14.11.2011
„Soziales Unternehmertum ist in Deutschland möglich“ – Interview mit der Mode-Unternehmerin Sina Trinkwalder, Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit
Die Augsburger Mode-Unternehmerin Sina Trinkwalder wurde am 4. November vom Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) als „Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit 2011“ ausgezeichnet. Hans-Peter Repnik, Vorsitzender des RNE, überreichte ihr die Auszeichnung während der Gala des Deutschen Nachhaltigkeitspreises in Düsseldorf. Der RNE würdigt damit Trinkwalders unternehmerisches Engagement für Nachhaltigkeit. Die Sozialunternehmerin entwickelt, produziert und vertreibt seit April 2010 mit ihrer Firma manomama Textilien und Accessoires, die ökologisch unbedenklich und komplett kompostierbar sind, gliedert ältere oder schlecht auf dem Arbeitsmarkt vermittelbare Menschen in ihren Betrieb ein und zahlt ihnen Löhne, die über dem Branchendurchschnitt liegen. Mit ihrem wertebasierten Konzept hat die Unternehmerin Erfolg: Ihr Betrieb steht an der Gewinnschwelle. Der Umzug in eine erheblich größere Produktionsstätte steht bevor. Weswegen sie aus der Werbe- in die Modebranche gewechselt ist, warum sie ihre Beschäftigten besser entlohnt als branchenüblich und welchen Wunsch sie an die deutsche Politik hat, verrät Trinkwalder im Interview.
Frau Trinkwalder, was hat Sie veranlasst, öko-faire Mode zu machen und ein Social Business zu gründen?
Vor manomama habe ich 13 Jahre in der Werbebranche gearbeitet. Darauf hatte ich keine Lust mehr. Viele Praktiken in dem Geschäft erschienen mir falsch. Und mir wurde immer klarer, dass unsere Gesellschaft zunehmend achtlos mit Menschen umgeht, ihnen Beschäftigung versagt, wenn sie nicht funktionieren oder die Umstände widrig sind. Augsburg war lange Textilhochburg, bis die Betriebe in Billiglohnländer abwanderten. Deswegen gibt es hier viele Arbeitslose. 30- bis 40-Jährige, die ihr Berufsleben noch vor sich haben, aber keine Perspektive. Die wollte ich ihnen geben. Ich weiß, dass das sozialromantisch klingt. Ist es auch. Aber wir wollten zeigen, dass das geht. Und nach anderthalb Jahren wissen wir, dass Social Business in Deutschland möglich ist.
Social Business – heißt das, Gewinne spielen keine Rolle?
Doch, spielen sie. Wir müssen eine schwarze Null schreiben, sonst wären wir kein Unternehmen, sondern eine soziale Einrichtung. Lohn-, Material- und Vertriebskosten müssen wir erwirtschaften. Aber manomama muss keine Anteilseigner befriedigen. Wir müssen nur den Bedürfnissen unserer Geschäftsidee nachkommen.
Geht das eigentlich leicht: kompostierbare Öko-Kleidung herstellen?
Das ist sehr aufwändig. Bei Textilien aus ökologisch produzierten Stoffen muss nur der Stoff biologisch hergestellt worden sein. Nähfaden, Knöpfe, Etiketten und anderes nicht. Wir wollen vollkompostierbare Kleidung verkaufen. Und weil für viele konventionelle Bestandteile von Hosen oder Blusen biologische Substitute fehlen, entwickeln wir die mit der Hochschule Reutlingen selbst. Unsere Schulterpolster sind zum Beispiel aus bayerischem Hanf, unsere Knöpfe aus Lignin, ein Abfallprodukt aus der Holzproduktion.
Ihre Beschäftigten produzieren je ein Werkstück von Anfang bis Ende. Geht das nicht effizienter und preiswerter?
Bestimmt. Aber es ist für unsere Leute ein Riesenunterschied, ob sie immer das gleiche machen, oder ein Werkstück komplett fertigen können. Sie müssen das auch nicht. Wichtig ist, dass sie sich wohlfühlen. Dann sind sie gut. Sind sie gut, stimmt die Qualität.
Die von Ihnen gezahlten Löhne liegen über dem Branchendurchschnitt. Warum?
