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"Nachhaltige Entwicklung erfordert heute eine Agenda, die globale und nationale Ziele und Politiken explizit miteinander verschränkt und der globalen Kooperation einen deutlichen Schub gibt."

Dr. Imme Scholz, Mitglied des Rates

15.10.2003

Nachhaltiger Konsum - für immer in der Nische?

Wie war das doch früher einfach: Wenn Schornsteine zuviel Schadstoffe emittierten, Industrieabwässer Grundwasser und Boden verunreinigten oder die Abfallberge wuchsen, griff der Staat ein. Heute sind nicht mehr die Produktionsmethoden der Industrie Hürde für eine nachhaltige Entwicklung, sondern überwiegend der private Konsum. "Während wir die Probleme der Produktionsanlagen und die Entsorgung weitgehend im Griff haben, sind nun wir selbst als Konsumenten dran", betonte Rainer Baake, Staatssekretär im Bundesumweltministerium als Teilnehmer eines Forums auf dem Jahreskongress des Nachhaltigkeitsrates am 1. Oktober in Berlin.

Die Verantwortung des Verbrauchers sei in der öffentlichen Debatte besonders schwierig zu vermitteln. Bei Privatkonsumenten Veränderungen zu bewirken, sei anspruchsvoller, als eine Fabrik dazu zu bringen, ihre Produktionsprozesse umzustellen. Auch für Jürgen Maier vom Forum Umwelt und Entwicklung ist der private Konsum ein Schlüssel zu mehr Nachhaltigkeit. Allerdings werde unter den gegenwärtigen Bedingungen der nachhaltige Markt eine Nische bleiben. Diejenigen, die gezielt umweltverträgliche Produkte kaufen, werden in seinen Augen doppelt bestraft: "Erstens zahlen sie mehr für das Produkt selbst und zweitens zahlen sie über ihre Steuern die Subventionen, die an nicht nachhaltige Produktionen geleistet werden." Nachhaltiger Konsum funktioniere auf regionaler und nationaler Basis, leider nicht international. Die WTO verbiete es, Produkte wegen der Art und Weise, wie sie hergestellt werden, zu diskriminieren. Dass umwelt- und sozialverträglicher Konsum auch wirtschaftlich erfolgreich sein kann, beweist der "Nachhaltige Warenkorb", betonte Prof. Edda Müller, Ratsmitglied und Vorsitzende des Verbraucherzentrale Bundesverband. Der Rat zeige über den Warenkorb den Verbrauchern, was heute bereits möglich ist, um nachhaltig einzukaufen.

Über seine Kaufentscheidung übt der Verbraucher zudem Druck auf die produzierende Wirtschaft aus. Umwelt und Nachhaltigkeit prägen das Lebensgefühl der Menschen und der Kunde erwartet von der Industrie, dass sie diese Aspekte berücksichtigt, ist Dr. Johannes Merck vom Otto-Versandhandel überzeugt. Zumindest die Handelsbranche stelle sich dieser Verantwortung. Otto sei der größte Anbieter von Biobaumwolle in Deutschland. Außerdem habe der deutsche Einzelhandel im Rahmen des Außenhandelverbandes beschlossen, die weltweite Beschaffung so zu organisieren, dass alle beteiligten Unternehmen der Textilbranche die gleichen sozialen Mindeststandards bei ihren Lieferanten fordern und mit einem einheitlichen System kontrollieren und durchsetzen. Allerdings, so Merck, habe ein ökologisches Produkt mehr Chancen, wenn es nicht als solches gekennzeichnet wird. Waren mit Öko-Label gehören seiner Erfahrung nach zu den Verlierern: Öko-Produkten werden automatisch Qualitätseinbußen und überhöhte Preise zugeschrieben.