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"Das Prinzip der Nachhaltigkeit ist die einzige Option für verantwortliches globales Handeln, die unsere Ökosysteme schützt und damit das Überleben künftiger Generationen sichert."

Olaf Tschimpke, stellvertretender Vorsitzender des Rates

28.09.2012

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Interview: "Junge Leute in den Nachhaltigkeitsrat"

Der Jugendforscher Simon Schnetzer (33) tourt zwei Monate lang mit Fahrrad und Fragebögen durch alle Bundesländer. Er untersucht zum zweiten Mal das „Leben und Erwachsenwerden in Deutschland“. Auf der Website www.jungedeutsche.de können alle 14- bis 34-jährigen Einwohner, unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft, den aktuellen Fragebogen online ausfüllen. Die bundesweite Servicestelle Jugendbeteiligung mit ihren 11 Regionalbüros veranstaltet das Projekt zusammen mit dem radelnden Jugendforscher. Im Interview erläutert Simon Schnetzer, was für junge Deutsche 2012 charakteristisch ist und wie er sich mehr Engagement und Beteiligung von ihnen erhofft.

 

Herr Schnetzer, es gibt bereits umfassende deutsche Jugendstudien. Was hat Sie zu einer eigenen Untersuchung motiviert?

Meine Wahrnehmung ist, dass das Erwachsenwerden heute, geprägt von Digitalisierung, Leistungsdruck, Beschleunigung und veränderten Geschlechterrollen in einem Korsett unzeitgemäßer Rahmenbedingungen abläuft. Wo es zwickt und was man verbessern kann, soll das Ergebnis dieser Studie und der anschließenden Beteiligungsdialoge sein. Das Erwachsenwerden verschiebt sich - Ende der Ausbildung, finanzielle Unabhängigkeit, eigene Kinder - diese Themen erstrecken sich längst bis über den 30. Geburtstag hinaus. Deswegen haben wir den Altersfokus „Jugend“ auf 14-34-Jährige erweitert. Außerdem wurden hunderte Erfahrungen und Sichtweisen über öffentliche Beteiligungsprozesse bereits in die Fragebogenentwicklung einbezogen. „Junge Deutsche“ versteht sich auch als Beteiligungsprojekt, durch das junge Menschen sich politisch einbringen können, ohne gleich in eine Partei eintreten zu müssen. Das ist heute wichtiger denn je, denn Parteien finden sie ganz schön uncool.

Sie wollen das Leben der jungen Deutschen erforschen - warum geht das besser auf dem Fahrrad und in fremden Wohnzimmern?

Man kann sich nicht im Allgäu hinterm Computer verstecken und verstehen wollen, wie junge Menschen ticken. Mit dem Fahrrad kann ich mich den verschiedenen Lebenswelten junger Menschen annähern. Außerdem macht mir Radfahren Spaß und verursacht keinen CO2-Ausstoß. Da ich mir im Internet auf www.couchsurfing.org Schlafplätze suche, bin ich außerdem jede Nacht bei anderen jungen Menschen zuhause. Wir essen zu Abend, die füllen den Fragebogen aus, und anschließend diskutieren wir über alles Mögliche – da bekommt man echt tiefe Einblicke. Das ist ganz etwas anderes, als wenn man übers Telefon Interviews führt.    

Ihre Studie ist nicht repräsentativ. Worin liegt ihre Aussagekraft?

Unsere Studie wird dafür geschätzt, dass wir die Zahlen mit Geschichten aus dem Alltagsleben unterfüttern können. Wenn zum Beispiel immer wieder im Fragebogen die Einschätzung bejaht wird, „Zerfall der Familie – halte ich für prägend“, kann ich das aus den vielen Gesprächen mit jungen Leuten belegen. Wenn ein 18-jähriges Mädchen erklärt: „Ich bin in der Schule von lauter Scheidungskindern umgeben. Es geht in der Schule oft mehr um die Familiendramen als um den Unterrichtsstoff.“  Oder wenn der über 30-jährige Ahmed sagt:  „Ich bin in einem Mehrgenerationenhaus aufgewachsen. Weil jetzt jeder jobmäßig woanders wohnt, werde ich niemals mit meinen Kindern und Enkelkindern in einem Haus leben.“  

Was zeichnet die junge Generation von heute vor allem aus?

