16.04.2010
Studie: Vollversorgung Europas mit Ökostrom bis 2050 möglich
Eine vollständige Stromversorgung Europas mit Wind-, Wasser- und Sonnenkraft ist bis zur Mitte des Jahrhunderts möglich, zu vertretbaren Kosten und zuverlässig. Dieses Fazit zieht die im niederländischen Den Haag ansässige Europäische Klimastiftung ECF in ihrem Mitte April vorgestellten Fahrplan 2050. Die 2007 gegründete ECF wird ihrerseits von verschiedenen Umwelt- und Sozialstiftungen getragen und schreibt, dass die nötige Technik für einen radikalen Umbau im Sinne der Nachhaltigkeit weitgehend vorhanden sei. Auch die Investitionskosten unterschieden sich „im Wesentlichen“ nicht von denen, die ohnehin für die Aufrechterhaltung der europäischen Stromversorgung notwendig seien. Umwelt- und Klimaschützer bejubeln die Studie – das aber nicht nur wegen ihrer Ergebnisse.
Nach Ansicht der Bonner Nord-Süd-Organisation Germanwatch verdient der ECF-Fahrplan besondere Aufmerksamkeit, weil er „mit sehr konservativen Zahlen der Energieindustrie rechnet“. Und die würde die Leistungsfähigkeit der erneuerbaren Energien „eher unter- als überschätzen“. Ähnlich äußerte sich die Deutsche Umwelthilfe, Berlin. Grundlage des ECF-Fahrplans sind unter anderem Daten europäischer und deutscher Energieversorger, darunter E.on, Vattenfall und RWE. Daraus hat die Unternehmensberatung McKinsey verschiedene Szenarien errechnet, in denen sich europäische Energieversorgung im Jahr 2050 zu 40, 60, 80 oder 100 Prozent aus erneuerbaren Ressourcen speist. Technisch und wirtschaftlich, schreibt die ECF, sei die Vollversorgung Europas mit Ökostrom möglich.
Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine vor zwei Wochen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers vorgestellte Studie. Voraussetzung für die Vollversorgung, heißt es darin, seien ein leistungsfähiges Fernübertragungsnetz für Strom sowie ein Elektrizitäts-Binnenmarkt in der EU, die mit entsprechenden Netzen und Märkten in Nordafrika verbunden werden müssten. Auch die ECF berücksichtigt in ihrem 100-Prozent-Szenario solarthermischen Strom aus Nordafrika. Energieexperten halten den Bau geeigneter Anlagen für machbar. Überwiegend deutsche Solar-, Technologie- und Energieunternehmen haben dazu die Industrieinitiative Desertec gegründet. Mit Wind- und Solaranlagen in Nordafrika wollen sie bis 2050 rund 15 Prozent des europäischen Energiebedarfs sowie einen Teil des Verbrauchs in den Erzeugerländern decken.
Die Erneuerbare-Energien-Branche in Deutschland geht derweil davon aus, dass Strom aus Wind, Sonne oder Biomasse bereits in zehn Jahren eine tragende Säule der deutschen Energieversorgung sein wird. Laut einer Branchenprognose des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) könnte CO2-freie Elektrizität im Jahr 2020 rund 47 Prozent der deutschen Stromversorgung abdecken. Der BEE geht davon aus, dass sich die jährlichen Investitionen in den weiteren Ausbau der Erneuerbaren bis 2020 auf über 28 Milliarden Euro verdoppeln. Sie lägen schon heute über denen der konventionellen Strom- und Gasversorger. Der Interessenverband rechnet außerdem damit, dass durch erneuerbare Energien bis zum Jahr 2020 mindestens 500.000 Arbeitsplätze entstehen. Das sei deutlich mehr als in anderen Schlüsselindustrien wie etwa der Chemiebranche.
Weiterführende Informationen
Roadmap 2050: Practical Guide to a prosperous, low-Carbon Europe. Studie, Zusammenfassung, Präsentationen zur Roadmap 2050 der Europäischen Klimastiftung.
Landmark Energy Report Paves Way for Zero Carbon Power. Pressemitteilung der ECF, 13.04.2010. [PDF, 220 KB]
McKinsey-Studie zeigt: 100 Prozent Strom aus Erneuerbaren Energien sind bis 2050 möglich, sicher und preiswert. Pressemitteilung Germanwatch, 13.04.2010.
Vollversorgung Europas mit Ökostrom: realistisch, sicher, bezahlbar. Pressemitteilung der Deutschen Umwelthilfe, 13.04.2010.
Europa könnte bis 2050 komplett mit Strom aus Erneuerbaren Quellen versorgt werden. Pressemitteilung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, 29.03.2010.
100% renewable electricity. A roadmap to 2050 for Europe and North Africa. Studie PricewaterhouseCoopers, März 2010. [PDF, 3 MB]
Website der Industrieinitiative Desertec.
Ausbauprognose der Erneuerbare-Energien-Branche für Deutschland. Studie des BEE, Stand: November 2009. [PDF, 575 KB]
Jährliche Investitionen durch Erneuerbare Energien verdoppeln sich bis 2020. Gemeinsame Pressemitteilung des Bundesverbands Erneuerbare Energie, der Agentur für Erneuerbare Energie und der Hannover Messe, 14.04.2010. [PDF, 65 KB]
Investitionen durch den Ausbau Erneuerbarer Energien in Deutschland. Kurzgutachten der Prognos AG im Auftrag des Bundesverbands Erneuerbare Energien, April 2010. [PDF, 523 KB]
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