16.11.2005
"Warum nicht mal ein nachhaltiges Dschungel Camp?" Interview mit Friedrich Hagedorn, Leiter des Referats Bildung im Adolf Grimme Institut
"Warum nicht mal ein nachhaltiges Dschungel Camp?"
Interview mit Friedrich Hagedorn, Leiter des Referats Bildung im Adolf Grimme Institut
Nachhaltigkeit kommt im deutschen Fernsehen so gut wie nicht vor. Warum das so ist und wie man dem Thema den Weg ins TV-Programm ebenen könnte, steht im Mittelpunkt einer Konferenz von Rat und Adolf Grimme Institut (AGI) Anfang Dezember in Berlin. Im Vorfeld der Veranstaltung sprachen wir mit Friedrich Hagedorn, der sich im AGI hauptsächlich mit der Vermittlung von Wissen im Fernsehen und Internet beschäftigt.
Newsletter: Herr Hagedorn, schauen Sie viel fern? Der Durchschnitt liegt bei rund vier Stunden täglich.
Hagedorn: Dann liege ich deutlich darunter. Ich schaue zudem sehr selektiv, suche mir bestimmte Sendungen aus.
Welches nachhaltige Thema würden Sie gern mal im Fernsehen sehen?
Mir geht es weniger um ein bestimmtes Thema, sondern um das geeignete Format. Ich würde gern mal einen großen Spielfilm mit einer nachhaltigen Botschaft sehen. Dazu hat es ja schon Ansätze gegeben, denken Sie an den Thriller über den Tsunami. Oder warum nicht ein Doku-Drama über Flüchtlingsschicksale oder gelungene Integration?
Der berühmte Film „Solino“, bei dem es um die Integration italienischer Gastarbeiter in den 60er und 70er Jahren geht, wäre dann auch ein Film über Nachhaltigkeit?
Ich glaube schon. Viele soziale Themen enthalten Aspekte der Nachhaltigkeit, auch wenn sie in Deutschland so nicht diskutiert werden, weil hier die Debatte stark von Umweltfragen besetzt ist. Es gibt gute und spannende Unterhaltungsfilme, die soziale Hintergründe und Zusammenhänge vermitteln. Sie tun das allerdings meist ohne das Etikett Nachhaltigkeit und oft auch gar nicht bewusst.
Welche Sendung hat derzeit im Fernsehen bereits den richtigen Ansatz?
Im fiktionalen Bereich fällt mir nichts Aktuelles ein. Es gibt aber Wissensmagazine wie Q21 oder politische Magazine wie Monitor, beide im WDR, die hintergründig berichten, die nachhaken und Zusammenhänge herstellen. Oder in RTL II gibt es die Sendung Welt der Wunder, wo ökologische und soziale Aspekte zum Thema gemacht werden.
Was macht Nachhaltigkeit fürs Fernsehen so unattraktiv?
Es ist kein bestimmtes, klar definiertes Thema und entzieht sich damit den Regeln der meisten Fernsehformate: Geschichten müssen aktuell, prägnant, ereignisreich, bildhaft sein. Man muss sie in kurzer Zeit erzählen können und schnell zur Sache kommen. All das tragen Nachhaltigkeitsthemen nicht unbedingt in sich. Damit tun sich dann die meisten Fernsehmacher sehr schwer.
Nachhaltigkeit ist ein langfristiges Prinzip. Fernsehen aber wird immer schneller und oberflächlicher. Wie passt das zusammen?
Es bleibt nichts übrig, als die Geschichten in den Regeln des jeweiligen TV-Formats zu erzählen. Denken Sie beispielsweise an eine Daily Soap mit wichtigen Leitfiguren. Eine solche Figur könnte sich durchaus mit ökologischen oder sozialen Zielen identifizieren. Wir haben im Fernsehen außerdem keine einheitliche Entwicklung. Es gibt viele Magazine und andere Programme, die perspektivenreich und hintergründig berichten. Eine Chance für nachhaltige Themen sehe ich auch in der medialen Arbeitsteilung: In der TV-Sendung wird die Geschichte emotional und bildhaft aufbereitet, wer mehr wissen will, findet dann im Internet tiefergehende Informationen.
Menschen schauen heute anders fern als früher – viel länger, aber eher beiläufig, als Nebenbeschäftigung, sie zappen hin und her. Schlechte Voraussetzung also für „schwere“ Themen, oder?
Das gilt für den Mainstream. Ich sehe aber auch Gegentrends. Beispielsweise das Interesse an Dokumentationen oder Wissensmagazinen oder auch an Unterhaltungsformaten wie der Sendung Dittsche, die in bestimmten Kreisen sehr beliebt ist und wo die Leute konzentriert hinsehen und zuhören.
