08.10.2009
Finanzexperten raten zu mehr Nachhaltigkeitskriterien für Steuern
Der deutsche Staatshaushalt liegt nach massiven Konjunkturspritzen zum Abfedern der Finanzmarktkrise schief. Steuererhöhungen scheinen nun unausweichlich. Strittig ist, was höher besteuert werden soll: Arbeit, wie bisher? Oder der Umwelt- und Ressourcenverbrauch? Ein neues, vom Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) beauftragtes Gutachten wirbt für die zweite Option. Umweltsteuern böten Chancen für mehr sozialen Ausgleich und Nachhaltigkeit, heißt es darin. Für „grünere“ Abgaben sprechen sich auch Fachleute des Berliner Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) aus. Nach ihren Berechnungen könnten sie ab 2015 jährlich 41 Milliarden Euro in die Staatskassen spülen.
FÖS-Geschäftsführer Damian Ludewig schlägt eine Ticket-Abgabe für den klimaschädlichen Luftverkehr oder strengere CO2-Steuern für spritfressende Autos vor. Alleine diese beiden Öko-Abgaben könnten dem Fiskus laut FÖS-Berechnungen rund 15 Milliarden Euro im Jahr einbringen. „Im Gegensatz zu einer Mehrwertsteuererhöhung müssten diese Steuern nicht in erster Linie vom kleinen Mann getragen werden“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Forums, Kai Schlegelmilch. Das FÖS schlägt vor, mit den zusätzlichen Einnahmen zunächst den Staatshaushalt zu stabilisieren. Danach könnten die Gelder zum Senken von Einkommenssteuern und Sozialversicherungsabgaben verwendet werden. Wichtig sei, so Ludewig, dass die Bundesregierung diese Umweltsteuern „maßvoll und in voraussehbaren Schritten anhebt“.
Laut einer neuen FÖS-Kurzstudie tragen Umweltabgaben wie Energie- oder Kfz-Steuern heute lediglich mit 5,4 Prozent zum deutschen Staatshaushalt bei. Ihr Anteil sei seit Jahren rückläufig. Die Besteuerung von Arbeit dagegen trage über Einkommenssteuern und Sozialabgaben rund elf Mal mehr zum Staatsbudget bei. „Schizophren“, nennt das der Lübecker Unternehmer Max Schön. „Ressourcen zu verschwenden wird günstiger, Arbeitsplätze schaffen bleibt teuer.“ Das sei um so unverständlicher, als Erfahrungen mit der 1999 eingeführten Ökologischen Steuerreform zeigten, dass Umwelt, Wirtschaft und Verbraucher von Umweltsteuern profitierten. Das Dessauer Umweltbundesamt bilanzierte 2004, dass Bürger und Unternehmen durch die vor zehn Jahren eingeführte Reform Energie und damit Geld gespart haben. Außerdem seien neue Arbeitsplätze entstanden. „Wenn Steuerhöhungen sein müssen“, sagt Unternehmer Schön, „dann bitte sinnvolle“.
Deutschlands europäische Nachbarn setzen viel stärker auf die positiven Umwelt- und Haushaltseffekte von Öko-Steuern. Fachleute des Berliner Umweltforschungsinstituts Ecologic und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Berlin, belegen das in dem aktuellen Gutachten Nachhaltig aus der Krise, das der Rat für Nachhaltige Entwicklung bei den renommierten Instituten beauftragt hatte. Bis zu 95 Milliarden Euro zusätzliche Einnahmen könnte der deutsche Fiskus demnach jährlich verbuchen, wenn die Besteuerung der Ressourcennutzung, des Flächenfraßes sowie des Mineralölverbrauchs durch Flugverkehr und Schifffahrt auf das Niveau des EU-Vorreiters Dänemark stiegen. Schon das Aufschließen zum europäischen Mittelfeld könnte jedes Jahr 20 Milliarden Euro zusätzlich in die Staatskassen spülen, heißt es in der Expertise.
„Unabdingbar“ ist es nach Ansicht des Rates für Nachhaltige Entwicklung, die „langfristige Haushaltspolitik“ nach einer „gründlichen Bestandsaufnahme neu zu ordnen“. Diese Neuausrichtung, schreibt das Beratungsgremium der Bundesregierung in einer Stellungnahme zu dem Gutachten, müsse „harten Nachhaltigkeitskriterien standhalten“.
Weiterführende Informationen
Nachhaltig aus der Krise – Analyse möglicher Beiträge einer ökologischen Finanzreform. Gutachten vom Ecologic Institut und DIW im Auftrag des Rates für Nachhaltige Entwicklung, texte Nr. 28, September 2009. [PDF, 1,2 MB]
Nachhaltig aus der Krise. Nachhaltigkeitsrat legt Studie zur aktuellen Finanzpolitik vor. Stellungnahme des RNE zum Gutachten „Nachhaltig aus der Krise“, 29.09.2009. [PDF, 52 KB]
Umweltsteuern fallen auf Niveau vor Ökosteuer zurück. Pressemitteilung des FÖS, 06.10.2009. [PDF, 37 KB]
Zuordnung der Steuern und Abgaben auf die Faktoren Arbeit, Kapital, Umwelt. FÖS-Diskussionspapier 2009/01.
Die Ökosteuer wirkt: positiv. Pressemitteilung des Umweltbundesamtes, 16.11. 2004.
Quantifizierung der Effekte der Ökologischen Steuerreform auf Umwelt, Beschäftigung und Innovation. Studie des Umweltbundesamtes, November 2004. [PDF, 623 KB]
Aktueller Begriff: Die Schuldenbremse des Grundgesetzes. Informationen des Wissenschaftlichen Dienstes beim Deutschen Bundestag, 05.06.2009. [PDF, 70 KB]
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