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"Das Prinzip der Nachhaltigkeit ist die einzige Option für verantwortliches globales Handeln, die unsere Ökosysteme schützt und damit das Überleben künftiger Generationen sichert."

Olaf Tschimpke, stellvertretender Vorsitzender des Rates

08.12.2011

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„Das Thema Lebensmittelverschwendung hat die Politik verschlafen“ – Interview mit Sabine Werth, Gründerin der „Berliner Tafel“

In Deutschland landen jedes Jahr geschätzte 20 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll, europaweit soll laut Europäischem Parlament sogar fast die Hälfte der Nahrung weggeworfen werden. Die Politik will dagegen jetzt was tun: Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner will in Kürze Wege aus der Wegwerf-Gesellschaft aufzeigen, die EU-Parlamentarier das Jahr 2013 zum Jahr gegen Nahrungsmittelverschwendung erklären und die Wegwerf-Quote bis 2025 halbieren. Der sinnvollen Weiterverwendung nicht mehr verkaufbarer, aber genießbarer Lebensmittel hat sich in Deutschland die Tafel-Bewegung verschrieben, die vor 18 Jahren in Berlin ihren Ausgang nahm und seitdem nicht mehr verkaufbare Lebensmittel einsammelt und an soziale Einrichtungen und Bedürftige in der Bevölkerung verteilt. Gründerin und Vorsitzende der Berliner Tafel ist die Unternehmerin Sabine Werth. Was sie von den neuen politischen Initiativen hält und was sie tun würde, um der Verschwendung Einhalt zu gebieten, erklärt sie im Interview.

Frau Werth, können Sie uns einen kurzen Überblick geben über die Menge Lebensmittel, die die Berliner Tafel einsammelt und weitergibt?

Wir sammeln monatlich rund 1.000 Tonnen Lebensmittel, verteilen davon 660 Tonnen weiter. Ein Drittel eignet sich nicht mehr zum Verzehr. Wir sortieren die Ware und geben sie über soziale und kirchliche Einrichtungen an Bedürftige weiter – als Ergänzung für ihre Speisekammer, nicht zur Grundversorgung. Die bleibt Aufgabe des Staates.

Was passiert mit den Lebensmitteln, die bei Ihnen übrig bleiben?

Im Moment wandern sie in den Müll. Die Entsorgung kostet uns 40.000 bis 50.000 Euro im Jahr. Über Kleinspenden und Mitgliedsbeiträge, über die wir uns tragen, ist das kaum zu finanzieren. Deswegen wollen wir jetzt eine Biogasvergärungsanlage bauen. Mit dem gewonnenen Biogas wollen wir unsere Lieferfahrzeuge betanken, das spart Geld und ist eine sinnvollere Weiterverwendung als sie wegzuwerfen. Der Bau wird ein Kraftakt, aber die Anlage würde unsere Arbeit optimal ergänzen. Ein Kreislauf würde sich schließen. 

Wie kommt es, dass wir so verschwenderisch mit unserem Essen umgehen?

Dahinter steht in erster Linie ein falsches Verständnis des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) auf Lebensmittelverpackungen. Die meisten Menschen halten das MHD für ein Verfallsdatum. Das ist es nicht. Seine Festlegung folgt auch keinen Standards. Das macht jeder Hersteller nach eigenem Gutdünken. Nur die Verbraucher wissen das nicht, sehen das Datum und denken irrtümlich, Lebensmittel sind nach dessen Ablauf ungenießbar.

Tragen Super-Size-Angebote und die relativ niedrigen Lebensmittelpreise in Deutschland zur Verschwendung bei?

Dass viele Lebensmittel in Riesengebinden verkauft werden, ist ein Problem: acht Orangen zum Schnäppchenpreis – da greifen die meisten Verbraucher zu, kriegen sie aber nicht rechtzeitig verzehrt. Ob die Preise für Lebensmittel in Deutschland die Verschwendung anheizen, weiß ich nicht. In Ländern mit höherem Preisniveau landet auch viel im Müll. Und ärmere Menschen müssen schon den Großteil ihres Geldes für Essen aufwenden. Steigende Preise gingen zu ihren Lasten.

Das Europäische Parlament will die Lebensmittelverschwendung bis zum Jahr 2025 halbieren. Ist das machbar?

Wenn Handel, Produzenten und Verbraucher mitziehen, wäre das denkbar – wenn der Handel das Mindesthaltbarkeitsdatum anpasst, die Produzenten nicht mehr so viel auf Halde produzieren und die Verbraucher nicht mehr so überkritisch einkaufen. Einen Apfel mit einer kleinen Delle oder eine etwas braune Banane nimmt heute niemand mehr. 

Hat die Politik das Thema verschlafen?


Auf jeden Fall. Die Berliner Tafel gibt es jetzt bald 19 Jahre. Seitdem legen wir den Finger in die Wunde. Darauf wurde lange nicht reagiert. Vermutlich wollte sich die Politik nicht mit dem Handel anlegen. Der hat eine starke Lobby in Deutschland.

Ständen Sie in politischer Verantwortung – was würden Sie tun?

Als Erstes würde ich eine große Kampagne auflegen: die Verbraucher über die Folgen ihres Konsumverhaltens aufklären – dass dies in unfassbarer Verschwendung mündet. Wenn darauf hin nicht mehr so viele Lebensmittel im Supermarkt liegen blieben, wäre das eine neue, bessere Situation, auf die der Handel reagieren müsste. Und die Politik sollte sich ans Mindesthaltbarkeitsdatum wagen: aus dem MHD ein „Verbrauchen-bis-Datum“ machen und das mit einer massiven Aufklärungskampagne begleiten.

Können Kampagnen den Kurs korrigieren?

Verbraucher brauchen mehr Informationen. Kinder wissen heute kaum noch was über gesunde Ernährung, erst recht nichts von der Bedeutung des MHD. Auch viele Erwachsene müssen den Bezug zu Lebensmitteln und deren Wert neu erlernen können. Sonst bleibt die Wertschätzung für Lebensmittel gering.

Was kann der Einzelne gegen Verschwendung unternehmen?

Wieder mehr den eigenen Sinnen vertrauen, sich auf Nase, Augen, Geschmackssinn verlassen, Qualität unabhängig vom Mindesthaltbarkeitsdatum einschätzen lernen. Planen ist auch wichtig. Zu gucken, was brauche ich in der nächsten Woche wirklich und den Einkauf danach ausrichten. Wir müssen den Handel dazu bringen, nicht mehr alle Produkte zu jeder Zeit anzubieten. Es kann nicht sein, dass ein Bäcker abends noch 20.000 Einzelteilchen übrig hat, nur weil er meint, alles bis zum Ladenschluss für uns vorhalten zu müssen. Da müssen auch wir Verbraucher Abstriche in Kauf nehmen.

Weiterführende Informationen

Website der Berliner Tafel.

Urgent call to reduce food waste in the EU. Pressemitteilung des Europäischen Parlaments, 23.11.2011.

Weniger Lebensmittel in den Müll: Strategien gegen die tägliche Verschwendung. Pressemitteilung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, 10.05.2011.

Jedes Mahl wertvoll: unsere Lebensmittel. Verbraucherinformationen des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

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