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"Nachhaltigkeit und Schöpfungsverantwortung sind für mich die tragfähigsten Säulen, auf denen sich eine zukunftsnahe Gesellschaft begründen ließe."

Hubert Weinzierl, Mitglied des Rates

11.10.2012

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Kernkraftwerke: Stress nach Stresstest

Die Europäische Kommission stellt Probleme bei der Sicherheit europäischer Kernkraftwerke fest. In den Medien hagelt es Schlagzeilen über unsichere Atommeiler. Einige nationale Atomaufsichtsbehörden kritisieren daraufhin die Darstellung der Ergebnisse und den Stresstest an sich.
 

Der Stresstest an Europas Atomkraftwerken hat nach Worten von EU-Energiekommissar Günther Oettinger „erhebliches Verbesserungspotenzial“ ergeben – auch wenn er das Sicherheitsniveau insgesamt als zufriedenstellend bezeichnete. Oettinger hatte als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe von Fukushima eine dreistufige Sicherheitsüberprüfung an insgesamt 145 Reaktoren veranlasst, von denen EU-weit noch 132 am Netz sind. Auch die Schweiz, die Ukraine und Kroatien nahmen an dem Test teil.

Der Fokus lag vor allem auf der Frage, ob die Kraftwerke unerwarteten, extremen Naturereignissen standhalten können und ob die Betreiber auf Katastrophen vorbereitet sind. Einige der Ergebnisse: Bei 54 Reaktoren ist das Risiko von Erdbeben zu gering kalkuliert worden. Normalerweise sollten AKWs mindestens dem stärksten Beben der letzten 10.000 Jahre standhalten können, teilweise wurde der Zeitraum jedoch deutlich kürzer angesetzt. Grundsätzlich gilt auch für Regionen, in denen keine oder nur sehr schwache Erdstöße zu erwarten sind, eine Mindeststärke, die Atomkraftwerke schadlos überstehen müssen. Diese Mindeststabilität unterschreiten sogar 65 Reaktoren. Dazu zählen auch die norddeutschen Meiler Brokdorf, Emsland und Grohnde, bei denen die EU-Kommission einen Mangel an Erdbebenwarnsystemen feststellte. Der niedersächsische Umweltminister Stefan Birkner (FDP) wies das zurück und sagte, entsprechende Warnsysteme seien vorhanden.

Bei 79 Reaktoren fehlen Leitlinien bei schweren Unfällen, 32 haben keine Filteranlagen, um radioaktiv verseuchte Luft zu reinigen, die im Notfall aus überhitzten Reaktoren abgelassen werden muss. Genau das war eine der Hauptursachen der radioaktiven Verschmutzung nach dem Unfall von Fukushima. Frankreich handelte sich Kritik ein, weil die Unfallausrüstung für fast alle Reaktoren im Fall von Erbeben oder Fluten aufgrund ungünstiger Lagerung unbrauchbar würde. Besonders gravierende Mängel stellte die EU-Kommission in dem finnischen Kraftwerk Olkiluoto und in dem Kraftwerk Forsmark in Schweden fest: Hier würden die Reaktoren bei einer Unterbrechung der Kühlung so schnell überhitzen, dass nur eine Stunde Zeit bliebe, um Abhilfe zu schaffen. Ähnlich ausgelegte Reaktoren führten in Fukushima zu einer schnellen Kernschmelze. Insgesamt könnten die Kosten für Nachrüstungen zehn bis 24 Milliarden Euro betragen, heißt es in dem EU-Bericht.

Kritik kam prompt von der französischen Atomaufsichtsbehörde ASN. Grundlage für den EU-Stresstest war ein Bericht vom April 2012, den nationale Atomaufsichtsbehörden mit ihrer Dachorganisation, der European Nuclear Safety Regulators Group (ENSREG) und mit der EU-Kommission erstellt hatten. Daraus entstand das Papier der Kommission. Darin habe die Kommission jedoch wichtige Empfehlungen des ursprünglichen ENSREG-Papieres ignoriert, etwa zu Szenarien, bei denen mehrere Unfälle gleichzeitig eintreten, so ein Sprecher der ASN. Zudem plane Frankreich eine Art schnelle Eingreiftruppe, um havarierte Kraftwerke retten zu können – dies habe die EU bei ihrer Kritik an den französischen AKW nicht berücksichtigt.

Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace sowie Grüne und Teile der SPD forderten einhellig, besonders gefährdete Reaktoren sofort abzuschalten. Die Umweltschutzorganisation BUND kritisierte, dass die Auswirkungen von Terrorangriffen nicht geprüft wurden. Der atompolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Marco Bülow, forderte einen erneuten Stresstest, Grünen-Chef Jürgen Trittin monierte, dass die Auswirkungen von Flugzeugabstürzen nicht untersucht worden seien. Die EU-Kommission wies das zurück – weil die Folgen etwa von Abstürzen mit denen extremer, natürlicher Ereignisse vergleichbar seien, welche wiederum getestet wurden. Unmittelbare Auswirkungen wird der Stresstest zunächst nicht haben. Die EU hat auf dem Gebiet der Atomaufsicht keine Befugnisse. Die Mitgliedsstaaten wollen bis Ende 2012 Zeitpläne erarbeiten, bis wann die Sicherheitsmängel beseitig werden sollen. Oettinger will zudem mehr Kompetenzen zur nuklearen Sicherheit nach Brüssel holen und dazu einen Rechtsrahmen erarbeiten. Auch beabsichtigt er, Betreiber von Atomkraftwerken stärker haftbar zu machen, wenn es zu Unfällen kommt. Im Juni 2014 soll es einen Bericht der EU-Kommission geben, ob die Empfehlungen des Stresstest umgesetzt worden sind.

Weiterführende Informationen

Mitteilung der EU-Kommission an den Rat und das Europäische Parlament
über die umfassenden Risiko- und Sicherheitsbewertungen („Stresstests“) von Kernkraftwerken in der Europäischen Union und damit verbundene Tätigkeiten
(PDF, 124 KB) 04.10.2012

ASN has reservations about the communication of the European Commission, French Nuclear Safety Authority (ASN), Press release, 05.10.2012

Peer review report: "Stress tests performed on European nuclear power plants" (PDF, 875 KB)
European Nuclear Safety Regulators Group (ENSREG), 25.04.2012

Nuclear Stress Tests - Flaws, blind spots and complacency (PDF, 1,46 MB)
Greenpeace, June 2012

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