Die Vermessung des Konsumenten

Die Vereinten Nationen fordern von reichen Nationen einen ökologischeren und sozialeren Konsum, um Armut, Hunger und Umweltprobleme weltweit zu bekämpfen. Deutschland will sich noch in diesem Jahr nationale Ziele für nachhaltigeres Kaufen setzen. Der RNE zeigt, wie Erfolg oder Misserfolg gemessen werden können.
Wie bringt man Konsumenten dazu, beim Einkaufen nicht nur auf’s Geld, sondern auch auf eine faire und umweltschonende Produktion zu achten? Ein weltweites Thema; nachhaltiger Konsum ist eines der Ziele der 2030-Agenda der Vereinten Nationen. Im Zuge dessen soll es auch in die Überarbeitung von Deutschlands Nachhaltigkeitsstrategie einfließen, die in vollem Gang ist.
Die Bundesregierung hat ihre Dialogreihe zu dem Thema beendet, die Ergebnisse fließen in die neue Strategie ein, deren erster Entwurf voraussichtlich im Mai vorliegen soll. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks stellte zudem ein Programm vor, das nachhaltigen Konsum in Deutschland voranbringen soll. 
Ein Punkt des Hendricks-Papieres: Das Konsumverhalten soll künftig mit geeigneten Indikatoren erfasst und gemessen werden. Wie diese Indikatoren aussehen könnten, dazu hat das Institut für Markt-Umwelt-Gesellschaft, kurz Imug, im Auftrag des RNE jetzt ein Set von vier Indikatoren erarbeitet. 

Nachhaltiger-Warenkorb-Index

Der erste nennt sich Nachhaltiger-Warenkorb-Index. Mit ihm kann gemessen werden, wie groß der Umsatz von fairen und ökologischen Produkten in Deutschland ist, die bereits mit einem der zahlreichen Label ausgezeichnet sind: Dazu zählen die diversen Biosiegel für Nahrung, bei Kleidung etwa der Blaue Engel, Fairtrade oder das Europäische Umweltzeichen, beim Strom das Label ok Power oder das Grüner Strom Label; es gibt Siegel für Haushaltsgeräte, Kosmetika und vieles mehr. Der Index baut auf den, ebenfalls im Auftrag des RNE vom Imug entwickelten, Nachhaltigen Warenkorb und das Projekt Siegelklarheit der Bundesregierung auf.
Darüber hinaus können in den Index Daten darüber einfließen, wie oft der Öffentliche Nahverkehr genutzt wird oder wie Carsharing wächst. „Das sind nur Beispiele, wie nachhaltige Mobilität gemessen werden könnte. Wie die einzelnen Konsumbereiche am Ende gewichtet und gemessen werden, darauf müsste man sich im Detail noch einigen“, sagt Studienautor Ingo Schoenheit.
Der Warenkorb lässt sich übrigens auch als App direkt aufs Handy laden. Das Umweltbundesamt hat bereits in einer Studie gezeigt, dass ein Index für grüne Produkte möglich wäre. 

Überschuldung privater Haushalte

Der Nachhaltige-Warenkorb-Index ist eine klassische Effizienz-Messung: Sie erfasst Produkte, die mit Ressourcen technologisch schonender umgehen oder sozialer hergestellt werden.
Die nächsten beiden Indikatoren sollen erfassen, ob sich auch die Einstellung von Konsumenten hin zu mehr Bescheidenheit ändert, im Sinne der Suffizienz. Ein Maß wäre die Überschuldungsrate: Sie erfasst, in wie vielen Haushalten das Einkommen nicht mehr reicht, um Schulden und Zinsen abzuzahlen.
Die Gründe dafür sind vielfältig, der Begriff „Überschuldung“ will keine persönliche Schuld zuweisen. Vielmehr deuten viele überschuldete Haushalte auf zu hohen Konsum hin und stürzen Betroffene in schwere Krisen, die nicht im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung sind. Die Daten für einen solchen Überschuldungs-Indikator wären bei der Schufa, beim Institut für Finanzdienstleistungen in Hamburg oder dem Statistischen Bundesamt leicht zu ermitteln. 

Genügsamkeits-Index

Der dritte Indikator erklärt sich aus seinem Namen: „Genügsamkeits-Index“. Auch er soll messen, ob die Gesellschaft genügsamer wird, also weniger anfällig dafür, ständig neue, überflüssige Produkte zu kaufen – und stattdessen mehr verleiht, teilt und sich auf immaterielle Werte besinnt. Das wäre ein Ausweg aus der sogenannten Effizienzfalle, wie am Beispiel Auto ersichtlich: Selbst wenn PKWs immer effizienter werden, nützt das der Umwelt wenig, wenn gleichzeitig immer mehr Kilometer gefahren werden. Messen lässt sich das Maß an Genügsamkeit tatsächlich: Die Wissenschaftliche Arbeitsgruppe „Consciousness for sustainable consumption“ und der GfK-Verein  (Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung e. V.) haben gemeinsam ein entsprechendes Verfahren erarbeitet. An einem konkreten Index müsste man noch arbeiten. „Aber das wäre in einem halben Jahr zu schaffen“, sagt Schoenheit.