Typisch für unsere Generation sind die unsicheren Zukunftsperspektiven. Den Älteren von uns ist bewusst, dass die Wirtschaft im Umbruch ist, dass die Beschäftigungsverhältnisse kürzer und prekärer werden, dass immer schlechter bezahlt wird. Mit der Auswirkung, dass die Familien- und Lebensplanung immer weiter auf die längere Bank geschoben wird, weil man nicht sicher sagen kann, ob man in einem halben Jahr noch einen Job hat oder woanders hinziehen muss. Natürlich sind nicht alle davon betroffen. Aber die meisten jüngeren Menschen haben das Gefühl, es geht bergab. Nur die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ersten Studie (53 Prozent) geht für die eigene Zukunft von der positiven Annahme aus: „Ich habe mindestens den Lebensstandard meiner Eltern“. 

Was an Ihrer ersten Studie auffällt: Die Mehrheit der über 600 teilnehmenden jungen Leute wählte als größte Herausforderung Deutschlands mit Abstand das Bildungssystem (46%), gefolgt vom Rentensystem (32%).

Junge Menschen hören früh, dass sie eine private Rentenvorsorge benötigen, weil sie sich nicht mehr auf die staatliche Rente verlassen können. Gleichzeitig bezahlen sie einen erheblichen Teil ihres Einkommens in die staatliche Rentenvorsorge. Das geht unmittelbar an den Geldbeutel, ist aber den Älteren, schon arbeitenden natürlich stärker bewusst als den Jüngeren. Ich selbst war auch über die Ergebnisse und den hohen Bewusstseinsstand der jungen Befragten überrascht. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass Themen wie Staatsschulden oder Renten die jungen Leute nicht emotional berühren, oder besser noch nicht. Denn was passiert, wenn die öffentlichen Finanzen kollabieren, das bekommt kann man ja täglich in den Nachrichten mit.

Sie haben mit einer nationalen Studie angefangen. Warum initiieren sie mit der neuen Studie auf lokaler Ebene sogenannte „Stadtstudien“?

Wir möchten engagierten jungen Leuten helfen, sich für konkrete Verbesserungen ihrer Lebenswelt an ihrem Wohnort einzusetzen. Junge Leute sind selbst die „Experten“ für ihre Situation. In den Stadtstudien können sie aus der Sicht junger Menschen herausfinden, was nicht passt, was sie ändern wollen und sich dann im Dialog mit lokalen Entscheidungsträgern für Veränderungen einsetzen. Es fördert die demokratische Teilhabe, wenn Jugendliche die konkreten Auswirkungen ihres Engagements erleben. Deutschlandweit laden wir junge Leute zu einem nationalen Symposium ein, sie können Erfahrungen aus Stadtstudien austauschen und gemeinsame Aktivitäten planen.

Sie empfahlen in der ersten Studie, Beteiligungsformen in der Politik zu verbessern – „durch das Konzept vom digitalen Abgeordneten“. Was heißt das?

Der digitale Abgeordnete ist eine Idee von mir. Auf nationaler Ebene, beim Bundestag mit seinen 620 Parlamentariern bedeutet dies, dass ein Prozent aller Abgeordneten, also sechs Parlamentarier durch einen „digitalen Abgeordneten“ ersetzt werden. Die sechs Stimmen des „digitalen Abgeordneten“ werden durch eine Direktwahl eingeholt, an der sich sämtliche Bürgerinnen und Bürger Deutschlands beteiligen können, das könnte z.B. eine Abstimmung per Internet sein, oder per Telefon, wie bei Unterhaltungssendungen. Dadurch sind die Politiker bei Bundestagsabstimmungen mit einer aktuellen Stimmung aus der Bevölkerung konfrontiert. Das Konzept ist nicht perfekt, aber wir müssen demokratische Beteiligung weiterentwickeln.

Sie fordern, auch junge Menschen in den Rat für Nachhaltige Entwicklung zu berufen. Was versprechen Sie sich davon?

Gerade bei der Nachhaltigkeit geht es definitionsgemäß um die Interessen junger und künftiger Generationen. Woher aber nimmt der Nachhaltigkeitsrat die Legitimation, für junge und künftige Generationen zu sprechen? Der Rat kommt ohne die Expertise Junger nicht aus, schließlich sind wir Jungen die langfristig Betroffenen der heutigen Weichenstellungen. Hinzu kommt: Damit die jungen und künftigen Generationen politische Entscheidungen tragen, müssen sie an ihrer Entstehung ernsthaft beteiligt werden. Junge Vertreterinnen und Vertreter im Nachhaltigkeitsrat sowie die Beteiligung an dem Projekt „Junge Deutsche“ sind ein Beitrag für ernstgemeinte gesellschaftliche Nachhaltigkeit in Deutschland.    

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