Nachhaltigkeit also auch bei Big Brother?
Nein, das ginge sicher nicht. Aber wir hatten mal einen Journalisten-Workshop zu neuen Formen der Umweltberichterstattung. Dort haben wir Ideen für populäre Sendeformate entwickelt, etwa zum Thema alltägliche Überlebensstrategien. Dahinter steckt im Prinzip die gleiche Frage wie in der Sendung Dschungel Camp: Wie können sich Menschen durchschlagen, wenn sie einer bestimmten Situation ausgesetzt sind? Diesmal eben mit ganz anderen Regeln, Akteuren und Szenarios, nämlich auf ökologische und nachhaltige Art und Weise. Da ließe sich sicher was Spannendes draus machen.
Das Adolf Grimme Institut hat 2004 eine Umfrage zu Nachhaltigkeit im deutschen Fernsehen gemacht. Was hat Sie dabei überrascht?
Einerseits, dass viele Verantwortliche im Fernsehen das Leitbild der Nachhaltigkeit kaum kennen. Sie wussten damit wenig anzufangen. Die positive Überraschung war: Wenn man genauer hinkuckt, findet man die richtigen Prinzipen doch in vielen Programmen, nämlich, dass Hintergründe, Zusammenhänge und Wirkungen erläutert werden, dass man Missstände aufzeigt und auch nach Alternativen sucht.
Die Umfrage zeigte auch, dass es von persönlichen Einstellungen und beruflichem Kontext Einzelner abhängt, ob Nachhaltigkeit zum Programminhalt gemacht wird. Wie wollen Sie da einwirken?
Im Fernsehen hängt alles ganz stark ab vom Engagement einzelner Personen, das stimmt. In allen Bereichen gibt es Akteure, die offen sind und andere, die sich verschließen. Ich bin aber überzeugt, je wichtiger eine ökologisch und sozial verträgliche Entwicklung in der Gesellschaft wird, umso eher wird das Fernsehen das Thema nachhaltige Entwicklung aufgreifen. Zu Zeiten, in denen Umweltschutz ein großes Anliegen war, boomten Umweltsendungen. Heute gibt es fast auf allen Sendern Beiträge über Energieversorgung und hohe Ölpreise, in denen zumindest die richtigen Fragen gestellt werden: Warum brauchen wir überhaupt so viel Energie? Was gibt es für Alternativen zum Öl?
Derzeit explodiert die Anzahl der Wissens-Sendungen. Was unterscheidet diese Formate vom „Nachhaltigkeits-TV“?
Die meisten davon liefern nur kurze Informationshäppchen, die nicht in ihrem Zusammenhang und mit ihren Konsequenzen dargestellt werden. Zudem kann der Zuschauer viele Informationen mit seinem eigenen Alltag und seinen eigenen Erfahrungen nur schwer in Verbindung bringen.
Der Rat für Nachhaltige Entwicklung und das Adolf Grimme Institut thematisieren das Thema auf einer Konferenz am 1. Dezember, bei der auch zahlreiche TV-Sender vertreten sein werden. Was erwarten Sie - außer allgemeiner Zustimmung?
Wir erhoffen uns mehr Aufmerksamkeit für die Thematik. Und dass wir Programmverantwortliche und Programmgestalter sensibilisieren können. Es sollte zum Selbstverständnis vor allem der öffentlich-rechtlichen Sender gehören, die zukunftsverträgliche Entwicklung einer Gesellschaft im Blick zu haben. Auch die Auseinandersetzung mit den TV-Machern ist uns auf der Konferenz wichtig: Welche Hindernisse müssen überwunden werden, damit Nachhaltigkeit den Weg ins deutsche Fernsehen findet?
Wenn Sie zum Schluss mal in die Rolle eines Programmmachers schlüpfen: Wie sähe Ihre Nachhaltigkeits-Sendung aus?
Das wäre so etwas wie eine fiktionale Serie, die versucht, Nachhaltigkeitsaspekte nicht an die große Glocke zu hängen, also nicht jede Woche eine neue Natur- oder Umweltkatastrophe erfindet. Sondern die ganz Alltägliches zum Inhalt hat und dabei eher beiläufig auch Fragen einer verträglichen wirtschaftlichen Entwicklung thematisiert. Eine solche Serie sollte eine mediale Begleitung haben, beispielsweise durch Informationen im Internet oder eine regelmäßige TV-Diskussionsrunde auf einem hohen Level. Allerdings ist auch klar: Nachhaltigkeit im Fernsehen wird immer nur in der Annäherung gelingen. Denn es ist nun mal kein einfaches und kein klar definiertes Thema und zudem eines, das sich ständig verändert und weiterentwickelt.
Mit Friedrich Hagedorn sprach Christa Friedl

