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"Unsere Gesellschaft muss viel stärker über die Wertorientierung unserer Lebensstile und über den Wert öffentlicher Dinge reden."

Dr. Hans Geisler, Mitglied des Rates

15.11.2011

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Nahrungsmittelspekulation: Experten über Ausmaß und Gegenmittel uneins

Die Welthungerhilfe hat Mitte November vor „schwerwiegenden Folgen“ von Termingeschäften mit Nahrungsmitteln gewarnt. Banken und Vermögensverwalter, so die Bonner Organisation, hätten in den letzten Jahren den Handel mit Nahrungsmitteln als gewinnträchtiges Geschäft entdeckt. Die Lebensmittelpreise seien dadurch auf neue Rekordhöhen geklettert – was Millionen Menschen in armen Ländern in den Hunger treibe. Während der Agrarökonom Harald von Witzke von der Berliner Humboldt-Universität behauptet, hinter der Verteuerung steckten keine Spekulationen, mahnt die Nichtregierungsorganisation schärfere Regeln gegen Nahrungsmittelspekulationen an. Darauf drängt auch Olivier de Schutter, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung. Ende Oktober forderte er im Vorfeld des Gipfeltreffens der G20-Staaten, diese müssten den Einfluss großer Finanzinvestoren auf Nahrungsmittelmärkten beschränken, um weitere unnötige Preissteigerungen zu vermeiden. Von Witzke meint, dass das die globale Hungerkrise nicht lösen wird.

Von Witzke lehrt in Berlin Internationalen Agrarhandel und Entwicklung. Er hat jüngst die Preisentwicklung auf den globalen Nahrungsmittelmärkten analysiert und festgestellt, dass Weizen oder Mais zwischen Januar 2007 und Juni 2008 deutlich teurer geworden sind. Bei Weizen verzeichnet der Forscher ein Plus von 78 Prozent. „Die Teuerung ist aber kein Ergebnis von Spekulationen“, sagt er. Zurückzuführen sei sie zuvorderst auf den steigenden Ölpreis, der auf die energieintensive Landwirtschaft durchgeschlagen und zugleich den Transport von Nahrungsmitteln verteuert habe. Exportbeschränkungen von Ländern wie Russland oder der Ukraine hätten das Angebot zusätzlich verknappt. „Das Nahrungsmittelangebot kann mit der global steigenden Nachfrage nicht Schritt halten“.

Laut von Witzke stiegen die Nahrungsmittelpreise auf den globalen Warenterminbörsen ebenfalls. Diese Entwicklung schlüge aber kaum auf die realen Märkte durch. Auf Terminbörsen sichern Landwirte und Händler Investitionen durch Geschäfte ab, die in der Zukunft abgewickelt, aber zuvor abgeschlossen werden. Diese Wetten, sagt Andrea Sonntag von der Welthungerhilfe, seien „an sich nicht verwerflich“. Händler und Landwirte könnten so ihre Risiken mindern. In den letzten zehn Jahren seien aber immer mehr Hedgefonds oder Vermögensverwalter auf diese Märkte gedrängt, befeuert durch das knapper gewordene Angebot an Nahrungsmitteln. Und das, meint die Expertin für Finanzmärkte, sei nicht gut: „Sie üben eine stetige Nachfrage auf Agrarrohstoffmärkten aus, verstärken den Preistrend und sind für extreme Preisblasen verantwortlich.“

Wie sehr, hat die Welthungerhilfe vom Bremer Volkswirt Hans-Heinrich Bass untersuchen lassen. Bass leitet das „Institute for Transport and Development“ an der dortigen Hochschule. In seiner Studie kam er zu dem Ergebnis, dass spekulative Einflüsse für bis zu 20 Prozent der beobachteten Preissteigerungen während der Preisblasen der Jahre 2008 und 2010/11 verantwortlich gewesen seien. Wichtiger sei noch der beständige Preisdruck durch Finanzmarktanleger auf Rohstoffterminmärkten. Auch Börsenhändler, sagt er, bestätigten, dass es einen relevanten Einfluss des Terminmarktes auf die realen Märkte gebe, über sogenannte Risikotauschgeschäfte (Swaps) und Arbitragegeschäfte.

