12.02.2010
Internationale Energieagentur für Umstieg auf Biosprit aus Abfällen
Biokraftstoffe aus Stroh, Totholz und anderen land- und forstwirtschaftlichen Abfällen taugen nach Ansicht der Internationalen Energieagentur IEA besser als Alternative zu fosssilem Kraftstoff als Mais oder Raps. Die Agrarabfälle könnten mit der heutigen Technik zwischen drei und fünf Prozent des weltweiten Kraftstoffverbrauchs decken, heißt es in einer neuen Studie der in Paris ansässigen Organisation. Sogenannte Biokraftstoffe der ersten Generation aus Nahrungspflanzen schafften nur halb so viel. Sie seien auch Mitverursacher von Hungerkrisen. Die zweite Generation aus Agrar- und Forstabfällen stelle dagegen keine Konkurrenz zur Ernährung dar, so die IEA. Sie böte sogar neue Chancen für Entwicklungs- und Schwellenländer, da dort zwei Drittel der Agrarabfälle anfielen. Noch schleppt sich der Umstieg auf die zweite Generation dahin.
Zwischen zehn und 30 Jahren könnte es laut IEA dauern, bis die neuen Biokraftstoffe tatsächlich nennenswerte Anteile des Kraftstoffbedarfs decken. „Je höher die Investitionen in diese Technologie sind, desto schneller werden sie kommerzielles Interesse wecken“, sagt Studienautor Anselm Eisentraut. Erste Pilotanlagen stehen schon. Die IEA-Studie führt aber lediglich acht Anlagen in Entwicklungsländern auf.
Als Benzinersatz spielen Biokraftstoffe beider Generationen bisher nur eine kleine Rolle. Sie decken laut Studie heute 1,7 Prozent der weltweiten Kraftstoffnachfrage. 2030 könnten es jedoch schon 9,3 Prozent sein, der Anteil von Biokraftstoffen der zweiten Generation könnte bei bis zu 60 Prozent liegen. Zehn Prozent der weltweiten Agrarabfälle seien dafür nötig.
Gerade Schwellen- und Entwicklungsländern böte die Technologie „große Chancen“, sagt Mike Enskat, Programmkoordinator für nachhaltige Energie bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), von der die Untersuchung begleitet und finanziert wurde. Nur dürften sich die „Fehler bei der Entwicklung der ersten Generation nicht wiederholen“. Durch die sprunghaft gestiegene Nachfrage nach Biokraftstoffen aus Mais oder Raps waren viele Landwirte auf den Anbau der Energiepflanzen umgestiegen, steigende Lebensmittelpreise waren die Folge. Auch am Klimaschutzpotenzial der Biotreibstoffe wurden immer wieder Zweifel laut, unter anderem seitens der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), zu der auch die IEA gehört.
International vereinbarte Nachhaltigkeitsstandards sollen solche Fehler vermeiden helfen. Ein Katalog, der ökologische, ökonomische und soziale Anforderungen an Biokraftstoffe der zweiten Generation formuliere, sei fast fertig, sagt Paolo Frankl, IEA-Abteilungschef für Erneuerbare Energien. Erarbeitet hat ihn die Global Bioenergy Partnership, eine Allianz aus 19 Regierungen und zehn internationalen Organisationen, darunter die IEA und das UN-Welternährungsprogramm. Deutschland ist über das Bundesumwelt- und das Bundeslandwirtschaftsministerium vertreten. Der neue Standard, so Frankl, sei bedeutend, da „alle wichtigen Industrie- und Schwellenländer ihn tragen“, und sofort einsetzbar. Es könne allerdings Jahre dauern, bis er weltweit greift.
GTZ-Koordinator Enskat betont die Chancen von Biokraftstoffen der zweiten Generation für ärmere Länder. Sie böten Potenzial für neue Arbeitsplätze. Voraussetzung dafür sind laut IEA jedoch weitere Investitionen in die Forschung und in die Landwirtschaft der Entwicklungsländer. Nur so könne dort „die Nutzung von Agrarabfällen zur Treibstoffgewinnung ausgebaut werden“, so Frankl.
Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hat Politik und Wirtschaft im Frühjahr 2008 aufgefordert, „mehr zu tun, um die energiepolitische Innovation der Biomasse den Maßstäben der nationalen Nachhaltigkeitspolitik gerecht werden zu lassen“. Die Produktion aller erneuerbaren Energien müsse einer Nachhaltigkeitsprüfung unterzogen werden, schreiben die Berater der Bundesregierung in ihrer Biomasse-Empfehlung. Das gelte auch für die Biokraftstoffe der zweiten Generation, deren Nachhaltigkeitspotenzial noch „völlig offen“ sei.
Weiterführende Informationen
Biokraftstoffe aus Agrarabfällen können wichtigen Beitrag zur Treibstoffversorgung leisten. Pressemitteilung der OECD, 09.02.2010.
Sustainable Production of Second-Generation biofuel: Potential and perspectives in major economies and developing countries. IEA-Studie, Februar 2010. [PDF, 4,6 MB]
Sustainable Production of Second-Generation Biofuels. Präsentation zur Vorstellung der Studie am 09.02.2010, Berlin. [PDF, 248 KB]
Website der Global Bioenergy Partnership.
Biofuel policies in OECD countries costly and ineffective, says report. Pressemitteilung OECD, 16.07.2008.
Schutz der Biodiversität heißt aktuell: Biomasse-Produktion nachhaltig machen. Empfehlungen des Rates für Nachhaltige Entwicklung, texte Nr. 21, April 2008. [PDF, 373 KB]
Meldungen zum Thema
Umweltschützer: Nachhaltigkeitsverordnung für Biomasse greift zu kurz, 27.08.2009.
Biotreibstoffe: Britische Forscher fordern Beimischungsquote für Kerosin, 06.08.2009.
Strom-Biomasse soll künftig nur noch aus nachhaltigem Anbau kommen, 18.06.2009.
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