CO2-Emissionen pro Kopf 

Im vierten Ansatz fließen Suffizienz und Effizienz zusammen. Es handelt sich um einen Indikator, der die Umweltwirkungen des Konsums ermittelt. Als Maß dient, wie viel CO2 jeder von uns durch seinen Lebensstil verursacht. 
Die Autoren der Imug-Studie räumen zwar ein, dass durch Klimagase nicht alle Umweltbelastungen erfasst werden, dennoch stellten die CO2-Emissionen ein gutes Maß stellvertretend für alle durch Konsum entstehenden Umweltbelastungen dar. Außerdem sind die Daten vorhanden und können international verglichen werden – auch die indirekten Emissionen, etwa durch Teetrinken, Orangen essen oder den Kauf eines Computers, der in China hergestellt worden ist.

So geht es weiter 

Mit der Aufnahme eines Konsumindikators in die nationale Nachhaltigkeitsstrategie soll der Impuls aus den Globalen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen in Deutschland umgesetzt werden. Im Rahmen der Fortschreibung der Nachhaltigkeitsstrategie soll die Studie von Imug und RNE die zuständigen Bundesministerien in ihren Überlegungen unterstützen: Momentan arbeitet auch ein interministerieller Arbeitskreis, in dem verschiedene Bundesministerien vertreten sind, an der Entwicklung von Indikatoren. Auf internationaler Ebene will die UN Statistical Division noch im März ein ganzes Set an Indikatoren vorlegen, mit denen künftig weltweit Fortschritte bei den neuen, globalen Nachhaltigkeitszielen  gemessen werden – zu denen auch nachhaltiger Konsum zählt. An diesen Indikatoren will sich die Bundesregierung orientieren, damit die Daten am Ende international vergleichbar sind. Auch für das Imug bilden die internationalen Ziele die Grundlage.

Hintergrund – Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung

Im September vergangenen Jahres hat sich die internationale Gemeinschaft neue, globale  Nachhaltigkeitsziele bis 2030 gesetzt, die für alle Staaten gelten, nicht nur für die Entwicklungsländer. Die Idee ist, dass es eine weltweite Aufgabe ist, die Lebensgrundlagen für künftige Generationen zu sichern. Deshalb müssen gerade die reichen Länder ihre Lebensweise ändern, sonst können Armut, Hunger und Umweltzerstörung nicht bekämpft werden. Dazu hat die Staatengemeinschaft 17 Globale Nachhaltigkeitsziele vereinbart. Das zwölfte Ziel heißt deshalb: „Für verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster sorgen“. Deutschland müsse dieses Ziel besonders ernst nehmen, schreiben die Autoren der Imug-Studie.
Auch in den Zielen der Vereinten Nationen heißt es, dass die entwickelten Länder die Führung beim nachhaltigen Konsum übernehmen sollten. Die G7 haben bereits im vergangenen Jahr beschlossen, dass ihre globalen Konzerne für ökologische und soziale Standards in ihren Lieferketten sorgen müssen. Die UN-Ziele sind teilweise sehr konkret formuliert: Bis 2030 soll beispielsweise die Lebensmittelverschwendung von Einzelhandel und Konsumenten halbiert werden.
Allerdings hat das Imug bewusst auf einen Indikator zu dieser Thematik verzichtet. Die Datenlage sei noch unzureichend, sagt Schoenheit: „Lebensmittel können auf dem Feld, beim Transport, beim Zwischenhändler, im Supermarkt und beim Endverbraucher verschwendet werden. Das zu erfassen ist momentan noch sehr schwer“, erläutert er.

Hintergrund – Immer mehr oder auch mal weniger

Hierzulande gibt es zwei Ansätze zu nachhaltigem Konsum: Der eine, der sich auch im Hendricks-Papier wiederfindet, setzt auf Freiwilligkeit. Konsumenten sollen nicht eingeschränkt, sondern schlicht ermächtigt werden, ökologisch und sozial verantwortungsvoll zu handeln – und die Wirtschaft stellt entsprechende Produkte zur Verfügung. Es geht also nicht um weniger, sondern um anderen Konsum. „Das ist Mainstream und marktwirtschaftlich konform“, sagt Schoenheit. „Wir müssen aber auch über Suffizienz nachdenken, also Verzicht“, ergänzt er. Schließlich sei Wohlstand und Lebensqualität auch möglich, ohne ständig die neusten Produkte zu haben – egal wie nachhaltig sie hergestellt werden.

Links:

Indikatoren für nachhaltigen Konsum – die Vorschläge des Imug [PDF, 2,5 MB]
Das Programm der Bundesregierung für nachhaltigen Konsum
Der Nachhaltige Warenkorb (RNE)
Marktzahlen für grüne Produkte (Umweltbundesamt)
Wie steht es um Nachhaltigkeit in Deutschland? – Die jüngste Evaluierung dazu (Statistisches Bundesamt)
Wie Genügsamkeit gemessen werden könnte – Messverfahren der GfK