Hauff kritisiert Umweltgutachter: Provinzielles Denken beim Klimaschutz
Berlin, 08.05.2009 Als „provinziell“ bezeichnet Volker Hauff, Nachhaltigkeitsberater des Bundeskanzleramtes und ehemaliger Bundesminister für Forschung und Technologie, die Haltung von Umweltschützern zur großtechnischen Abtrennung des klimaschädlichen Gases Kohlendioxid (CO2) aus Kohle- und Gaskraftwerken. Hauff widerspricht einer am Mittwoch anlässlich einer Bundestagssitzung abgegebenen Stellungnahme des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU).
Hauff wendet sich scharf gegen das doppelte „Weiter so“ der deutschen Energiepolitik: „Es ist nicht hinnehmbar, dass in Deutschland weiter Kohlekraftwerke mit alter Emissionstechnik gebaut werden, die uns in den Klima-Gau treiben. Und es ist völlig unakzeptabel, dass wir weiterhin der alten Illusion nachgehen, Deutschland könne in den nächsten Jahrzehnten völlig auf Basis erneuerbarer Energien versorgt werden und brauche daher keine Energietechnik-Offensive. Beides stimmt nicht.“ Mittelfristig, könne Deutschland vielleicht ohne Kohle auskommen, so Hauff, „aber die Welt kann es auf keinen Fall.“
Hauff spricht sich für die am Mittwoch im Bundestag erörterte Abtrennung und Speicherung von CO2 aus Kohlekraftwerken aus und warnt vor dem von Umweltwissenschaftlern geforderten Stopp der Gesetzgebung. Der Nachhaltigkeitsexperte wirft den Umweltwissenschaftlern vor, ihre Blockadehaltung diene nicht dem Klimaschutz. Es sei „unverantwortlich, bei uns zu Hause zu verweigern, was global für viele Länder ohne Alternative ist“, so Hauff. Das St.-Florians-Prinzip lasse den Klimaschutz im Stich. So degeneriere die Maxime „global denken, lokal handeln“ zum „lokal denken, lokal handeln“.
Unverantwortlich sei dies insbesondere, weil sich nach Beobachtung von Wissenschaftlern die Anzeichen dafür mehrten, dass der Klimawandel schneller vor sich gehe als bisher prognostiziert und zugleich die Emissionen über alle Erwartungen anstiegen. China, Indien, die USA, Australien und viele Regionen in Afrika, so Hauff, werden nach Hauffs Einschätzung noch für lange Zeit auf Kohle zur Energiegewinnung setzen. „Entweder wir nehmen in Deutschland unsere Verantwortung wahr und schaffen den technischen Durchbruch, den Klimakiller CO2 aus dem Kreislauf herauszunehmen, oder wir drängen diese Länder in die Kernenergie und stehen am Ende ohne ein Klima-Abkommen da.“
Zur Technologie der Abtrennung und Lagerung von CO2 erklärt Hauff: „Wir wissen nicht, ob die erforderlichen Technologien rechtzeitig mit der erforderlichen Verlässlichkeit zur Verfügung stehen. Das darf aber kein Grund zum Nichtstun sein; im Gegenteil, mindestens unsere globale Verantwortung als Land mit einer beachtlichen Tradition in der Energietechnologie zwingt uns dazu, Wege in eine CO2-ärmere Zukunft durch neue Technologien zu weisen. Der Anteil der Kohle an der globalen Energieversorgung wird nach überwiegenden Einschätzungen bis zur Jahrhundertmitte nicht unter 30 Prozent fallen. Hier liegt eine riesige Chance für die deutsche Industrie.“
Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hat die Bundesregierung im Herbst aufgefordert, klar vorzugeben, dass nach 2015 kein Kohlekraftwerk ohne Abscheidetechnik genehmigungsfähig und dass 2010, zum Zeitpunkt der Einigung auf ein Kyoto-Folgeabkommen, jede neue fossile Anlage nachrüstfähig sein muss. Der Nachhaltigkeitsrat hat ferner darauf gedrungen, dass die Politik Genehmigungsvoraussetzungen für die Lagerung der CO2 schafft und dass alle heute in Betrieb befindlichen Kraftwerke, die mehr CO2 als den jeweilige Durchschnitt der Stein- beziehungsweise Braunkohlekraftwerke emittieren, ordnungsrechtlich zu Nachbesserungen veranlasst werden.
In seiner Stellungnahme vom Oktober 2008 mahnt der Nachhaltigkeitsrat ein klimapolitisches Umsteuern mit Hilfe des Prinzips der Kreislaufwirtschaft an. Noch bestehe beim Umgang mit CO2 das Gegenteil einer Kreislaufwirtschaft, weil das entstehende CO2 vollständig in die Umwelt entlassen werde. Dies erinnere an die Müllentsorgung vor 40 Jahren. In Reaktion auf die Missstände beim Müll wurde damals das Konzept der Kreislaufwirtschaft entwickelt und politisch durchgesetzt. Heute besteht nach Ansicht des Nachhaltigkeitsrates eine große wissenschaftliche und gesellschaftliche Herausforderung darin, Wege zu finden, das CO2 in einen Kreislauf einzubinden, also bei der Verbrennung abzuscheiden, zunächst kontrolliert zu lagern und dann so rasch wie möglich in neuen Prozessen wieder zu verwenden – wohl wissend, dass Lagerung auf die Dauer keine Lösung ist. Aus Sicht des Nachhaltigkeitsrats muss das Kreislaufprinzip zu einem wesentlichen Bestandteil der Energieforschung werden und alle Themen und Techniken der CO2-emissionsfreien Energiebereitstellung sowie der Speicherfunktion von Stromnetzen umfassen.
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Position des Nachhaltigkeitsrates zu aktuellen Fragen der Klima- und Energiepolitik (PDF, 68 KB) 27.10.2008
"Entwicklung des deutschen Kraftwerksparks und die Deckung des Strombedarfs" (PDF, 262 KB)
Kurzexpertise für den Rat für Nachhaltige Entwicklung, Dr. Felix Chr. Matthes/Dr. Hans-Joachim Ziesing (texte Nr. 26, Oktober 2008)
"Development of the German power plant fleet and meeting the electricity demand" (PDF, 216KB)
Short expert report for the German Council for Sustainable Development, Dr. Felix Chr. Matthes/Dr. Hans-Joachim Ziesing (text No. 26, October 2008)
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