23.01.2012
AUS DEM RAT FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG
Mikrofinanzangebot in Deutschland verzeichnet steiles Wachstum
Der Aufbau des Mikrofinanzgeschäfts in Deutschland schreitet deutlich schneller voran als erwartet: Seit Januar 2010 wurden im Rahmen des von der Bundesregierung aufgelegten Mikrokreditfonds Deutschland mehr als 6.600 Kredite mit einem Gesamtvolumen von fast 40 Millionen Euro an Kleinstunternehmer und Existenzgründer vergeben. Damit wurden die Planzahlen um mehr als das Doppelte übertroffen. Das teilte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), das den Fonds vor zwei Jahren gemeinsam mit dem Bundesministerium für Wirtschaft aufgelegt hat, Anfang Januar mit. Treibende Kraft beim Aufbau des Mikrofinanzangebots in Deutschland ist der Bochumer Banker Falk Zientz, der für sein Engagement vom Rat für Nachhaltige Entwicklung als Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit 2010 ausgezeichnet wurde. Auch er zieht eine „überaus positive Bilanz“. Die Nachhaltigkeit profitiere vom boomenden Mikrofinanzgeschäft.
„Der Fonds hilft Menschen, die, obwohl sie unternehmerisch aktiv sind, unter prekären Bedingungen leben“, sagt der Leiter der Abteilung „Mikrofinanz“ bei der sozial-ökologisch orientierten Genossenschaftsbank GLS. Sie könnten beim Mikrokreditfonds Kleinkredite erhalten, um dieser Situation mit ihrem Betrieb zu entwachsen. Typische Mikrokreditnehmer sind Dienstleister, Einzelhändler, Gastronomen oder Handwerker, die ein Geschäft starten oder einen großen Auftrag vorfinanzieren wollen, über konventionelle Banken aber kein Kapital erhalten. „Für Banken rentiert sich dieses Geschäft nicht“, so Zientz. Der Mikrokreditfonds schließe diese Finanzierungslücke.
Der Fonds bietet Investitionskredite von bis zu 20.000 Euro an, bei einer Laufzeit von maximal drei Jahren. Eine Kredituntergrenze besteht nicht. Beantragt werden können die Darlehen bei örtlichen Mikrofinanzinstituten (MFI), von denen es bundesweit 45 gibt. Vor zwei Jahren waren es noch zehn. Die MFI beraten und begleiten die Kreditnehmer bei der Finanzierung und dem Ausbau ihres Geschäfts und haften für Kreditausfälle. Bankübliche Sicherheiten müssen potenzielle Kreditnehmer nicht zwingend hinterlegen. „Oft sind aber Referenzen oder kleine Bürgschaften aus dem persönlichen und geschäftlichen Umfeld Voraussetzung“, so Zientz. Die MFI prüften in den Beratungsgesprächen vor allem, ob der Unternehmer motiviert und in der Lage ist, den Betrag zurückzuzahlen. Die Kreditausfallquote liegt laut Zientz „stabil unter fünf Prozent“. Das sei ein guter Wert.
Die Kredite werden nach Prüfung durch die MFI von der GLS Bank vergeben. Das BMAS hatte sie Anfang 2010 damit und mit dem flächendeckenden Ausbau des Mikrokreditangebots in Deutschland beauftragt. Um die Kreditrisiken gegenüber der GLS Bank abzusichern, stellen das Ministerium und der Europäische Sozialfonds (ESF) bis 2015 100 Millionen Euro für den Mikrokreditfonds Deutschland zur Verfügung. Insgesamt sollen 25.000 Kredite vergeben werden. Von den bisherigen Kreditnehmern haben laut Bundesministeriums für Arbeit und Soziales 41 Prozent einen Migrationshintergrund. Ein Drittel der Kreditnehmer sind Frauen.
Zientz hat beobachtet, dass viele Kreditnehmer „grüne“ Geschäftsmodelle verfolgen. „Die Nachhaltigkeitsbranche ist eine Wachstumsbranche mit einer gewissen Affinität zu Mikrokrediten“ sagt er. Um in dieser und anderen Branchen für das Mikrofinanzangebot zu werben, haben die GLS Bank, die Bundesregierung und der ESF Anfang des Jahres die Kampagne Mein Mikrokredit. Ich mach was draus! gestartet. Eine Kampagnen-Website dokumentiert Fallbeispiele von Mikrokreditnehmern. Interessenten finden dort außerdem Informationen zu Mikrokrediten und Ansprechpartner bei örtlichen Mikrofinanzinstituten.
Weiterführende Informationen
Mikrofinanzangebot von GLS Bank und Bundesregierung übertrifft Erwartungen. Pressemitteilung der GLS Bank, 13.01.2012.
Guten Geschäftsideen auf die Sprünge helfen. Pressemitteilung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, 03.01.2012.
Mein Mikrokredit. Ich mach was draus! Website der Kampagne.
Falk Zientz wird „Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit 2010“. Pressemitteilung des Rates für Nachhaltige Entwicklung, 18.11.2010.
Meldungen zum Thema
„Mikrokredite sind kein Allheilmittel gegen Armut“ – Interview mit dem Banker Falk Zientz, Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit 2010. News Nachhaltigkeit, 08.12.2010.
Nachhaltigkeitsrat würdigt Wegbereiter der Mikrofinanzierung in Deutschland. News Nachhaltigkeit, 23.11.2010.
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