Bass und von Witzke haben deswegen ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was gegen steigende Nahrungsmittelpreise getan werden könnte. Von Witzke hält nichts von gesetzlichen Vorgaben gegen Spekulationen, weil Spekulationen das Preisniveau nur minimal beeinflussten. Sinnvoller fände er „Investitionen in die sträflich vernachlässigte Agrarforschung“, um die Produktivität in der Landwirtschaft zu steigern. Alle bisherigen Versuche der Politik, Nahrungsmittelpreise zu stabilisieren – etwa durch Fonds, die Überschüsse kaufen und bei steigenden Preisen verkaufen – seien „grandios gescheitert“.

Bass hält ebenfalls nichts von einer solchen „physischen Interventionsreserve“. Dass der Markt angesichts der „massiven Präsenz der Finanzmarktanleger“ zu einem optimalen Ergebnis kommt, glaubt er indes auch nicht. Er plädiert für einen Instrumentenmix, um Spekulationen zu erschweren: eine Finanztransaktionssteuer, strengere Kontrollen branchenfremder Akteure bis hin zur verpflichtenden Offenlegung ihrer Handelsmotive und eine mengenmäßige Beschränkung ihrer Positionen. Sinnvoll sei auch das Verbot von Finanzmarktprodukten, die Wetten auf Rohstoffe anbieten, aber keinen erkennbaren Absicherungseffekt für Landwirte und Agrarrohstoffhändler zeitigen.

Das unterstützt Andrea Sonntag von der Welthungerhilfe. Sie sagt, die Politik müsse „exzessives Spekulieren mit Agrarrohstoffen ausbremsen“. Freiwillig würden Banken, Versicherungen oder Vermögensverwalter auf das Geschäft nicht verzichten. Dazu sei es zu gewinnträchtig. Die Bundesregierung solle sich deswegen in der Europäischen Union für schärfere Regeln gegen Spekulationen einsetzen, die EU den Schulterschluss mit den USA suchen. „Dort werden die größten Mengen Agrarrohstoffe gehandelt.“

Auch Bass sagt, nationale Alleingänge sprängen zu kurz: „Ohne globale Regeln bleiben zu viele Schlupflöcher.“ Wegen widerstreitender Interessen seien solche globalen Regeln allerdings schwer durchsetzbar. Aber einige habe die für Terminmärkte zuständige US-amerikanische Aufsichtsbehörde schon durchgesetzt, über andere verhandle sie gerade mit Marktteilnehmern. Seiner Einschätzung nach schwingt das Pendel derzeit in Richtung schärfere Regeln: In Politik und Wissenschaft gehe die Zahl derer zurück, die steigenden Nahrungsmittelpreisen einzig die Selbstregulierungskraft des Marktes entgegensetzen wollten. Bass: „Die Marktskeptiker sind in dieser Frage erstmals in der Mehrheit.“

Weiterführende Informationen

Nahrungsmittelspekulation: Welthungerhilfe fordert Regulierung des Handels. Pressemitteilung der Welthungerhilfe, 14.11.2011.

UN expert urges leaders at G-20 summit to put right to food before industry interests. Meldung der Vereinten Nationen, 31.10.2011.

The economics of Rumpelstiltskin: Why speculation is not a prime cause of high and volatile international agricultural commodity prices: An economic analysis of the 2007-08 price spike. Studie von Harald von Witzke und Steffen Noleppa, Oktober 2011. [PDF, 603 KB]

Spekulieren mit dem Hunger: Finanzspekulationen verschärfen Krise der Nahrungsmittelpreise. Pressemitteilung der Deutschen Welthungerhilfe, 07.04.2011.

Finanzmärkte als Hungerverursacher. Studie der Deutschen Welthungerhilfe, Mai 2011. [PDF, 2,8 MB]

The relevance of speculation. Beitrag von Hans-Heinrich Bass im Fachmagazin „Rural21 – The international Journal for Rural Development“, 05/2011. [PDF, 1,1 MB]

Forsa-Umfrage: 84 Prozent lehnen Spekulation mit Lebensmitteln ab. Pressemitteilung der Verbraucherorganisation Foodwatch, 15.11.2011.

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