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"Nachhaltiges Konsumverhalten wird solange Sache einer engagierten Minderheit bleiben, wie Anreize falsch gesetzt sind und Strukturen es nicht unterstützen."

Prof. Dr. Lucia A. Reisch, Mitglied des Rates

27.10.2011

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Unternehmerische Verantwortung: Europäische Kommission auf neuem Kurs

Die Europäische Kommission schlägt eine neue Marschrichtung bei der unternehmerischen Verantwortung für nachhaltige Entwicklung (Corporate Social Responsibility, CSR) ein. In einer am 25. Oktober veröffentlichten Mitteilung bricht sie teils mit ihrer bislang verfolgten Linie, die Berücksichtigung von Umwelt- und Sozialbelangen durch Unternehmen sei deren Sache und prinzipiell freiwillig. Stattdessen buchstabiert sie CSR jetzt als „die Verantwortung von Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“. Zugleich bekennt sich die Kommission zu Regeln, die die unternehmerische Verantwortung voranbringen sollen: Unter anderem will sie die europäische Wirtschaft auf international anerkannte CSR-Leitlinien und -Grundsätze verpflichten, irreführenden Werbeaussagen zur Ökoleistung eines Produktes („Greenwashing“) einen Riegel vorschieben und die sozialen und ökologischen Anstrengungen von Unternehmen transparenter machen. Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft laufen gegen die Vorschläge Sturm. Nichtregierungsorganisationen sehen in ihnen einen Schritt in die richtige Richtung – und die Bundesregierung unter Zugzwang.

Die Neuorientierung beim Thema CSR begründet die Kommission mit der Wirtschaftskrise und ihren sozialen Folgen. Sie habe das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wirtschaft „zu einem gewissen Grad erschüttert“. Die Bürgerinnen und Bürger schauten deswegen jetzt stärker auf die sozial-ethische Leistung von Unternehmen. Da gebe es zwar Fortschritte: Immer mehr Betriebe arbeiteten mit Umweltmanagementsystemen oder setzten sich für gute Arbeitsbedingungen ein. Standard sei nachhaltiges Wirtschaften in europäischen Unternehmen aber noch nicht. Viele Firmen zögerten auch bei der Berichterstattung über ihre ökologischen und sozialen Leistungen. Laut Kommission veröffentlichen geschätzte 2.500 europäische Unternehmen CSR- oder Nachhaltigkeitsberichte, mehr als überall sonst auf der Welt. Allerdings handele es sich dabei nur um einen Bruchteil der 42.000 in der EU operierenden Großunternehmen.

Die Kommission kündigt einen gesetzlichen Vorschlag für Transparenz der sozialen und ökologischen Informationen an, die Unternehmen aller Sektoren vorzulegen haben, um ein gleichartige Bedingungen im europäischen Binnenmarkt sicherzustellen.  Vorerst fordert sie alle Organisationen inklusive der Einrichtungen der Zivilgesellschaft und öffentliche Behörden auf, selbst für mehr Transparenz ihrer öko-sozialen Leistungen zu sorgen. Für die Unternehmen könnte sich das rentieren. Aufträge der öffentlichen Hand sollen in Zukunft stärker nach Nachhaltigkeitsgesichtspunkten vergeben werden. „Verantwortungsvollere Unternehmen“, meint die Kommission, „können dem Wachstum in Europa einen Schub geben“. Ab 2012 will die Kommission mit den Mitgliedsstaaten vereinbaren, die nationalen Politikansätze zur unternehmerischen Verantwortung zu bewerten (Peer Review-Mechanismus).

In der deutschen Wirtschaft regt sich gegen die neue Marschrichtung Widerstand. CSR müsse freiwillig bleiben, fordern der Bundesverband der Deutschen Industrie, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag und der Zentralverband des Deutschen Handwerks in einer gemeinsamen Stellungnahme. Darin weisen die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft Pflichten zur Nachhaltigkeitsberichterstattung zurück: „Eine solche erhebliche bürokratische Last würde in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen“. Nach Informationen der Wirtschaftszeitung Handelsblatt hatte zuvor auch das Bundeswirtschaftsministerium die Kommission aufgefordert, am Prinzip der Freiwilligkeit von CSR festzuhalten. Mit einem teils verbindlichen CSR-Konzept verstoße die Kommission gegen ihr selbst gesetztes Ziel des Bürokratieabbaus, zitiert die Zeitung aus einem ihr vorliegenden Schreiben des Bundeswirtschaftsministeriums an die Kommission.