Weil Löhne Wertschätzung ausdrücken – und Handwerk in den letzten 20 Jahren immens an Wertigkeit im Sinne der Bezahlung verloren hat. Von einem Stundenlohn von fünf Euro kann niemand leben. Erst wenn ich Mitarbeitern Kaufkraft gebe, können sie kaufen. Leisten können wir uns das, weil wir keinen Teilhaberinteressen, keinen überzogenen Gewinnerwartungen genügen müssen. Wir können Überschüsse in Löhne stecken.
Kennt Ihr Geschäftsmodell keine finanziellen Belastungsgrenzen?
Doch, sicher. Wir beschäftigen Menschen, die im ersten Arbeitsmarkt ausgebrannt oder komplett rausgefallen sind. Die bilden wir fort. Manche von ihnen können aber nur einen Bruchteil dessen leisten, was in unserem Betrieb Durchschnitt ist. Da komme ich an Grenzen. Ihnen kann ich keinen Stundenlohn von zehn Euro oder mehr zahlen. Das erkläre ich aber. Und ich suche nach Lösungen, um sie trotzdem beschäftigen zu können.
Ihr Geschäft baut auf Ihrer Glaubwürdigkeit auf. Wie wollen Sie verhindern, dass die Schaden nimmt?
Die kann nicht Schaden nehmen, weil sie auf Ehrlichkeit gründet. Wenn wir was nicht hinkriegen, vertuschen wir das nicht. Wenn uns Lösungen fehlen, sagen wir das. Unsere Kalkulationen legen wir komplett offen.
Zusammen mit dem Trendforscher Eike Wenzel haben Sie ein Manifest gegen Nachhaltigkeit veröffentlicht. Was bezwecken Sie damit?
In dem Manifest kritisieren wir die fehlende Ehrlichkeit in Sachen Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit wird immer mehr als Geschäftsmodell gesehen. Es ist gut, wenn der Begriff in die Vorstandsetagen einzieht. Aber nicht, wenn er zum „Grünwaschen“ eines Produktes oder einer Firma genutzt wird oder zum Erzielen höherer Gewinnmargen. Wer mit Nachhaltigkeit nur mehr Geld machen will, ist auf dem falschen Weg. Richtig wäre zu fragen: Wie kann ich soziale, ökologische Missstände beseitigen, mit welchen Prozessen? Unternehmen, die darauf nachhaltige Antworten finden, werden langfristig Erfolg haben.
Langfristig sind wir alle tot.
Den Unternehmer zeichnet aus, dass er langfristig denkt. Einen Manager zeichnet aus, dass er kurzfristig denkt. Ich bin Unternehmerin.
Was könnte die Politik tun, um Sozialunternehmen zu unterstützen?
Im Moment habe ich nicht den Eindruck, dass sie das will. „Normale“ Unternehmen bekommen Fördergelder. Wir nicht, weil wir in keine Schublade passen. Mit finanzieller Förderung würden wir schneller, sicherer, stabiler unser Ziel erreichen, Jobs zu schaffen. Die Politik fördert aber lieber „Maßnahmen“ der Arbeitsagentur zur beruflichen Wiedereingliederung, mit eher dürftigem Erfolg, denke ich. Einen Job haben die meisten Teilnehmer anschließend nicht. Das belastet nicht nur die Sozialkassen, sondern auch die Betroffenen, nagt an ihrem Selbstwertgefühl. Diese Menschen müssen sich beweisen können, in Unternehmen, nicht in „Maßnahmen“. Diese Gelegenheit sollte ihnen die Politik eröffnen. Dass diese Menschen was leisten und man mit ihnen ein erfolgreiches Unternehmen aufbauen können, haben wir bewiesen.
Weiterführende Informationen
Sina Trinkwalder wird „Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit 2011“. Pressemitteilung des Rates für Nachhaltige Entwicklung, 27.10.2011.
Website der manomama GmbH, Augsburg.
Website zum Deutschen Nachhaltigkeitspreis und Deutschen Nachhaltigkeitstag 2011.
Manifest gegen Nachhaltigkeit von Sina Trinkwalder und Eike Wenzel, veröffentlicht in der Tageszeitung „taz“, 04.11.2011.
Meldungen zum Thema
RNE kürt Sina Trinkwalder zum „Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit 2011“. News Nachhaltigkeit, 07.11.2011.
„Mikrokredite sind kein Allheilmittel gegen Armut“ – Interview mit dem Banker Falk Zientz, Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit 2010. News Nachhaltigkeit, 08.12.2010.
Sozialunternehmer Hiß: „Nachhaltigkeit heißt einfach Handeln“. News Nachhaltigkeit, 11.11.2009.
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