16.09.2010
Ökolandbau: Bundesländer kommen Nachhaltigkeitsziel nur schleppend näher
Der deutsche Markt für Bio-Ware boomt so stark, dass inzwischen fast jedes zweite Produkt importiert werden muss. Trotz der steigenden Nachfrage schreitet der Ausbau des Ökolandbaus im Inland aber nur schleppend voran. Im Bundesdurchschnitt konnte der Biolandbau sich nach Angaben des Deutschen Naturschutzrings (DNR) erst auf 5,6 Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Flächen etablieren. Sieben Bundesländer liegen demnach noch deutlich unter dieser Marke. Niedersachsen kommt laut DNR sogar lediglich auf einen Flächenanteil von 2,9 Prozent und bildet damit das Schlusslicht aller Bundesländer. Den Spitzenplatz hält Brandenburg mit 10,5 Prozent. Unterschiedlich hohes finanzielles Engagement der beiden Landesregierungen erklärt diese Kluft nach Experteneinschätzungen aber nur teilweise.
Matthias Stolze vom internationalen Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) mit Sitz im schweizerischen Frick sieht zwar „einen signifikanten Zusammenhang“ zwischen den staatlichen Pro-Hektar-Ausgaben für Biolandbau und dem Anteil dieser Bewirtschaftungsform an der gesamten Landwirtschaft. In Niedersachsen und Brandenburg aber sei die Höhe der Fördermittel vergleichbar. Niedersachsen zahle Landwirten für die Umstellung auf den Biolandbau in den finanziell besonders riskanten ersten beiden Jahren sogar höhere Prämien. Dass die Ökolandbaufläche in Brandenburg dennoch fast vier Mal größer ist, liegt dem Agrarökonomen zufolge unter anderem am höheren Anteil von Rinder- und Schweinemastbetrieben in Niedersachsen. Deren Umstellung auf „Bio“ sei mit höheren Kosten verbunden.
„Brandenburg profitiert auch von seiner Nähe zu Berlin“, dem größten Markt für Bioprodukte, sagt der Sprecher des brandenburgischen Landwirtschaftsministeriums, Jens-Uwe Schade. Zudem hätten viele „Junglandwirte und städtische Aussteiger“ die Möglichkeit zu Flächenkäufen nach dem Mauerfall genutzt, so Schade. Inzwischen wirtschaften nach Angaben des Bundeslandes neun Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Brandenburg ökologisch. In Niedersachsen liegt diese Quote nach Angaben des dortigen Kompetenzzentrums Ökolandbau bei lediglich 2,5 Prozent. Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium betont allerdings, gemessen an der absoluten Ökolandbaufläche komme Niedersachsen mit fast 75.000 Hektar bundesweit auf dem fünften Platz und sei bei der Zahl der Bioprodukte verarbeitenden Betriebe die Nummer vier in Deutschland. Die ausschließliche Betrachtung des Flächenanteils sei daher „nur bedingt aussagekräftig“.
Dem widerspricht Alexander Gerber, Geschäftsführer des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), der Interessenorganisation der Erzeuger, Verarbeiter und Händler ökologischer Lebensmittel in Deutschland: „Der Flächenanteil des Ökolandbaus ist die maßgebliche Messgröße für das Nachhaltigkeitsziel der Bundesregierung“, so der Agraringenieur. Andere Indikatoren, die Anzahl der Ökolandbaubetriebe etwa, zeichneten kein realistischeres Bild. „Sobald konventionell wirtschaftende Bauern eine Streuobstwiese ökologisch bewirtschaften, zählt die Statistik sie heute als Ökobetrieb.“ Um dem Ziel der Nachhaltigkeitsstrategie näher zu kommen, braucht es nach Gerbers Ansicht in erster Linie eine angemessene Förderung für umstellungswillige Bauern. Sie nämlich hätten in den ersten zwei Jahren erhebliche finanzielle Risiken zu tragen. Der Staat müsse diese abfedern, sonst vergebe „er weitere Marktchancen ins Ausland“.
Für eine deutliche Aufstockung der Förderprämien von Bund und Ländern wirbt auch der DNR. Der Dachverband rund 100 deutscher Natur- und Umweltschutzorganisationen weist auf Angebotsengpässe infolge des Bio-Booms hin. FiBL-Fachmann Stolze rät zudem zu „Konstanz in der Förderung des Biolandbaus“. Einzelne Bundesländer hätten die Förderung in der Vergangenheit aber immer wieder ausgesetzt. Nötig sind seiner Meinung nach politische Strategien für den ökologischen Landbau mit klar definierten Zielen und Umsetzungsplänen. Österreich etwa sei damit weit gekommen. Die österreichische Regierung, sagt Stolze, wolle bis Ende des Jahres einen 20-prozentigen Flächenanteil vorweisen und: „Es sieht so aus, als ob sie das schafft“.
Das Biolandbau-Ziel der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie
Die Bundesregierung strebt mit ihrer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie einen ökologisch bewirtschafteten Flächenanteil in Höhe von 20 Prozent an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche an. Einen Zeitpunkt für die Zielerreichung hat sie nicht vorgegeben. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden wurden 2008 bundesweit insgesamt 5,4 Prozent aller landwirtschaftlichen Nutzflächen nach Öko-Kriterien bewirtschaftet. Bisher, heißt es im Ende Juli von den Statistikern veröffentlichten Indikatorenbericht 2010 zur nachhaltigen Entwicklung in Deutschland, sei die Umstellung nur „moderat verlaufen“. Bei gleich bleibender Entwicklung dauere es „noch viele Jahre bis zum Erreichen des Zielwerts“. Seinen Bedarf an Bio-Lebensmitteln müsse Deutschland weiterhin auch über Importe decken.
Weiterführende Informationen
Brandenburg Spitze beim Ökolandbau – Niedersachsen Schlusslicht. Pressemitteilung DNR, 24.08.2010.
Informationen zu Arbeitsgebieten und Werdegang von Dr. Matthias Stolze auf der Website von FiBL.
Website des Ministeriums für Infrastruktur und Landwirtschaft Brandenburg.
Website des niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landentwicklung.
Website des Kompetenzzentrums Ökolandbau Niedersachsen.
Website des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft.
„Ökosektor in Deutschland legt zu“ – Wie ist das in Niedersachsen? Antwort der niedersächsischen Landesregierung auf die Anfrage der Abgeordneten Andrea Schröder-Ehlers, Ronald Schminke u.a. (SPD), 79. Sitzung, 16. Wahlperiode, 18.08.2010.
Berlakovich: Österreich baut Spitzenplatz in Europa im Biobereich weiter aus.
Anteil der Bioflächen in Österreich liegt 2010 bei 19,5 Prozent. Pressemitteilung des Lebensministeriums Österreich, 16.05.2010.
Nationale Nachhaltigkeitsstrategie. Informationen der Bundesregierung.
Nachhaltige Entwicklung in Deutschland. Indikatorenbericht 2010. Bericht des Statistischen Bundesamtes, Juli 2010. [PDF, 2,2 MB]
Meldungen zum Thema
Nachhaltigkeitsstrategie: Fortschritte bei Bildung, Stillstand bei Ressourcen.
News Nachhaltigkeit, 12.08.2010.
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