Zustimmend zum neuen Kommissionskurs äußerten sich das deutsche CorA-Netzwerk für Unternehmensverantwortung, eine Allianz von 52 deutschen Umwelt-, Verbraucher- und Menschenrechtsorganisationen, und die Bonner Nord-Süd-Organisation Germanwatch. Es sei gut, dass die Kommission ihre auf Freiwilligkeit gründende CSR-Position relativiere und einen „zaghaften Schritt für verbindliche Unternehmensregeln“ wage. Sie gehe damit weiter als die Bundesregierung, die in ihrem CSR-Aktionsplan auf reine Freiwilligkeit setze. Das Bundeskabinett hatte im vergangenen Oktober eine nationale CSR-Strategie beschlossen, den Aktionsplan CSR. Er stützt sich auf Empfehlungen des Nationalen CSR-Forums, eines vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales berufenen Gremiums. Nach Ansicht des CorA-Netzwerkes muss die Bundesregierung diesen Aktionsplan jetzt nachbessern und „zumindest die Position der EU-Kommission aufgreifen“.

CSR: Beiträge des Nachhaltigkeitsrates

Für mehr Transparenz unternehmerischer Nachhaltigkeitsleistungen setzt sich der Rat für Nachhaltige Entwicklung mit dem am 13. Oktober 2011 von ihm verabschiedeten Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) ein. Der neue Transparenzstandard stellt 20 Anforderungen für nachhaltiges Wirtschaften auf, anhand derer Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsleistung glaubwürdig messen und darstellen können. Der RNE erwartet von dem Kodex neue Impulse für eine nachhaltige Wirtschaft. Er ist – anders als alle bisherigen Regelungsversuche und die Ankündigung der Kommission – in einem Stakeholder-Prozess erarbeitet und auf Anwendbarkeit getestet worden. Die von der Bundesregierung berufenen Nachhaltigkeitsexperten hatten die deutsche Wirtschaft bereits im Herbst 2006 aufgefordert, die Übernahme sozial-ökologischer Verantwortung fester in ihren Geschäftsprozessen zu verankern. In seiner an Politik und Wirtschaft gerichteten Empfehlung Unternehmerische Verantwortung in einer globalisierten Welt mahnte der RNE ein besser sichtbares deutsches CSR-Profil an.

Weiterführende Informationen

Verantwortungsvollere Unternehmen können dem Wachstum in Europa einen Schub geben. Pressemitteilung der Europäischen Kommission, 25.10.2011.

Eine neue EU-Strategie (2011-14) für die soziale Verantwortung der Unternehmen (CSR). Mitteilung der Europäischen Kommission, 25.10.2011. [PDF, 148 KB]

Corporate Social Responsibility: a new definition, a new agenda for action. Hintergrundinformationen der Europäischen Kommission, 25.10.2011.

Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft lehnen bürokratische Berichtspflichten über gesellschaftliches Engagement ab. Gemeinsame Pressemitteilung der Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, 25.10.2011.

Berlin warnt Brüssel vor neuen Berichtspflichten. Meldung der Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“, 24.10.2011.

EU wagt zaghaften Schritt für verbindliche Unternehmensregeln – Bundesregierung muss ihre CSR-Strategie anpassen. Gemeinsame Pressemitteilung des CorA-Netzwerkes und Germanwatch, 25.10.2011. [PDF, 47 KB]

Nationale Strategie zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility – CSR). Aktionsplan CSR der Bundesregierung, 06.10.2010. [PDF, 95 KB]

Unternehmerische Verantwortung in einer globalisierten Welt – Ein deutsches Profil der Corporate Social Responsibility. Empfehlung des Rates für Nachhaltige Entwicklung, texte Nr. 17, September 2006. [PDF, 672 KB]

Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex: Rat für Nachhaltige Entwicklung verabschiedet Standard für Transparenz über die Nachhaltigkeitsleistungen. Pressemitteilung des Rates für nachhaltige Entwicklung, 13.10.2011.

Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK). Oktober 2011. [PDF. 160 KB]

Meldungen zum Thema

Rat verabschiedet Deutschen Nachhaltigkeitskodex. News Nachhaltigkeit, 14.10.2011.

Verbraucher fordern Nachhaltigkeitstransparenz von Unternehmen. News Nachhaltigkeit, 07.09.2011.

Bundesregierung beschließt nationale CSR-Strategie. News Nachhaltigkeit, 12.10.2010.

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