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"Vernunft und Verantwortung unseres Handelns im sozialen, ökologischen und ökonomischen Bereich treffen sich in der Nachhaltigkeit!"

Michael Vassiliadis, Mitglied des Rates

15.09.2009

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Gesellschaftlicher Wohlstand: EU-Kommission wirbt für neue Messlatten

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll nach dem Willen der Europäischen Kommission künftig nur noch als ein Kriterium neben anderen zur Beurteilung gesellschaftlichen Wohlstands herangezogen werden. Die Kommission will „umfassendere“ Indikatoren, die auch soziale und ökologische Fortschritte „präzise“ messen. Nachhaltigkeitsexperten halten das für eine längst überfällige Grundlage politischer Entscheidungen. „Wenn wir heute schon solche Modelle hätten, wäre niemand auf die Idee gekommen, Opel zu retten“, sagt Damian Ludewig, Geschäftsführer des in Berlin ansässigen Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS).

Der Volkswirtschaftler Ludewig argumentiert, dass derzeit durch die Konzentration der Politik auf Wirtschaftskennzahlen hohe gesellschaftliche Folgekosten bestimmter Entscheidungen ausgeklammert würden. Bei der Automobilindustrie seien das beispielsweise aus Abgasen oder Lärm resultierende Folgekosten. Hätte die Politik die mit diesen Schäden einhergehenden Kosten bei ihren Bemühungen um den Rüsselsheimer Autobauer Opel einkalkuliert, dann, so Ludewig, hätte sie bemerkt, dass sich diese Unterstützung nicht auszahle. Die einseitige Analyse wirtschaftlicher Eckdaten führt seiner Meinung nach zu falschen Beurteilungen des tatsächlichen Wohlfahrtsgewinns. „Das BIP steigt auch dann, wenn viele Menschen krank sind.“ Höhere Krankenstände bedeuteten höhere Gesundheitsausgaben, wodurch das BIP zulege. „Von einem Wohlfahrtsgewinn kann dann aber keine Rede sein“, sagt Ludewig.

Das BIP, schreibt auch die Europäische Kommission in einem im August veröffentlichten Strategiepapier, sei „nicht für die Standortbestimmung in Umweltfragen oder beim Abbau sozialer Ungleichheiten geeignet“. Brüssel will dem BIP einen Umweltindex an die Seite stellen, der ab kommendem Jahr parallel zum BIP veröffentlicht werden könnte. Der Index soll beispielsweise Entwicklungen beim Energieverbrauch oder beim Artenschutz abbilden. Ergänzend will die Kommission einen „Anzeiger für nachhaltige Entwicklung“ entwickeln, der über den Verbrauch natürlicher Ressourcen und „mögliche langfristige oder unumkehrbare Folgen“ im Falle des Überschreitens von Nachhaltigkeitsgrenzen informiert. Trends einer nachhaltigen Entwicklung ließen sich so leichter nachvollziehen, so die Kommission.

Der in Heidelberg lehrende Volkswirt Hans Diefenbacher glaubt, dass ein um soziale und ökologische Kriterien erweiterter Wohlfahrtsindikator zu „einer stärker an Grundsätzen der Nachhaltigkeit ausgerichteten Politik führt“. Verdeutlichten solche Modelle zum Beispiel, welche Verluste der Gesellschaft jedes Jahr durch den Klimawandel entstünden, bekäme „die Politik neue Anreize, den Ausstoß von CO2 zu senken“. Er bezweifelt jedoch, dass ein solches Modell im Falle Opel zu anderen Entscheidungen geführt hätte. Aggregierte Kennzahlen wie das BIP, so Diefenbacher, eigneten sich nicht „für Wirkungsanalysen in der Tagespolitik“. Sie seien „nicht fein genug für Einzelfallentscheidungen“.

Die politische Aufmerksamkeit für neue Modelle zur Wohlstandsmessung ist laut Diefenbacher zuletzt „auch in Folge der Finanzkrise gestiegen“. Wie ein solches Modell für Deutschland aussehen könnte, hat der Wirtschaftsprofessor gemeinsam mit dem Umweltwissenschaftler Roland Zieschank von der Forschungsstelle für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin untersucht. „Wir konnten in der Studie nachweisen, dass eine erweiterte BIP-Berechnung in Deutschland möglich und sinnvoll ist“, sagt Diefenbacher. Er plädiert dafür, eine solche Berechnung jedes Jahr ergänzend zur konventionellen BIP-Kalkualtion vorzunehmen.

Einen ersten Bericht mit Vorschlägen für die Berechnung eines neuen Wohlfahrtsindexes haben die Forscher bereits im vergangenen November veröffentlicht. 

Weiterführende Informationen

Das BIP und mehr. Die Messung des Fortschritts in einer Welt im Wandel. Mitteilung der Europäischen Kommission, 20.08.2009. [PDF, 63 KB]

Wohlfahrtsmessung in Deutschland. Ein Vorschlag für einen neuen Wohlfahrtsindex. Zwischenbericht zum UBA-Forschungsprojekt, November 2008. [PDF, 2,3 MB]

Website des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft.

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