Direkt zum Inhalt springen

"Education is the basis for establishing sustainability as the guiding principle behind our activities, as are more action partnerships and practical examples at the local, regional and international level."

Walter Hirche, Member of the Council

11.04.2012

More News regarding Topic : Energy | Economy  | Environment 

Kanada: Umweltaktivisten und Regierung im Clinch um neue Öl-Pipeline

In Kanada kocht der Widerstand gegen eine neue Ölpipeline hoch, die Öl aus der Ölsandproduktion in der Provinz Alberta rund 1.200 Kilometer durch weitgehend intakte Natur in die Hafenstadt Kitimat transportieren soll. Der kanadische Energiekonzern Enbridge, der die sogenannte Northern-Gateway-Pipeline plant, erhofft sich von dem 5,5 Milliarden US-Dollar schweren Projekt Anschluss an asiatische Absatzmärkte. Die kanadische Regierung unterstützt das Vorhaben. Umweltschützer lehnen es ab und werfen der Regierung vor, für das Durchboxen der Pipeline Öko-Gesetze zu verwässern.

Ursprünglich wollte die kanadische Regierung ihr Öl über die sogenannte „Keystone XL-Pipeline“, die größtenteils durch die USA führen soll, nach Übersee verkaufen. Deren Bau wurde vom US-Außenministerium jedoch Anfang des Jahres auf Eis gelegt, unter anderem wegen ökologischer Bedenken. Jetzt soll die Northern-Gateway-Pipeline die Brücke zu den für den Ölexport nötigen Seehäfen schlagen. Kanadas Regierung will sich so unabhängiger von den USA machen, dem größten Abnehmer ihres Öls. Als künftigen Ölkäufer hat Premierminister Stephen Harper vor allem China im Blick. Harper war dort erst im Februar, um Investmenterleichterungen und neue Kooperationen auszuhandeln.

Für die Regierung Kanadas geht es um viel Geld: Wird die Pipeline wie geplant 2017 fertig, könnte sie jeden Tag 525.000 Barrel Öl aus dem Landesinneren an die Küste zur Verschiffung pumpen. Bei einem Ölpreis von 100 US-Dollar pro Barrel wären das mehr als 19 Milliarden Dollar im Jahr. Wohl auch deswegen reagiert die Regierung dünnhäutig auf Kritik an dem Vorhaben: Kanadas Rohstoffminister Joe Oliver warf „Umweltschützern und anderen radikalen Gruppen“ Anfang des Jahres vor, wichtige Großprojekte durch ihre Proteste zu torpedieren – „egal, wie viel Arbeit und Wachstum verloren gehen“.

Nach Berechnungen des künftigen Pipeline-Betreiber Enbridge ist der wirtschaftliche Nutzen der neuen Leitung enorm: Schon in der Bauphase sollen demnach 4,3 Milliarden Dollar Arbeitseinkommen erwirtschaftet werden, über die 30-jährige Laufzeit zudem zusätzliche Steuereinnahmen in Höhe von 2,6 Milliarden Dollar. Schäden für die Umwelt seien nicht zu erwarten. „Northern Gateway“, heißt es in einem Enbridge-Prospekt, „wird weltweites Modell für höchste Sicherheits- und Umweltschutzstandards“.

Diese Standards, sagt Greenpeace Kanada, weiche die Regierung gerade auf: Ministerien, die mit der Überwachung von Öko-Gesetzen betraut sind, sei im März das Budget gekürzt worden; gleichzeitig habe die Regierung Genehmigungen für Pipelines erleichtert. „Die Regierung“, sagt Keith Stewart von Greenpeace Kanada, „gibt vor, dass sie die Genehmigung effizienter machen will.“ Tatsächlich erschwere sie öffentliche Einsprüche. Zu einer ganz ähnlichen Einschätzung kommen sechs anglikanische Bischöfe in einer gemeinsamen Stellungnahme zum Karfreitag. Über die Pipeline-Genehmigung, mahnen sie, müsse „ohne Druck aus der Ölindustrie oder der Regierung entschieden werden“. 

Die Bischöfe sorgen sich unter anderem um die Rechte der indigenen Bevölkerung vor Ort, deren Lebensräume von der Pipeline beeinträchtigt würden. Diese sogenannten First Nations haben sich im Februar gegen die Pipeline formiert. Weil sie sich bei anderen Großprojekten in der Vergangenheit mit ihren Schutzinteressen vor Gericht durchsetzen konnten, sei der von ihnen angekündigte Widerstand mehr als eine leere Drohung, so Rick Smith von der kanadischen Denkfabrik Environmental Defense und Andrew Light vom Center for American Progress, einem US-amerikanischen Forschungsinstitut.

Selbst wenn alle Genehmigungen erteilt würden – Smith und Light glauben nicht, dass Kanada von der Pipeline profitieren würde. Sie schaffe nur wenig mehr als 200 neue Vollzeitstellen. Bei einer Leckage oder einem Unglück auf einem der das Öl aus den Häfen abtransportierenden Tankschiffe wären dagegen bis zu 45.000 Jobs in Tourismus und Fischwirtschaft gefährdet. Das sei kein kleines Risiko. Denn verschifft werde das Öl durch eine der Hurrikan-trächtigsten Seepassagen der Welt. Im schlimmsten Fall, so Smith und Light, würden für jeden neuen Job 200 Arbeitsplätze aufs Spiel gesetzt.

Weiterführende Informationen

Enbridge Northern Gateway Pipelines. Projektwebsite Enbridge.

We’re Building More than Pipelines. Enbridge-Prospekt zur Northern-Gateway-Pipeline, 26.10.2010. [PDF, 4,3 MB]

PM announces agreement that will facilitate investment flows between Canada and China. Pressemitteilung der kanadischen Regierung, 08.02.2012.

Canada and China strengthen strategic partnership. Pressemitteilung der kanadischen Regierung, 08.02.2012.

An open letter (…) on Canada’s commitment to diversify our energy markets and the need to further streamline the regulatory process in order to advance Canada’s national economic interest. Offener Brief des kanadischen Rohstoffministers Joe Oliver, 09.01.2012.

Big Oil wins big in federal budget. Blogpost von Keith Stewart, Greenpeace Kanada, 29.03.2012.

Enbridge lobbied hard to "streamline" eco-laws as pipeline debate heated up. Blogpost von Keith Stewart, Greenpeace Kanada, 27.03.2012.

First Nations that have declared opposition to proposed Enbridge tanker & pipeline project – British Columbia and Western Canada. Erklärung der First Nations, Februar 2012.

Statement of Provicial House of Bishops: Northern Gateway Pipeline. Gemeinsame Stellungnahme sechs anglikanischer Bischöfe zur geplanten Pipeline, 06.04.2012.

Pipeline or Pipe Dream? A China-Bound Alternative to Keystone XL Is No Easy Feat. Gemeinsame Analyse von Rick Smith, Environmental Defense, Kanada, und Andrew Light, Center for American Progress. 23.03.2012.

Newsletter-Abo

Interesse an unserem Newsletter? Abonnieren Sie hier die ‚News Nachhaltigkeit‘.