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"Nachhaltiges Konsumverhalten wird solange Sache einer engagierten Minderheit bleiben, wie Anreize falsch gesetzt sind und Strukturen es nicht unterstützen."

Prof. Dr. Lucia A. Reisch, Mitglied des Rates

02.03.2011

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„Der Bund muss Vorbild beim Flächensparen werden“ – Interview mit Stephanie Bock, Planungswissenschaftlerin beim Deutschen Institut für Urbanistik

In Deutschland werden jeden Tag 94 Hektar Fläche oder rund 134 Fußballfelder neu beansprucht, für Straßen, Siedlungen oder Gewerbegebiete. Zu viel, findet die Bundesregierung, die den Flächenfraß bis zum Jahr 2020 auf 30 Hektar am Tag reduzieren will. Dazu hat sie auf Anraten des Rates für Nachhaltige Entwicklung vor fünf Jahren das Forschungsprogramm Refina auf den Weg gebracht. Refina steht für „Forschung für die Reduzierung der Flächeninanspruchnahme und ein nachhaltiges Flächenmanagement“. Die Bundesregierung finanziert das Programm mit 22 Millionen Euro. Ende des Jahres läuft Refina aus. Ein vorläufiges Fazit zieht das im Januar erschienene Handbuch Nachhaltiges Flächenmanagement. Mitherausgeberin Dr. Stephanie Bock vom Deutschen Institut für Urbanistik (difu) hat das Refina-Programm begleitet. Im Interview erklärt die Planungswissenschaftlerin, was Fläche mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hat, wie die Bundesregierung ihrem 30-Hektar-Ziel näher kommen kann und was Refina gebracht hat.

Frau Dr. Bock, der Flächenverbrauch in Deutschland hat leicht Fahrt verloren und ist erstmals seit Jahren rückläufig. Hat Refina daran einen Anteil?


Refina hat auf jeden Fall die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen für das Thema Fläche erhöht. Ihr Blick auf die Folgekosten des Flächenfraßes ist heute klarer. Früher glaubten viele Kämmerer noch, dass ein neues Baugebiet fast zwangsläufig in steigende Steuereinnahmen mündet. Das Forschungsprogramm hat die wahren Kosten ans Licht gebracht. Maßgeblich dafür war die Entwicklung von Kostenrechnern. Das sind Computerprogramme, mit denen Kommunen nachrechnen konnten, ob sich die Entwicklung eines bestimmten Baugebietes wirklich lohnt oder die langfristigen Folgekosten zu hoch sind. Reicht beispielsweise das Angebot an Schulen oder Kindergärten, oder muss es zu hohen Kosten ausgebaut werden, um alle Einwohner des neuen Baugebiets zu erreichen? Erste Städte nutzen diese Rechner jetzt für ihre Planung. Und es wird intensiv darüber diskutiert, ob die Berechnung der wahren Kosten verpflichtend in die Bauleitplanung aufgenommen werden sollte.

Die ökonomischen und ökologischen Folgen des Flächenverbrauchs liegen auf der Hand. Was ist mit den sozialen Aspekten?  

Kommunen, deren Einwohnerzahlen nicht mehr steigen, entwerten durch jedes neue Baugebiet vorhandene Immobilien. Jedes neue Haus, das da gebaut wird, treibt die Preise der vorhandenen Immobilien in den Keller. Dadurch sehen viele Besitzer älterer Häuser Teile ihrer Altersvorsorge schwinden. Sie haben ihr Eigenheim in der damals richtigen Einschätzung gebaut, dass sein Wert steigt und müssen nun in vielen Regionen feststellen, dass das nicht mehr funktioniert. Flächenverbrauch hat dort einen direkten Bezug zur sozialen Gerechtigkeit.

Eine strenge Flächendiät wäre mit Regeln verbunden, die viele Privatleute als Eingriff in ihre persönliche Lebensplanung empfinden dürften. Kann man für einen restriktiven Umgang mit Fläche überhaupt Akzeptanz erwarten?

