02.09.2009
Zertifikate sollen Landwirtschaft nachhaltiger machen
Während Teile des deutschen Waldes bereits gemäß Nachhaltigkeitskriterien bewirtschaftet werden und entsprechende Zertifikate tragen, steht eine vergleichbare Entwicklung bei landwirtschaftlichen Betrieben noch aus. Zwei aktuelle Vorhaben zur Zertifizierung ökonomisch tragfähiger, umweltverantwortlicher und sozial verträglicher landwirtschaftlicher Unternehmen sollen das ändern.
Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) in Frankfurt am Main und die Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft in Jena entwickeln Bewertungssysteme, die den Nachhaltigkeitsstatus von Höfen punktgenau ermitteln und den Landwirten Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen sollen. Erste Höfe wurden bereits auf ihre ökologische, soziale und ökonomische Leistung überprüft. Die besten bisher im Programm der DLG ermittelten Höfe erhalten jetzt das Zertifikat Nachhaltige Landwirtschaft – zukunftsfähig.
Einer von ihnen ist der Betrieb von Klaus Münchhoff, der im sachsen-anhaltinischen Derenburg auf 1.500 Hektar unter anderem Winterweizen anbaut. Sein Zertifikat wird er im November erhalten, zuvor musste sein Hof einen dreijährigen Prüfprozess durchlaufen. „Sehr viel gebracht“ habe das, sagt der Landwirt. Der Blick der Prüfer auf seinen Hof habe ihm neue Möglichkeiten für nachhaltigeres Wirtschaften aufgezeigt. So hätten seine Mitarbeiter beispielsweise „ein Trecker-Fahrtraining absolviert, das unseren Dieselverbrauch senken wird.“
Voraussetzung der von der Technischen Universität München unterstützten DLG-Initiative war, „Nachhaltigkeit in landwirtschaftlichen Betrieben überhaupt mess- und bewertbar zu machen“, sagt Norman Siebrecht, Forscher am Lehrstuhl für Ökologischen Landbau und Pflanzenbausysteme der TU München. Zu diesem Zweck wurde ein Indikatorensatz mit 22 ökologischen, sozialen und ökonomischen Prüfkriterien entwickelt, darunter Energieeffizienz, Treibhausgasemissionen, die Investitionsrate und die Arbeitsbelastung der Angestellten.
Die gesammelten Daten fließen in ein Software-Programm, das einen Bewertungsbogen für den Hof erstellt. Daran können die Landwirte laut Siebrecht präzise erkennen, wo sie noch nicht nachhaltig wirtschaften und wo sie ansetzen können, um das zu ändern.
Die Zertifizierung koste einen 1.000 Hektar großen Hof zwar rund 5.000 Euro, sagt Meike Packeiser, DLG-Fachbereichsleiterin Nachhaltigkeit und ländliche Räume. Die Landwirte profitierten davon aber doppelt: Sie könnten einerseits „ihr Betriebsmanagement mit den Bewertungsbögen optimieren“. Andererseits eigne sich das Nachhaltigkeitszertifikat zum Marketing. Nachhaltigkeit werde auf dem Lebensmittelmarkt „zunehmend ein Verkaufsargument“, so Packeiser.
Sowohl die DLG-Initiative als auch das Projekt der Thüringischen Landesanstalt für Landwirtschaft unterstützt das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) mit der wissenschaftlichen Auswertung von Modellvorhaben. „Wir wollen prüfen, ob und wie eine Nachhaltigkeitszertifizierung – vergleichbar den Systemen PEFC, FSC und MSC im Forst- und Fischereibereich – nachhaltiges Wirtschaften in landwirtschaftlichen Betrieben fördern kann“, sagt Ralph Brockhaus, Referent im Planungsstab des Ministeriums. Ein wünschenswerter Nebeneffekt wäre, so Brockhaus, wenn den Unternehmen damit auch die Einhaltung geltender EU-Förderkriterien erleichtert werde. Um Wirksamkeit und Potenzial der beiden Nachhaltigkeits-Bewertungskonzepte zu erfassen, lässt das BMELV die Zertifizierung von jeweils rund 15 Höfe nach dem System der DLG und dem der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft auswerten.
Weiterführende Informationen
Umweltforschung: TUM-Agrarwissenschaftler machen Nachhaltigkeit messbar. Pressemitteilung der Technischen Universität München, 18.08.2009.
Projektwebsite: Nachhaltige Landwirtschaft – zukunftsfähig.
Website der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft.
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