06.08.2009
Badische Bürgergenossenschaft will bei E.on-Tochter einsteigen
Die badische Bürgergenossenschaft „Energie in Bürgerhand“ (EiB) will der Marktherrschaft der deutschen Energiekonzerne etwas entgegensetzen und sich dazu gemeinsam mit einem Konsortium kommunaler Versorger bei der Münchener Thüga AG einkaufen. Thüga hält Anteile an rund 90 lokalen und regionalen Energieversorgern und ist eine 100-prozentige Tochter des Energieriesen E.on. E.on soll sich auf Druck des Kartellamts von seiner Tochter trennen. Um möglichst viele Thüga-Anteile kaufen zu können, sammeln die badischen Genossen zurzeit eifrig Geld. Mit 500 Euro kann jedermann bei der geplanten Übernahme einsteigen und Miteigentümer eines großen Energieversorgers werden.
15 Millionen Euro von mehr als 2.000 Menschen seien in den letzten Wochen bereits zusammengekommen, sagt der Vorstand der Genossenschaft, Burghard Flieger. 50 bis 100 neue Zusagen kämen täglich dazu. Flieger und seine Mitstreiter wollen mit dem Geld so viele Thüga-Anteile erwerben, dass sie bei der Wahrnehmung ihres Stimmrechtes gehört werden und Einfluss auf die Geschäfte der E.on-Tochter nehmen können. Die Idee sei, mit „vielen anderen eine ökologische und zukunftsweisende Energiewirtschaft zu verwirklichen“, die nicht auf Atomstrom zurückgreift, sondern erneuerbare Energien nutzt und einen sparsamen und effizienten Umgang mit Strom fördert.
Mit 3,5 Millionen Strom- und 2,9 Millionen Erdgaskunden ist die E.on-Tochter ein Schwergewicht, ihr Wert wird bei 3,5 bis 4 Milliarden Euro veranschlagt. Die Genossen setzen daher auf einen starken Partner, ein Stadtwerke-Konsortium, das ebenfalls Interesse an der Thüga hat und Anteile erwerben will. Es handelt sich um eine Allianz aus der Stadtwerkegruppe KOM9 und dem Versorgerverbund INTEGRA. „Wenn wir 100 Millionen Euro zusammen bekommen, werden wir für die interessant“, sagt Flieger. Die Stadtwerke müssten dann selber weniger Fremdkapital für die Übernahme aufnehmen, „Energie in Bürgerhand“ könnte mit dieser Summe drei bis vier Prozent der Thüga-Anteile erwerben. Flieger, der im Hauptberuf Genossenschaften berät, hält das für machbar. „100 Millionen schaffen wir garantiert“.
Viele Städte und Gemeinden denken gegenwärtig über Möglichkeiten zur Re-Kommunalisierung ihrer Energieversorgung mit Hilfe von Stadtwerken nach. Aus Sicht des Rates für Nachhaltige Entwicklung sollten Nachhaltigkeitskriterien dabei eine bedeutende Rolle spielen – nicht nur bei der Energieerzeugung, sondern auch beim Geschäftsmodell. Letzteres sollte sich vor allem an der tatsächlichen Nachfrage nach Energie orientieren. Der Nachhaltigkeitsrat plädiert dafür, solche Gesichtspunkte in die öffentlichen Diskussion um die Re-Kommunalisierung der Energieversorgung viel stärker als bisher einzubeziehen.
Offen bleibt, ob das Kommunalversorger-Konsortium, mit dem „Energie in Bürgerhand“ zusammen gehen will, überhaupt zum Zuge kommt. In der Vergangenheit waren auch andere kapitalstarke Interessenten wie der dänische Energiekonzern Dong Energy im Gespräch, „hinter den Kulissen ist viel Bewegung“, räumt auch EiB-Vorstand Flieger ein. Den Zuschlag an die Stadtwerke hält er dennoch für realistisch, „glaubwürdige Gerüchte“ wiesen in diese Richtung. Auch von der Thüga-Mutter E.on habe man „wohlwollende Signale“ erhalten. „Die haben einen schlechten Ruf und könnten mit uns ihr Image polieren“, vermutet der Volkswirt. Direkte Gespräche mit E.on gebe es jedoch nicht.
Sollte der Zuschlag an einen anderen Bieter gehen, entsteht den Energierebellen kein Verlust. Die Einlagen liegen auf einem zweckgebunden Treuhandkonto und werden verzinst. Sollten die Genossen Erfolg haben, wären sie an den auszuschüttenden Gewinnen der Thüga beteiligt, die, so Flieger, „in der Vergangenheit solide“ waren. Klappt der Deal, wäre die dann eigenständige Thüga zudem der fünftgrößte Energieversorger in Deutschland. Den verbliebenen Oligopolisten stände ein neuer, großer Wettbewerber gegenüber, der zumindest teilweise in Bürgerhand ist. Für Flieger führt an dieser Demokratisierung der Energiewirtschaft kein Weg vorbei: „Klimaschutz kann nicht nur von oben verordnet werden, sondern braucht auch Bürger, die ihn selbst in die Hand nehmen.“
Weiterführende Informationen
Energie in Bürgerhand. Website der Genossenschaft.
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