06.08.2009
Biotreibstoffe: Britische Forscher fordern Beimischungsquote für Kerosin
Sind Kokosnüsse das neue Kerosin? Taugen Algen als Basis für Biotreibstoffe der zweiten Generation und können diese helfen, die Emissionen des Luftverkehrs zu verringern? Britische Wissenschaftler halten das nicht nur für möglich. Für sie gibt es zur Beimischung von Biotreibstoffen zum Kerosin keine Alternative. Ihren Berechnungen zufolge könnte eine verpflichtende Beimischungsquote der Europäischen Union in den Jahren 2020 bis 2050 Klimaschutzkosten in Höhe von 360 Milliarden Euro verhindern.
Erstes Ziel müsse sein, die Nachfrage nach Flügen zu senken, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Ben Caldecott, der den Luftfahrtsektor für eine neue Studie des Londoner Forschungsinstituts Policy Exchange analysiert hat. Wolle man aber darüber hinaus die Emissionen der verbliebenen Flüge senken, führe kein Weg an Biotreibstoffen der zweiten Generation vorbei. Sie seien, so Caldecott, „lebenswichtig“ für die gesamte Industrie und in ausreichendem Maße verfügbar. Damit sie genutzt würden, müsse die Politik nun Anreize setzten.
Caldecott und sein Co-Autor, der Biologe Sean Tooze, plädieren für eine verpflichtende Beimischung von Biotreibstoffen zum herkömmlichen Flugzeugtreibstoff Kerosin. Die Quote soll mit einem Beimischungsanteil von 20 Prozent im Jahr 2020 starten und bis zum Jahr 2050 auf 80 Prozent steigen. „Wenn wir nichts unternehmen, wird der Sektor bis zur Mitte des Jahrhunderts für bis zu 20 Prozent des Treibhausgasausstoßes auf der Welt verantwortlich sein“, sagt Caldecott. Ihr Vorschlag könne den heute prognostizierten Emissionszuwachs des Sektors um bis zu 60 Prozent kappen.
Zweifel an der technischen Machbarkeit von Gemischen aus Biotreibstoffen und Kerosin sind weitgehend verflogen. Große Fluglinien und Treibstoffhersteller arbeiten seit Längerem daran, mit Biotreibstoff-betankte Testflugzeuge landen sicher auf der Erde. Die Fortschritte der vergangenen Jahre seien „überwältigend“, sagt etwa Billy Glover, der beim Flugzeugbauer Boeing für die Umweltstrategie verantwortlich ist. Boeing hatte vergangenes Jahr mit anderen Branchengrößen wie den Luftfahrtlinien Air France und British Airways die Sustainable Aviation Fuel Users Group gegründet, um an klimafreundlicheren Alternativen zum Kerosin zu arbeiten. Die Konzerne möchten so auch ihre Abhängigkeit von den stark schwankenden Ölpreisen verringern.
Zweifel am Klimanutzen von Biotreibstoffen bleiben jedoch. Die Herstellung von Biokraftstoffen der ersten Generation, etwa aus Palmöl, Soja und Zuckerrohr, hat dazu geführt, dass riesige Anbauflächen von Nahrungsmittel- auf die Treibstoffproduktion umgestellt wurden. Nach Ansicht des Rates für Nachhaltige Entwicklung ist aber auch das Nachhaltigkeitspotenzial der Agrokraftstoffe der zweiten Generation, die zum Beispiel aus Algen, Kokosnüssen oder Holz destilliert werden, „noch völlig offen“. Darauf hat der Nachhaltigkeitsrat die Bundesregierung im Frühjahr 2008 in seiner Biomasse-Empfehlung hingewiesen.
Die Ratsmitglieder sprechen sich darin auch deutlich gegen eine „rechtsverbindliche Quotierung“ aus, die es in Deutschland bereits für Autokraftstoffe gibt. Die Politik soll nach Ansicht des Rates auf solche Quoten so lange verzichten, „bis die nachhaltige Produktion sichergestellt, die zweite Generation von Agrokraftstoffen verfügbar und die Wirtschaftlichkeit gegeben ist.“ Die Bundesregierung hatte kurz vor dem Erscheinen der Empfehlung eine im Zeitlauf steigende Pflichtquote für die Beimischung von Biokraftstoff zum Autokraftstoff Benzin nach unten korrigiert.
Weiterführende Informationen
Cut emissions, not flying. Pressemitteilung des Londoner Forschungsinstituts Policy Exchange, 22.07.2009. [PDF, 96 KB]
Green skies thinking: promoting the development and commercialisation of sustainable bio-jet fuels. Studie des Londoner Forschungsinstituts Policy Exchange, Juli 2009. [PDF, 1,4 MB]
Boeing and Leading Airlines Announce New Members Added to Sustainable Aviation Fuel Users Group. Pressemitteilung Boeing, 13.07.2009. [PDF, 23 KB]
Schutz der Biodiversität heißt aktuell: Biomasse-Produktion nachhaltig machen. Empfehlungen des Rates für Nachhaltige Entwicklung, texte Nr. 21, April 2008. [PDF, 372 KB]
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