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"Measuring sustainability is a key success factor to establish environment, social, and governance (ESG) issues in companies and on capital markets."

Prof. Dr. Alexander Bassen, Member of the Council

10.01.2012

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Falsche Annahmen? Kritik am Energiefahrplan 2050 der EU-Kommission

Die Europäische Kommission hat Mitte Dezember ihren Energiefahrplan für das Jahr 2050 vorgelegt. In dem Strategiepapier legt sie in sieben Szenarien dar, wie der europäische Treibhausgasausstoß bis zur Jahrhundertmitte um 80 bis 95 Prozent sinken kann. Energieeffizienz, erneuerbare Energien, die Kernenergie sowie die CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) spielen in den einzelnen Szenarien jeweils unterschiedlich große Rollen. Umweltschützer kritisieren, dass die Kommission die Kosten der erneuerbaren Energien künstlich hoch-, die von Atom- und Kohlestrom klein rechnet. Ähnlich sieht das das Bundesumweltministerium (BMU).

Die in den Szenarien der Kommission vorgesehenen Preisannahmen seien „teilweise nicht nachvollziehbar“, heißt es aus dem Ministerium. Während Brüssel für die Kernenergie und die CCS-Technologie zu niedrige Kosten annehme, würden für die Erneuerbaren zu hohe Technologiekosten angesetzt. „Real“ lägen sie bereits deutlich unter den Annahmen der EU, so das BMU. Laut einer Analyse der Umweltschützer von Greenpeace legt die Kommission beispielsweise für die Fotovoltaik einen Preis von mehr als 4.000 Euro je installierter Kilowattstunde zugrunde, während die Installation einer Kilowattstunde Sonnenstrom tatsächlich lediglich Kosten in Höhe von 2.000 bis 3.000 Euro verursache.

Zum Missfallen von Greenpeace und weiterer Organisationen wie dem WWF setzt die Kommission zudem weiterhin auf die Atomenergie. In ihrem Energiefahrplan heißt es, diese leiste „einen erheblichen Beitrag zum Umbau des Energiesystems in den Mitgliedstaaten, in denen diese verwendet wird“. In zwei Szenarien stellt sie 2050 zwischen 15 und 18 Prozent der Energie. Laut Kommission weisen diese Szenarien auch die niedrigsten Gesamtenergiekosten aus. Eberhard Brandes, Chef der Umweltstiftung WWF, nennt diese positive Darstellung der Kernkraft fragwürdig. Atomstrom würde durch „zweifelhafte Annahmen günstig gerechnet und als Preis senkende Option dargestellt“.

Auch der Präsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE), Dietmar Schütz, meint, dass die „Annahmen für die Kostenentwicklung der konventionellen Energieträger viel zu optimistisch“ seien. Gut sei jedoch, dass die EU-Kommission nun über ein Zwischenziel für den Ausbau von Energie aus Wind, Sonne und Co. für 2030 nachdenke. Der in Aussicht gestellte Anteil von 30 Prozent an der Energieversorgung sei allerdings „eindeutig nicht ambitioniert“. Die Erneuerbaren-Energien-Verbände in Europa drängen auf ein bindendes EU-Mindestziel von 45 Prozent bis 2030. Zurzeit decken die Erneuerbaren in der EU laut Kommission zehn Prozent des Energiebedarfs.

Bis 2050 steigt der Anteil erneuerbarer Energien in allen berechneten Szenarien deutlich. Dann sollen sie mindestens 55 Prozent des Verbrauchs decken. Bei gleichzeitig deutlich steigender Energieeffizienz könnte ihr Anteil auf 64 Prozent steigen, im Szenario „hoher Anteil erneuerbarer Energien“ sogar auf 75 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs und 97 Prozent des Stromverbrauchs. In dem Strategiepapier heißt es dazu, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien neben der Verbesserung der Energieeffizienz die zweite große Voraussetzung für ein nachhaltigeres und sichereres Energiesystem sei.

Vorgaben für den nationalen Energiemix der Mitgliedstaaten macht die Brüsseler Behörde nicht. Bundesumweltminister Norbert Röttgen sagte, der vorgelegte Fahrplan bestätige, dass die Bundesregierung mit der von ihr beschlossenen Energiewende den richtigen Kurs eingeschlagen habe. „Um seine Klimaziele zu erreichen, muss Europa stärker als bisher auf erneuerbare Energien und Energieeffizienz setzen.“ Das sei für ihn die zentrale Botschaft des EU-Energiefahrplans 2050.

Weiterführende Informationen

Energiefahrplan 2050: ein sicherer, wettbewerbsfähiger und CO2-armer Energiesektor ist möglich. Pressemitteilung der Europäischen Kommission, 15.12.2011.

Energiefahrplan 2050. Mitteilung der Europäischen Kommission, 12.12.2011. [PDF, 186 KB]

Röttgen: Erneuerbare Energien und Energieeffizienz rechnen sich auch für Europa. Pressemitteilung des Bundesumweltministeriums, 15.12.2011.

EU 2050 energy roadmap – Greenpeace analysis. Hintergrundinformationen von Greenpeace, 15.12.2011.

EU Roadmap 2050: Die Zukunft ist erneuerbar und energieeffizient. Pressemitteilung des WWF, 15.12.2011.

EU-Energy Roadmap 2050 unterschätzt das Potenzial Erneuerbarer Energien. Pressemitteilung des Bundesverbandes Erneuerbare Energie, 15.12.2011.

Energy Roadmap 2050: Renewables crucial for decarbonisation. Pressemitteilung. Pressemitteilung des European Renewable Energy Council, 15.12.2011. [PDF, 331 KB]

Meldungen zum Thema

Klimaschutz: Europa hinkt CO2-Zielen weiter hinterher. News Nachhaltigkeit, 14.12.2011.

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