17.03.2010
Energieverbrauch wegen Wirtschaftskrise rapide gefallen
In Deutschland wurde im vergangenen Jahr so wenig Energie verbraucht wie zuletzt Anfang der 1970-er Jahre. Damit fielen auch die CO2-Emissionen 2009 stärker als je zuvor seit Bestehen der Bundesrepublik. Das geht aus neuen Berechnungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) und des Umweltbundesamtes (UBA) hervor. Mit Anstrengungen für mehr Energieeffizienz und für Klimaschutz hat der Rückgang allerdings nur wenig zu tun. Ursache der beiden Trends sind die Finanz- und Wirtschaftskrise und deren Wirkung auf die Energienachfrage. Die deutsche Wirtschaftsleistung brach 2009 um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr ein, die Energienachfrage sogar um sechs Prozent. Energie- und Umweltexperten warnen die Bundesregierung davor, sich in falscher Sicherheit zu wähnen. Mit einem Konjunkturaufschwung könnten Energieverbrauch und CO2-Emissionen schnell wieder ansteigen.
80 Millionen Tonnen weniger Treibhausgase als im Vorjahr wurden in der Bundesrepublik 2009 freigesetzt – das ist ein Minus von 8,4 Prozent. UBA-Präsident Jochen Flasbarth spricht von einem „überproportionalen Rückgang“. Zum Vergleich: 2008 verbrauchten Industrie, Handel und Verbraucher noch ein Prozent mehr Energie als 2007. Die Emissionen sanken damals lediglich um 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der jetzt verzeichnete Einbruch bei der Energienachfrage, sagt Flasbarth, zeige, „wie stark Energieeinsparung wirken könnte“. Um einen Anstieg der Emissionen nach Ende der Krise zu vermeiden, müsse die Regierung ihre klima- und energiepolitischen Ziele erreichen und noch mehr auf Energieeffizienz setzen.
AGEB-Geschäftsführer Hans-Joachim Ziesing sagt, bei der Energieeffizienz liege die Bundesregierung noch weit hinter ihren Zielen zurück. Die AGEB wird von sieben Verbänden der Energiewirtschaft und drei Forschungsinstituten getragen und misst die Effizienz des Energieeinsatzes mit dem Indikator Energieproduktivität. Er errechnet sich aus dem Verhältnis von Wirtschaftswachstum und Primärenergieverbrauch. „2009 legte die Energieproduktivität nur um ein Prozent zu“, sagt Ziesing. Das sei deutlich weniger als der seit 1990 errechnete Jahresdurchschnitt von 1,8 Prozent und viel zu wenig, um die Vorgabe der Bundesregierung zu erreichen. Die will die Energieproduktivität bis zum Jahr 2020 gegenüber 1990 verdoppeln. Dafür müsse dieser Wert „in den nächsten zehn Jahren um 3,3 Prozent im Jahr zulegen“, so Ziesing.
Ziesing, der mehr als zwei Jahrzehnte die Abteilung für Energie beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin, geleitet hat, rät der Bundesregierung zu neuen Effizienzvorgaben und der schrittweisen Verschärfung bestehender Vorschriften, etwa bei Gebäuden, Autos und Elektrogeräten. UBA-Chef Flasbarth sagt: „Wir müssen den Treibhausgasausstoß noch stärker vom Energieverbrauch entkoppeln.“ Nötig seien Effizienzsteigerungen und mehr erneuerbare Energien. Ziesing sieht insbesondere bei der Wärmedämmung von alten Häusern noch viel Potenzial für Energieeinsparungen und Bedarf an stärkerer staatlicher Förderung.
Auch der Rat für Nachhaltige Entwicklung sieht erheblichen Bedarf, die Wärmedämmung von Gebäuden zu verbessern – aber auch enorme wirtschaftliche Chancen, besonders für die Bauwirtschaft. Bis zu 340 Milliarden Euro könne diese bis zum Jahr 2030 umsetzen, wenn das nachhaltige Bauvolumen in Deutschland ausgeschöpft würde, schreiben die Berater der Bundesregierung in ihrem 2008 vorgelegten Positionspapier zu aktuellen Fragen der Klima- und Energiepolitik. Zuvor müsse die Politik aber „zahlreiche Hemmnisse“ aus dem Weg räumen. Energieexperte Ziesing sagt, die Bundesregierung habe durch die Wirtschaftskrise und den dadurch gesunkenen Energieverbrauch „etwas Zeit beim Klimaschutz gewonnen“. Die müsse sie jetzt nutzen.
Weiterführende Informationen
Klimaschutz: Treibhausgasemissionen im Jahr 2009 um 8,4 Prozent gesunken. Gemeinsame Pressemitteilung des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamtes, 05.03.2010.
Treibhausgasemissionen im Jahr 2009 um 8,4 Prozent gesunken. Grafiken zu den Treibhausgasemissionen sowie verschiedenen energiebedingten Emissionen 2009. [PDF, 81 KB]
Klimaschutz: Treibhausgasemissionen 2008 auf tiefstem Stand seit 1990. Pressemitteilung des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamtes, 29.03.2009.
Energieverbrauch 2009 so niedrig wie vor 40 Jahren. Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, 09.03.2010. [PDF, 57 KB]
Energieverbrauch in Deutschland im Jahr 2009. Energiebilanz der AGEB für 2009, März 2010. [PDF, 803 KB]
Konjunktur bremst Energieverbrauch. Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, 16.02.2009. [PDF, 64 KB]
Position des Nachhaltigkeitsrates zu aktuellen Fragen der Klima- und Energiepolitik. Positionspapier des Rates für Nachhaltige Entwicklung, 27.10.2008. [PDF, 67 KB]
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