nicht um die EU-Definition für nachhaltige Geldanlagen schert, dann wird er schlicht keine Käufer finden.

Gibt es auch Kritik an der Arbeit der TEG?

Ja, die gibt es. Sie stammt beispielsweise von dem Grünen EU-Abgeordneten und Finanzexperten Sven Giegold und bezieht sich auf den Green Bonds Standard, also dem geplanten Siegel für nachhaltige Geldanlagen. „Der Vorschlag für einen EU-Standard für grüne Anleihen bringt keinen Mehrwert. Die Empfehlungen der Experten sind enttäuschend“, schreibt Giegold. Seine Begründung: Ein Versicherungsmanager, ein Rentenfonds, eine Investmentfirma oder wer auch immer die Taxonomie anwendet, muss nicht offenlegen, in welche konkreten Projekte er Geld steckt. In den Vorschlägen der TEG ist auf Seite 62 ausgeführt, was praktisch passieren könnte, wenn die Taxonomie angewendet wird: Demnach müssten Finanzmarktakteure genau erläutern, wie sich Produkte, die als nachhaltig verkauft werden, zur Taxonomie verhalten. Sie müssten ihre Strategie erläutern, wie sie die ökologische Nachhaltigkeit ihrer Investitionen sicherstellen. Trotzdem wäre es ihnen erlaubt, auch in Firmen oder Projekte zu investieren, die laut der neuen EU-Definition nicht nachhaltig sind. Grüne Finanzprodukte müssten ein Minimum an Investitionen enthalten, die laut Taxonomie nachhaltig sind und aufzeigen, wie hoch deren Prozentsatz ist: Laut EU-Taxonomie 30 Prozent nachhaltig, zum Beispiel. Eine Pflicht, die konkreten Firmen und Projekte offenzulegen, gibt es aber nicht. Die bleiben das Geschäftsgeheimnis der Anbieter grüner Finanzprodukte. Für Giegold ist das ein großes Ärgernis. Er glaubt, nur mit Transparenz könne Europa das Vertrauen umweltbewusster Investoren gewinnen und einen weltweiten Standard setzen." ["post_title"]=> string(70) "Experten legen EU-weite Definition für nachhaltige Finanzprodukte vor" ["post_excerpt"]=> string(346) "Was ist eine nachhaltige Geldanlage? Die Antwort auf diese Frage ist wichtig, um Klimaschutz und Agenda 2030 voranzutreiben. Über ein Jahr arbeiteten Expertinnen und Experten der Technical Expert Group on Sustainable Finance aus Finanzwirtschaft, Wissenschaft und NGOs im Auftrag der EU-Kommission an den Kriterien. Jetzt liegt das Ergebnis vor." ["post_status"]=> string(7) "publish" ["comment_status"]=> string(6) "closed" ["ping_status"]=> string(6) "closed" ["post_password"]=> string(0) "" ["post_name"]=> string(70) "experten-legen-eu-weite-definition-fuer-nachhaltige-finanzprodukte-vor" ["to_ping"]=> string(0) "" ["pinged"]=> string(0) "" ["post_modified"]=> string(19) "2019-07-22 11:36:08" ["post_modified_gmt"]=> string(19) "2019-07-22 09:36:08" ["post_content_filtered"]=> string(0) "" ["post_parent"]=> int(0) ["guid"]=> string(42) "https://www.nachhaltigkeitsrat.de/?p=16993" ["menu_order"]=> int(0) ["post_type"]=> string(4) "post" ["post_mime_type"]=> string(0) "" ["comment_count"]=> string(1) "0" ["filter"]=> string(3) "raw" } ["comment_count"]=> int(0) ["current_comment"]=> int(-1) ["found_posts"]=> string(1) "3" ["max_num_pages"]=> float(1) ["max_num_comment_pages"]=> int(0) ["is_single"]=> bool(false) ["is_preview"]=> bool(false) ["is_page"]=> bool(false) ["is_archive"]=> bool(true) ["is_date"]=> bool(false) ["is_year"]=> bool(false) ["is_month"]=> bool(false) ["is_day"]=> bool(false) ["is_time"]=> bool(false) ["is_author"]=> bool(false) ["is_category"]=> bool(false) ["is_tag"]=> bool(true) ["is_tax"]=> bool(false) ["is_search"]=> bool(false) ["is_feed"]=> bool(false) ["is_comment_feed"]=> bool(false) ["is_trackback"]=> bool(false) ["is_home"]=> bool(false) ["is_privacy_policy"]=> bool(false) ["is_404"]=> bool(false) ["is_embed"]=> bool(false) ["is_paged"]=> bool(false) ["is_admin"]=> bool(false) ["is_attachment"]=> bool(false) ["is_singular"]=> bool(false) ["is_robots"]=> bool(false) ["is_posts_page"]=> bool(false) ["is_post_type_archive"]=> bool(false) ["query_vars_hash":"WP_Query":private]=> string(32) "ce59f9bea9e3f72f3487e58520ebacf3" ["query_vars_changed":"WP_Query":private]=> bool(false) ["thumbnails_cached"]=> bool(false) ["stopwords":"WP_Query":private]=> NULL ["compat_fields":"WP_Query":private]=> array(2) { [0]=> string(15) "query_vars_hash" [1]=> string(18) "query_vars_changed" } ["compat_methods":"WP_Query":private]=> array(2) { [0]=> string(16) "init_query_flags" [1]=> string(15) "parse_tax_query" } ["queried_object"]=> object(WP_Term)#7119 (12) { ["term_id"]=> int(289) ["name"]=> string(23) "nachhaltige Geldanlagen" ["slug"]=> string(23) "nachhaltige-geldanlagen" ["term_group"]=> int(0) ["term_taxonomy_id"]=> int(289) ["taxonomy"]=> string(8) "post_tag" ["description"]=> string(0) "" ["parent"]=> int(0) ["count"]=> int(3) ["filter"]=> string(3) "raw" ["term_order"]=> string(1) "0" ["custom_order"]=> string(4) "9999" } ["queried_object_id"]=> int(289) }