Im Laufe der Refina-Forschungen haben wir festgestellt, dass wir es im Kern mit zwei Zielgruppen zu tun haben: Da sind einmal die, die unbedingt ihr freistehendes Einfamilienhaus bauen wollen, weil das ihr Lebenstraum ist. Die sollte man bauen lassen. Daneben gibt es aber sehr viele Menschen, die nicht unbedingt am Stadtrand leben wollen, Alternativen suchen, diese aber nicht finden. Ihnen müssen die Kommunen zeigen, was möglich ist – dass alte Häuser zum Beispiel familiengerecht und kostengünstig umgebaut werden können. Das geht über Infoveranstaltungen mit Architekten, über finanzielle Unterstützung von Umbauten und über Kostentransparenz. Schwerin und Wilhelmshaven etwa rechnen Zuzugswilligen vor, welche Kosten sie in der Stadt und am Stadtrand erwarten.

Überfordert die Kommunen diese kleinteilige Arbeit nicht? 

Gerade für kleinere Kommunen ist diese Arbeit Voraussetzung fürs Überleben. Wenn der Dorfkern oder die Innenstadt ausstirbt, weil dort niemand mehr hinzieht, bricht die innerstädtische Infrastruktur weg – und das Dorf oder die Stadt verliert dann auch für Einwohner am Stadtrand schnell an Attraktivität.

Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag Pilotprojekte zur Einführung handelbarer Flächenzertifikate angekündigt. Was ist daraus geworden? 

Ein sehr spannendes Pilotprojekt läuft gerade an. Darin bekäme jede Kommune proportional zu ihrer Größe oder Einwohnerzahl ein kostenloses Kontingent an Flächengutscheinen zugeteilt. Gemeinden, die mehr Flächen ausweisen, als ihnen zugeteilt wurden, müssten anderen Gemeinden Zertifikate abkaufen. Fläche würde so ein knappes Gut.

Das erinnert an den Emissionshandel mit CO2-Zertifikaten...

... ist aber nicht direkt vergleichbar. Ist ein Zertifikat in einer Region mit wachsender Bevölkerung mehr wert als in einer Region mit immer weniger Menschen? Und wie wird die Grundmenge der vorhandenen Flächenzertifikate im Bundesgebiet verteilt? Solche Fragen müssen noch geklärt werden. Ich halte handelbare Flächenzertifikate für das effektivste Mittel für eine Flächendiät. Es ist aber auch das umstrittenste, weil die Kommunen davon Eingriffe in ihre Selbstverwaltung befürchten. Deshalb sollte man die Kommunen und die kommunalen Spitzenverbände frühzeitig in das Pilotprojekt einbeziehen.

Was muss die Bundesregierung tun, um den Flächenfraß entsprechend der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie auf 30 Hektar am Tag zu senken?

Der Bund sollte Vorbild beim Flächensparen werden. Im Moment stehen vor allem die Kommunen im Fokus. Beim Straßen- oder Flughafenbau ist aber auch der Bund ein großer Flächenverbraucher. Deshalb sollte er sich eigene Flächensparziele setzen – nicht nur für Siedlungs- und Verkehrsflächen, sondern auch für Infrastrukturprojekte aller Art. Diese Vorbildfunktion nimmt der Bund bislang nicht wahr. Außerdem müssen auch große Flächeneigentümer wie die Immobilienwirtschaft oder die Deutsche Bahn ins Boot geholt werden. Abgesehen davon werden wir das Ziel, den Flächenfraß bis 2020 auf 30 Hektar am Tag zu senken, nicht ohne eine strengere Regelung der Flächennutzung erreichen.

Weiterführende Informationen

Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsfläche: 94 Hektar pro Tag. Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes, 06.10.2010.

Bock, Stephanie; Hinzen, Ajo; Libbe, Jens (Hrsg.): Nachhaltiges Flächenmanagement – Ein Handbuch für die Praxis. Ergebnisse aus der REFINA-Forschung. 2011, ISBN 978-3- 88118-489-2. Download unter http://edoc.difu.de/edoc.php?id=K8934QW7

Projekte und Publikationen von Dr. rer. pol. Stephanie Bock. Informationen auf der Website des Deutschen Instituts für Urbanistik.

Website des Forschungsprogramms Refina.

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