06.11.2009
Institut: Nutztierhaltung als Klimakiller unterschätzt
Der Konsum tierischer Produkte trägt laut einem neuen Bericht der amerikanischen Denkfabrik Worldwatch Institute deutlich stärker zum Klimawandel bei als bisher angenommen. Die Haltung von Schafen, Kühen und Ziegen zeichnet demnach für rund die Hälfte der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen FAO ging bisher von einem Anteil von 18 Prozent aus. Um eine Chance im Kampf gegen die Erderwärmung zu haben, fordert Lord Nicholas Stern, einer der führenden Klimaökonomen der Welt, bereits den weitgehenden Verzicht auf Fleisch.
Die Fleischproduktion „verschwendet viel Wasser und setzt eine Menge Treibhausgase frei“, erklärte der in London lehrende Wirtschaftsprofessor Ende Oktober gegenüber der britischen Tageszeitung The Times. Stern verglich Fleischessen mit dem Autofahren unter Alkoholfluss. Früher sei Letzteres akzeptiert worden, heute sei es verpönt. Eine ähnliche Entwicklung erwartet er beim Fleischkonsum. Die Menschen änderten ihre Vorstellung von dem, was Verantwortung heiße, sagte Stern, und fragten „zunehmend nach dem CO2-Gehalt ihrer Lebensmittel“. Der Ökonom hält eine Erhöhung der Fleischpreise für wahrscheinlich, wenn die für Dezember im dänischen Kopenhagen angesetzte Weltklimakonferenz zu einem erfolgreichen Abschluss findet.
Laut Worldwatch Institute wurde die Höhe der durch die Fleischproduktion verursachten Treibhausgasemissionen bisher „gewaltig unterschätzt“. In der bislang als Standardwerk geltenden FAO-Studie aus dem Jahr 2006 seien einige Emissionsquellen der Viehhaltung nicht berücksichtigt oder falsch eingeschätzt worden, kritisieren die Worldwatch-Forscher. Sie zählen dazu zum Beispiel die Atmung der Tiere, die nach ihren Berechnungen allein rund 14 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verursacht. Außerdem habe die FAO die Wirkung des Klimagases Methan zu niedrig angesetzt. Rinder und andere Nutztiere setzen Methan während der Verdauung frei.
Um die Emissionen der Fleischproduktion zu senken, schlagen die Autoren den Ersatz tierischer Produkte durch Soja oder künstliches, in Laboren gezüchtetes Fleisch vor. Für Milchprodukte gebe es bereits solche analogen Alternativen, „In-vitro-Fleisch“ sei wahrscheinlich in wenigen Jahren marktreif. So könnten neue Absatzmärkte für die Fleisch verarbeitende Industrie und die Landwirtschaft entstehen. Auch Verbraucher ließen sich eher zum Einkauf von Alternativprodukten als zum Verzicht bewegen, meinen die Worldwatch-Forscher. Von der Umstellung auf Ersatzprodukte versprechen sie sich „sehr viel schnellere Klimaschutzeffekte“ als von der Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Energien.
Der Klimaökonom Stern bezeichnete einen vegetarischen Lebensstil gegenüber der Times als die „bessere Ernährungsweise“. Nach Angaben des Vegetarierbundes Deutschland wird die persönliche Klimabilanz eines Menschen durch den Umstieg auf eine fleischlose Ernährung um rund eine halbe Tonne CO2 im Jahr entlastet. „Menschen, die sich rein pflanzlich ernähren, leisten den effektivsten Klimaschutz“, sagt der Geschäftsführer des Verbandes, Sebastian Zösch. Ein vegan lebender Porschefahrer etwa lebe klimafreundlicher als ein Durchschnittsbürger mit einem VW Passat.
Der Rat für Nachhaltige Entwicklung empfiehlt, den Einkaufskorb seltener mit Fleisch zu füllen. Das dient nach Einschätzung der Berater der Bundesregierung nicht nur dem Klimaschutz, sondern auch der persönlichen Gesundheit. Weitere Tipps für eine gesunde und klimaschonende Ernährung hat der Nachhaltigkeitsrat in seinem jüngst aktualisierten Einkaufsleitfaden Der nachhaltige Warenkorb zusammengestellt. Die Broschüre hilft mit knappen und leicht verständlichen Erläuterungen bei der an Nachhaltigkeitskriterien orientierten Produktauswahl.
Weiterführende Informationen
Climate chief Lord Stern: give up meat to save the planet. Meldung Times Online, 27.10.2009.
Livestock Emissions: Still Grossly Underestimated? Pressemitteilung Worldwatch Institute, 20.10.2009.
Livestock and Climate Change. Bericht des Worldwatch Institute, Oktober 2009. [PDF, 718 KB]
Livestock's long Shadow. Studie der Welternährungsorganisation FAO, 2006.
Veganer dürften Porsche fahren! Pressemitteilung des Vegetarierbundes Deutschland, 29.10.2009.
Der Nachhaltige Warenkorb. Einfach besser Einkaufen. Ratgeber-Broschüre des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Download sowie Infos zur Bestellung der gedruckten Broschüre.
Meldungen zum Thema
WWF: Deutschland kann bis 2050 CO2-neutral werden, 28.10.2009.
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