10.11.2009
Standards für energieeffiziente Gebäude in Europa weiter strittig
In der Europäischen Union sollen ab dem Jahr 2019 nur noch Null-Energiehäuser gebaut werden. Das will zumindest das Europäische Parlament. Neubauten dürften dann nicht mehr Energie verbrauchen, als sie selbst bereitstellen können, etwa mittels Sonnenkraftwerken oder Wärmepumpen. Die Europäische Kommission lehnt das ab. Sie will keine Null-, sondern nur Niedrig-Energiehäuser in einer Richtlinie festschreiben und den Mitgliedsstaaten die genauen Kriterien für solche Gebäude freistellen. Nachhaltigkeitsexperten hadern mit dieser Linie. Interessenverbände der Immobilienwirtschaft dagegen loben den Kommissionsentwurf.
Setze sich das Parlament durch, „würden den Bürgern Maßnahmen vorgeschrieben, die nicht wirtschaftlich sind“, meint Christiane Sauer, Abteilungsleiterin für EU-Technikpolitik im Brüsseler Büro des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (HDB). Sie glaubt, dass es im EU-Ministerrat daher „keine Mehrheit für die Forderung des Parlamentes geben“ wird. Davon geht auch Gerold Happ aus, Referent für Energie und Umwelt bei der Eigentümerschutz-Gemeinschaft Haus & Grund, Berlin. Den Vorschlag des EU-Parlaments hatte der Eigentümerverband, der derzeit der Bundesvereinigung der Spitzenverbände der Immobilienwirtschaft vorsteht, im Frühjahr heftig kritisiert. Null-Energiehäuser seien „ein Neubauverhinderungsprogramm“ und leisteten „keinen Beitrag zum Klimaschutz“, sagte Haus & Grund-Präsident Rolf Kornemann Anfang April. Die technische Aufrüstung zu Null-Energiehäusern sei bis 2019 nicht zu vertretbaren Kosten und ohne weitere Mietbelastungen möglich.
Einige wirtschaftsnahe Experten schätzen diese Kosten ganz anders ein. Laut World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) liegen die Material- und Baukosten für nachhaltige Gebäude nur fünf Prozent über denen von Normalbauten. Dank eines geringeren Energieverbrauchs amortisierten sich die Mehrkosten in wenigen Jahren, so der Wirtschaftsrat. Das internationale Beratungsunternehmen McKinsey stellte bereits 2007 in einer Studie fest, dass sich 90 Prozent aller Energieeffizienzmaßnahmen in Gebäuden rechnen. Nach Ansicht des Rates für Nachhaltige Entwicklung werden diese Energieeffizienz-Potenziale in Deutschland aber noch immer vernachlässigt. Nicht nur das Klima nehme dadurch Schaden. Auch der deutschen Bauwirtschaft gingen milliardenschwere Aufträge verloren, schreiben die Berater der Bundesregierung in ihrem vor einem Jahr vorgelegten Positionspapier zu Fragen der Klima- und Energiepolitik.
Angesichts der Potenziale nachhaltigen Bauens für den Klimaschutz, aber auch für den Arbeitsmarkt, warnen Umweltschutzorganisationen wie der Deutsche Naturschutzring (DNR) vor der Annahme einer verwässerten Richtlinie, die noch vor dem für Dezember angesetzten Weltklimagipfel in Kopenhagen beschlossen werden soll. DNR-Klimaschutzreferentin Stefanie Langkamp räumt ein, dass auch Niedrig-Energiehäuser die Atmosphäre entlasten, wenn „deren Versorgung mit erneuerbaren Energien sichergestellt“ würde. Ein großer Fehler sei jedoch, dass die Richtlinie nur Neubauten erfassen soll. „Gerade die energetische Sanierung im Bestand muss vorangetrieben werden“, fordert Langkamp.
Das wünscht sich auch HDB-Expertin Sauer. „Im Bestand“, sagt sie, „schlummern die größten Potenziale“. Die wahrscheinliche Festlegung auf Niedrig-Energiehäuser stelle jedoch bereits eine Verbesserung dar, da in der bisher geltenden Richtlinie „gar keine Zielvorgaben für Niedrig- oder Null-Energiehäuser“ vorgesehen seien.
Weiterführende Informationen
Vorschlag des Europäischen Parlaments für eine Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden, 23.04.2009.
Deutschland blockiert europäischen Klimaschutz: EU-Gebäuderichtlinie droht zu scheitern. Pressemitteilung des DNR, 05.11.2009.
Energieeffiziente Gebäude. Hintergrundinformationen des DNR, 05.06.2009. [PDF, 111 KB]
BSI kritisiert Vorstoß des EU-Parlaments/Bezahlbare Null-Energie-Häuser bereits ab 2019 völlig unrealistisch. Pressemitteilung der Bundesvereinigung Spitzenverbände der Immobilienwirtschaft, 06.04.2009.
Website des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie.
Kosten und Potenziale der Vermeidung von Treibhausgasemissionen in Deutschland. Sektorperspektive Gebäude. Studie McKinsey, 2007. [PDF, 3,4 MB]
Global Survey shows “green” construction costs dramatically lower than believed. Pressemitteilung WBCSD, 21.08.2007.
Position des Nachhaltigkeitsrates zu aktuellen Fragen der Klima- und Energiepolitik, 27.10.2008. [PDF, 68 KB]
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