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"Eine Welt im Gleichgewicht ist seit 1972 für den Club of Rome eine Notwendigkeit – für unsere Arbeit im Nachhaltigkeitsrat die Herausforderung."

Max Schön, Mitglied des Rates

08.05.2008

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Thieme: Wettbewerb um CSR ist besser als verbindlich vorgegebener Kodex

Ende April veranstalteten das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und das Auswärtige Amt eine hochrangig besetzte Konferenz zum Thema unternehmerische Verantwortung (Corporate Social Responsibility, CSR). Marlehn Thieme, Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung, war zu Gast auf dem Eröffnungspodium und erklärt im Gespräch, welche Eindrücke sie von der Veranstaltung mitgenommen hat. 

Frau Thieme, Bundesarbeitsminister Olaf Scholz hat auf der Konferenz die Entwicklung einer „Nationalen Strategie zur Stärkung der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen“ angekündigt. Was muss die Bundesregierung bei dieser Strategie aus Sicht des Rates für Nachhaltige Entwicklung berücksichtigen? 

Ich finde den Ansatz, die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen zu stärken, sehr wichtig. Das steht völlig im Einklang mit der CSR-Empfehlung des Rates für Nachhaltige Entwicklung. Was jetzt Not tut, ist die Diskussion mit den Stakeholdern zu intensivieren. Wir haben bei unseren Stakeholder-Diskussionsrunden sehr gute Erfahrungen gemacht. Dabei ist es wichtig, den Stand der weit fortgeschrittenen internationalen Diskussion im Blick zu behalten und sich nicht auf eine nationale Nabelschau zu beschränken. Daher sollten wir offene Diskussionsforen, wie sie ja auch der Rat für Nachhaltige Entwicklung angeboten hat, weiter betreiben.

Das BMAS plant unter anderem eine CSR-Positivliste. Unternehmen, die sich nachweisbar gesellschaftlich engagieren und einen verbindlichen Verhaltenskodex unterzeichnen, soll im Gegenzug eine allgemein zugängliche Plattform geboten werden. Welche Kriterien müssen Ihrer Meinung nach in diesen Kodex aufgenommen werden?

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hat sich nicht für eine Positivliste oder einen verbindlichen Verhaltenskodex ausgesprochen. Wir sehen die staatlichen Lösungen nicht an erster Stelle, sondern haben gesagt, der Wettbewerb soll es richten. Der Dialog zwischen Nicht-Regierungsorganisationen und der Wirtschaft ist enorm wichtig. Nur so werden sinnvolle Themen in der CSR-Diskussion herauskommen.

Es gibt so viele Branchen und unterschiedliche Unternehmensgrößen, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie ein für alle verbindlicher Verhaltenskodex aussehen soll. Und meine zutiefst menschliche Erfahrung ist: Je mehr Regeln aufgestellt werden, desto mehr Gelegenheiten gibt man, diese Regeln auszutricksen. Und das sollte eben nicht der Hauptaspekt sein – denn CSR wird nur dann gewinnen, wenn das Konzept einen Nutzen für die Unternehmen hat. Es gibt schon lange Kriterien und lebendige Diskussionen, etwa im Rahmen der OECD oder des Global Compact, wo sich bereits vieles Sinnvolles herauskristallisiert hat. Das Rad neu zu erfinden, schürt die Verunsicherung auf Seiten der Unternehmen.

Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, gesellschaftlich engagierte Unternehmen mit einem CSR-Siegel auszuzeichnen?

Die Branchen stehen vor verschiedenen Herausforderungen und werden sich daher auch ausdifferenziert entwickeln. Es gibt sehr viele Einzelthemen in der CSR-Debatte, wie man  beispielsweise auch an der Vielzahl von bestehenden Siegeln sieht. Es gibt Siegel, die die Holz- und Fischwirtschaft abdecken, den Fairen Handel oder die Kinderarbeit. Die branchenspezifischen Herausforderungen werden sich ausdifferenziert weiterentwickeln – ob man will oder nicht. Im Übrigen laufen diese Lernprozesse ja auch im bilateralen Kontakt zwischen den NGOs und den Unternehmen. Und da ist das staatliche Engagement gar nicht so sehr im primären Fokus. 

Bundesminister Scholz will einen fünfköpfigen CSR-Beirat einberufen, um den Dialog mit allen wichtigen gesellschaftlichen Gruppen zu organisieren. Was sind die größten Herausforderungen für diesen Dialog?

Dialog ist wichtig und kann gar nicht intensiv genug geführt werden. Aber um echtes Lernen zu ermöglichen, muss er ergebnisoffen verlaufen und alle wichtigen Anspruchsgruppen repräsentieren. Ich frage mich, ob wir mit einem fünfköpfigen Beirat beim BMAS wirklich weiter kommen. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung besteht aus 15 Personen und wir sehen trotzdem, dass dort wichtige gesellschaftliche Gruppen für den Dialog fehlen. In den vom Rat durchgeführten Stakeholder-Runden haben wir darum weitere Teilnehmer hinzugezogen.

Außerdem muss man fragen, welchen Gewinn ein weiteres, dazu noch relativ kleines Gremium bringt, wenn wir eigentlich schon viele funktionierende Gremien haben.

Wie wird der Rat für Nachhaltige Entwicklung das Thema CSR in der Zukunft begleiten? Gibt es konkrete Vorhaben, die in nächster Zeit anstehen? 

Wir glauben, dass wir mit unserer Empfehlung zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen einen wichtigen Impuls gesetzt haben. Dass wir mit ihnen nach wie vor richtig liegen, zeigte die Diskussion auf der Konferenz sehr deutlich. Unsere Empfehlungen treffen auf eine große Akzeptanz bei den Akteuren, die das deutsche CSR-Profil für ihre Unternehmen ausbauen. Deswegen werden wir unsere Empfehlungen weiter im Dialog weiterentwickeln. Wir werden auf der Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung das Thema CSR wieder sehr prominent diskutieren, auch mit der Wirtschaft und anderen Gruppen.

Uns ist wichtig, dass die CSR-Debatte immer im Gleichklang zwischen den Abnehmern einerseits und den Produzenten andererseits angesiedelt ist. Wir müssen beide Seiten in der politischen Diskussion weiterentwickeln. Wenn „Geiz ist geil“ weiterregiert, dann wird gesellschaftliches Engagement von Unternehmen weiterhin nicht honoriert. Wir werden daher gerade in der Diskussion um CSR und nachhaltigen Konsum an beiden Strängen weiterarbeiten. Deshalb aktualisieren wir gerade das Projekt „Nachhaltiger Warenkorb“, um auch die Diskussion darüber wiederzubeleben.